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Stephan Josef
Sie ist jung und in den Augen vieler sehr attraktiv. Sie stand häufig im Mittelpunkt ihrer Gruppe, doch sie hat auch einiges durchmachen müssen in letzter Zeit. Damit ist jetzt Schluss. Die Rede ist hier nicht von Micaela Schäfer aus dem
RTL-Dschungelcamp, sondern von
Marina Weisband. Die telegene Geschäftsführerin der Piratenpartei möchte sich auf ihr Psychologie-Studium konzentrieren und wird deshalb im Mai nicht wieder für den Job in der Führungsspitze der Partei kandidieren. "Sie wollten nur mich", klagte sie über zahlreiche Interview- und Talkshowanfragen der Medien an die Piratenpartei. Nun will sie nicht mehr.
Aufmerksamkeit ist halt nicht immer schön. Das habe ich schon zu Schulzeiten erfahren. Hatte ich mal die Hausaufgaben vergessen, gab ich meinem Gesicht einen möglichst neutralen Ausdruck, um vom Lehrer nicht drangenommen zu werden. Das war nicht immer erfolgreich. Deshalb träumte ich im Unterricht manchmal von einer Tarnkappe. Die hat nicht nur den Vorteil, dass man nicht gesehen wird. Sie ermöglicht auch, unerkannt dabei zu sein, wenn die Lehrer konferieren, wenn nervige Mitschüler über einen tuscheln oder wenn die Mädchen der Klasse kichernd beraten, wer wohl der netteste Junge ist. Dabei sein, ohne bemerkt zu werden - die Tarnkappe ist auch der Traum aller Schlapphüte. Doch bislang ist sie bloß ein Traum geblieben.
Eine
hoffnungsfrohe Nachricht kommt dieser Tage aus Texas. Dort ist es Physikern gelungen, erstmals einen dreidimensionalen Gegenstand unsichtbar zu machen. Geholfen hat ihnen dabei "plasmonisches Metamaterial", künstliche Stoffe, die das Licht so streuen, dass man den Gegenstand nicht mehr sieht. Das gelingt bislang nur mit winzig kleinen Objekten. Aber der Anfang ist gemacht. Macht die Wissenschaft hier Fortschritte, würden viele davon profitieren. Micaela Schäfer etwa – sie experimentiert ja angeblich gerne mit Kunststoffen – könnte in Erfahrung bringen, was die Macher des Dschungelcamps wirklich von ihr halten. Die Karnevalsjecken könnten am Aschermittwoch die Narren- gegen die Tarnkappe tauschen – so wären sie geschützt vor den Nachstellungen ihrer Karnevalflirts. Und Marina Weisband wäre dank Tarnkappe vor den Journalisten sicher.
Während in Texas noch fleißig geforscht wird, wie größere Objekte zum Verschwinden gebracht werden können, scheint die Physik in Berlin schon einen Schritt weiter zu sein. Oder genauer gesagt: die Physikerin im Kanzleramt. Zu Beginn der Eurokrise war sie selbst fast unsichtbar. Noch größeren Ehrgeiz verwendete sie darauf, andere unsichtbar zu machen: Friedrich Merz. Edmund Stoiber. Günther Oettinger. Derzeit sollten sich vor allem FDP-Politiker in Acht nehmen. Hat eigentlich jemand Herrn Rösler gesehen in letzter Zeit? Experimente mit Teflon waren gestern - Merkel arbeitet längst mit plasmonischem Metamaterial.
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Zum SeitenanfangBahnfahrten sollten in keinem Blog vorkommen. Das hat zumindest mal Sven Regener gefordert, der Sänger von Element of Crime und Schöpfer der "Lehmann"-Romane und "Logbücher". Regener hat sich an seine Forderung allerdings selbst nicht gehalten. Aus gutem Grund: In der Bahn lassen sich immer interessante Menschen kennen lernen. In der vergangenen Woche bin ich täglich S-Bahn gefahren, zwischen Köln und Düsseldorf. Ich liebe das leichte Ruckeln des Zuges, das raue, ursprüngliche Fahrgefühl. Nur auf das grelle Kreischen der Bremsen an jeder Haltestelle könnte ich verzichten. Die Strecke führt durch betonierte Vorstädte, kahle Gewerbegebiete und an Chemiefabriken vorbei. In der Ferne grüßen Dampfwolken von Braunkohle-Kraftwerken.
