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Tschetschenien: die letzten Aufrechten gehen
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Tschetschenien: die letzten Aufrechten gehen
Montag, 20.07.2009
Tschetschenien: die letzten Aufrechten gehen
Vorhin las ich, dass die russischen Menschenrechtsorganisation Memorial ihr Büro in Grosny schließt, weil sie nach dem Mord an Natalja Estemirowa nicht mehr die Sicherheit der Mitarbeiter garantieren kann. Das deprimiert mich zutiefst, ich habe die Aktivisten, Anwälte, Historiker und Journalisten von Memorial in den 90ern kennen- und respektieren gelernt, sie sind das humane, demokratische Gesicht des postsowjetischen Russland. Und in Tschetschenien der wohl letzte Hoffnungsschimmer für die Zivilbevölkerung, die seit gut 15 Jahren von Krieg, blutigen Bruderkämpfen, islamistischem Terror und staatlicher Willkür gequält wird.
Ich habe beobachtet, wie die NGOs, eine nach der anderen, die Kaukasusrepublik verließen oder verlassen mussten. Weil kein Warlord, keine Armee, keine Regierung für eine gute und kontinuierliche Arbeit garantieren konnte, weil zu viele Mitarbeiter bedroht oder entführt wurden. Weil Helfer grausam ermordet wurden. Aber beunruhigt das im Westen noch irgendjemanden? Ich fürchte nein.
Das jüngste Opfer in einer langen Kette politischer Morde war die 50jährige Natalja Estemirowa, die das Memorial-Büro in Grosny betrieb. Eine unerschrockene Journalistin, Freundin der ebenfalls ermordeten Anna Politkowskaja.
Rechtsnihilismus
Estemirowa hatte in den letzten Jahren versucht, die anhaltenden Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien aufzuklären und die Schuldigen beim Namen zu nennen. Ihre Feinde: die lokalen Sicherheitskräfte des Präsidenten Ramsan Kadyrow, russische und tschetschenische Geheimdienstler, korrupte Militärs und Politiker in der ganzen Region. Sie kämpfte für Wahrheit und Freiheit in einer Region, in der niemand mehr sicher ist, weil der Rechtsnihilismus herrscht.
Für ihren Mut erhielt sie westliches Lob und westliche Auszeichnungen, sogar vom Europa-Parlament. (Die üblichen Accessoires, wenn westliche Politiker sich irgendwie schämen, so wenig für die Menschenrechte in Russland zu tun.) Die Bekanntheit schützte Estemirowa nicht.
Zum wiederholten Mal sehe ich, dass die „Stabilität“ in Tschetschenien auf Mord gebaut ist. Sie wird mit Blut gewaschen. Sie bedeutet Staatsterror. Unter der Gewaltherrschaft des Putin-Zöglings Kadyrow ist kein Kritiker sicher, und nach dem Mord an die Journalistin, nach dem Schlussstrich von Memorial wird kaum jemand noch wagen, dieses zu belegen und auszusprechen.
Leere Versprechungen, hohle Rhetorik
Kanzlerin Merkel zeigte sich neulich beim Petersburger Dialog „bestürzt“, und Präsident Medwedjew versprach ihr „vollständige Aufklärung des Verbrechens“. Die übliche Rhetorik. Ich bin auch bestürzt. Weil wir im Westen nach jedem politischen Mord in Russland dasselbe sagen und dann zu den guten Geschäften übergehen, sei es nun die Opel-Rettung oder Erdgas-Versorgung.
Dabei gibt es sehr einfache Fragen, die wir an die russische Regierung stellen könnten (die gute und offene Partnerschaft wird ja oft genug betont).
Warum ist bislang kein politischer Mord aufgeklärt worden?
Wie lange gedenkt der Kreml den brutalen Kadyrow zu halten?
Ist die Region außer Kontrolle geraten?
Nur klare Fragen sind gute Fragen, und Medwedjew wird solche Klarheit etwas besser vertragen als sein Vorgänger Putin. Er erlaubte sich nach dem Mord an Estemirowa immerhin ein paar Worte des Bedauerns, eine kleine Dosis Rechtsstaatlichkeit. Wäre es wirklich vermessen, den Russen Hilfe bei der Strafverfolgung anzubieten oder Beobachter in die Kaukasusregion zu schicken?
Es ist wirklich deprimierend und beschämend, wie sehr wir im Westen den russischen Menschenrechtlern, Journalisten und Oppositionellen überlassen, die Fäulnis am Rande Europas beim Namen zu nennen. Diese wenigen Tapferen werden dafür erschossen, erschlagen, vergiftet. Ihre Reihen lichten sich. Es wird Zeit, dass wir ihnen etwas von dieser lebensgefährlichen Bürde abnehmen.
Weitere Verweise zu Tschetschenien: die letzten Aufrechten gehen
Kommentare zum Eintrag Tschetschenien: die letzten Aufrechten gehen
Zitat Mikich: "Zum wiederholten Mal sehe ich, dass die „Stabilität“ in Tschetschenien auf Mord gebaut ist. Sie wird mit Blut gewaschen."
Was ist in der "freiheitlichen" Hierarchie von materialistischer "Absicherung" nicht auf Mord gebaut / wird nicht mit Blut gewaschen???
Seit ich denken kann, haben in "Friedenszeiten" mehr Menschen ihr Leben gelassen als in ...zeiten, trotz oder gerade wegen der "Entwicklungshilfe", zum "Aufbau" unseres Systems des "gesunden" Konkurrenzdenkens im Wettbewerb um "WER SOLL DAS BEZAHLEN?" - mit gebildeter Suppenkaspermentalität gepflegte Bewußtseinsschwäche in Angst, Gewalt und "Individualbewußtsein" auf Sündenbocksuche / Neurosen und Psychosen in GLEICHERMAßEN MANIPULIERTER Überproduktion von zeitgeistlich-zynischem Kommunikationsmüll seit der "Vertreibung aus dem Paradies".
"Zum wiederholten Mal sehe ich" - auch die Globalisierung der "Dienstleistungsgesellschaft" wird nur die "Stabilität" der Welt- und "Werteordnung" in "Arbeit macht frei" reformieren!
hto am 21.07.09 10:56
Frau Mikich, Sie sprechen mir aus der Seele und ich würde mich freuen, wenn Sie dieses Thema auch mal in MONITOR thematisieren könnten. Ich habe davon im Internet erfahren, auf tagesschau.de nämlich. In den Nachrichtenformaten wie tagesschau, tagesthemen oder nachtmagazin finden diese grausamen Morde meines Erachtens nicht genügend Beachtung. Wenn darüber berichtet wird im TV, dann oft nur als kurze Meldung. Höchstens im Weltspiegel berichten die Korrespondenten mal kritisch und ausführlich über diese Morde, aber in den wichtigen Nachrichtenformaten scheint es, als werden diese Themen totgeschwiegen. Und nur wenn man öffentlichen Druck aufbaut, kann etwas geschehen!!!
Daniel am 21.07.09 19:09
Da werden Journalisten abgemurkst - und die Politik dieser Welt schaut zu, ist empört... und macht weiter wie bisher. Und kaum ist Gras drüber gewachsen, ist Tschetschenien in der EU. Na ja, so schnell vielleicht nicht - aber das ist alles eine Frage der Zeit. Und: Was ist eigentlich aus den beiden amerikanischen Journalistinnen in Vietnam geworden. Wenn die aus dem Arbeitslager rauskommen (ja: wenn) sind die alt und kaputt. Wer tut da was. Warum kommen "diese Länder" mit so was durch, während mich hier der Nachbar schon komisch anschaut, wenn ich Glas in den Hausmüll werfe... Leute: Schaut über den Tellerrand und seid empört. Und seid laut dabei! Danke Frau Mikich & Co. fürs Aufpassen!!!
Gebührender Ernst am 22.07.09 10:53
Ich bin sehr froh, dass Sie dies thematisiert haben, ist es doch nur eine Fußnote in den Medien. Auch ich fände dieses Thema geeignet für eine MONITOR-Sendung. Ich frage mich aber, wie Druck auf unsere Politiker/innen ausgeübt werden kann - ist es doch nach meinen eigenen Erfahrungen so, dass kritische Anmerkungen nicht entgegen genommen werden. Sie hören nie wieder etwas von der "hohen Politik" - kein Wunder, wenn ein ganzes Volk nur dazu da ist, zu wählen und dann den Mund zu halten. Umso wichtiger ist es, wenn gute Sendungen um so lautstarker sind.
Evelyn Thriene am 23.07.09 23:31
Sehr geehrte Leser,
da wird in aller Öffentlichkeit eine Journalistin ermordet und die Welt
schaut ungerührt zu.Ja die Politiker die sonst immer etwas zu lamentieren haben Schweigen und eine Merkel empfängt als Krönung den Präsidenten der Sowjetunion.
Diese Dame die man einfach hinrichtete,weil sie sich für Freiheit und
Menschenrechte stark machte war schon lange ein Dorn im Auge derer die
ihre Interessen durch sie gefährdet sahen.
Ich finde es furchtbar das nach einer Nazi-Zeit so etwas in Europa möglich ist,Menschen zu verschleppen,mundtot zu machen oder gar zu ermorden.Aber bedenke erst durch wegschauen und Schweigen ermöglichen wir alle diese Taten.Das unsere gewählten Politiker schweigen war doch klar.Wie die laschen Maßnahmen gegen Nord-Korea denn verdienen
wollen doch die Lobbyisten und Firmen weiter.
Mit freundlichen Grüssen
an alle Leser.
J.Richter
Joachim Richter am 24.07.09 22:23
Sehr geehrte Damen und Herren,
vor etwa zehn Tagen schrieb ich einen Beitrag über die Ermordung
einer Journalistin,heute nun musste ich erfahren das eine Völkerrechtlerin und ihr Ehemann im Kaukasus auch ermordet
wurden.
Bei dem Umgang mit dem Leben,der Freiheit und der Menschenrechte,wird
es mir schlecht.
Ich bin zu tiefst erschüttert und frage mich warum unsere Regierung
so tut als sei nichts passiert...
Frau Merkel CDU kennt ja den großen Vaterländischen Freund...
Diese Frau "Merkwürden"genannt Merkel sollte sowie so zurück treten!
Das die Regierungen in Europa,speziell die deutsche,so reagiert ist
unhaltbar!
J.R.
Joachim Richter am 11.08.09 10:28
Sehr geehrte Leser,
nur einige Beiträge ist es den Menschen wert um über Menschenleben zu
reagieren und zu antworten.Ich persönlich stelle mir die Frage was in
diesem Land los ist.Das Desinteresse,die ist mir egal Meinung,da kann
ich sowie so nichts machen und der Nonsens-Spruch:"So is es."
Menschenleben zu vernichten scheint einigen Vertretern egal zu sein,nur dass sie eben weit weg sein müssen.Ist das die Moral der Deutschen.
Vor noch nicht einmal zwanzig Jahren wurden an einer Grenze mitten durch unser Land Menschen erschossen.der SED-Staat ließ es sich gut
gehen und die Menschen verschwanden in Stasi-Knast.Heute muss ich hören:" In der DDR war es doch nicht so schlecht."
Ich glaube ich spinne! Das ist der wahre Grund,wir vergessen zu
schnell...Vor allem aber andere Fremde.
Joachim Richter am 16.09.09 11:27
Wir vergessen nicht nur zu schnell,sondern wir lernen einfach nichts dazu! Wir entwickeln uns zurück in eine Zeit in der Freiheit & kritisches Denken nicht erwünscht war.Oder was glaubt Ihr warum das Internet jetzt kriminalisiert wird !!
Ich wollte vor 14 Tagen einen politischen Beitrag auf einem Blog schreiben.
Wunderte mich ,das ich immer auf eine Seite gelangte , wo es hieß: Ich wäre in einen Spamfilter gelangt und könne deshalb hier nichts schreiben.
Das war Quatsch ,denn mein Beitrag enthielt außer sachlicher Kritik am Staat nichts ,was als Spam fungieren könnte. Ich bin dem nachgegangen und habe entdeckt , das es einen Wortfilter für diesen Blog gibt der meinen Beitrag speichert mit einem Filter in der USA abgleicht.Dort stehe ich jetzt warscheinlich auf dem Index !!Ich habe Verbotene Wörter benutzt !! Diese Firma nennt sich Datenwachschutz .Und das alles weil ich mich an einer Diskusion im Internet beteiligt habe .Kaum jemand hat gemerkt , wie sich Zensur auch hier eingeschlichen hat.Und bald wird Google uns die Seiten zuteilen ,die wir sehen dürfen und bestimmte Informationen werden wir nicht mehr bekommen. Das nenne ich ZENSUR , ganz elegant durch die Hintertür.Weshalb haben wohl Politiker das Internet als Krimminellen Ort entdeckt !!!
Wacht auf !! Bei uns werden Sie nicht ermordet sondern Mundtod gemacht.Es wird auch bei uns in Zukunft gefährlicher die "Warheit"zu sagen .Ich bin entsetzt über diese Aussichten.
Gina am 29.09.09 11:44
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