Die meisten Pendler, die mit mir im Zug sitzen, haben keinen Blick übrig für die melancholische Schönheit der niederrheinischen Landschaft. Sie lesen, hören Musik oder beschäftigen sich mit ihrem Handy. Smartphone und MP3-Player sehe ich dabei öfter als Buch oder Zeitung. Die digitale Revolution ist anscheinend auch in der S-Bahn angekommen, zumindest bei den Fahrgästen. Ein Mann, der mit mir sowohl ein- als auch aussteigt, packt regelmäßig einen Tablet-PC aus. "Ich schaue mir morgens die Online-Seiten der wichtigsten deutschen Medien an, das bringt mehr als Zeitunglesen", erklärt er mir in einer kurzen Bildschirmpause, und dass er Frederick heißt. Während Frederick durch die deutsche Medienlandschaft surft, fahren wir an einer Großdruckerei vorbei – "ein Relikt der alten, analogen Welt", wie Frederick findet.
Frederick zählt sich zur digitalen Boheme, macht beruflich "was mit Medien". Wohnungen mit wandhohen Regalen voller Bücher sind für ihn gestrig, bei ihm zuhause gebe es dafür mehr Bildschirme, erzählt er. "Ich besitze kein einziges Buch aus Papier. Ich habe nur E-Books." Damit liegt er voll im Trend: Der Internethändler Amazon hat gerade gemeldet, erstmals mehr elektronische Bücher verkauft zu haben als Hardcover. Probleme bereitet diese Entwicklung romantischen Gemütern und natürlich Regalbauern und -verkäufern. Frederick gehört zu keiner der Gruppen, hat sich aber, wie er beteuert, den Sinn fürs Ursprüngliche, für das Einfache, für das Archaische bewahrt. Deshalb hat er erst kürzlich das
Neandertalmuseum besucht. Und deshalb gibt es Abend für Abend derzeit einen Pflichttermin für ihn - das "
Dschungelcamp".
Sehr nette und treffende Beschreibung :-) Bloß: Ich frage mich: Wieso S-Bahn nutzen zwischen Köln und Düsseldorf, wo dort mehrere RegionalExpress-Linien fahren :-)
Anonym am 22.01.12 14:09
Schöner Beitrag. Ich fahre als Berufspendler tãglich mit der S11 von Köln nach Düsseldorf, habe auch mein Smartphone, um Nachrichen zu lesen, aber trotzdem einen Blick für die Rübenfelder. Und im Ohr nicht den Knopf vom MP3-Player, sondern vom mobilen DAB+-Empfänger, um u.a. WDR2 zu hören. Warum ich nicht mit dem Regionalexpress fahre? Ich müsste 3x umsteigen, die 11 fährt praktisch bis vor die Bürotüre.
Anonym am 22.01.12 17:53
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Zum SeitenanfangDas neue Jahr hat für mich einen ganz eigenen Reiz. Auch wenn Kopf und Augenlider noch schwer sind von der Silvesterfeier. Ein neues Jahr, das ist wie unberührter Schnee. Gut, so ganz unberührt ist das neue Jahr schon nicht mehr: In den neuen Kalender habe ich schon die – genehmigten – Urlaubstage eingetragen, außerdem die wichtigsten Geburtstage. Zudem stehen dort schon einige Feier- und Gedenktage, wobei sich die Kalendermacher bestimmt etwas gedacht haben. Wahrscheinlich wollen sie mich animieren, am Tag der gesunden Ernährung, dem 7. März, mal den Kantinenbesuch ausfallen zu lassen. Dafür soll ich dann am 6. Mai, dem internationalen Anti-Diät-Tag, auf jeden Fall dorthin.
Mit gemischten Gefühlen sehe ich dem Weltlachtag entgegen, am ersten Sonntag im Mai. Ich ahne, welche Themenvorschlägen dazu auf meinem Schreibtisch landen werden: Eine Reportage aus einem Lachseminar. Ein Interview mit einem Comedian über Humor. Oder eine Straßenumfrage zum Thema "Was finden Sie eigentlich lustig?". Es sind Vorschläge, die ich mit spitzen und mit gründlich gewaschenen Fingern anfassen werde. Schließlich ist 24 Stunden vorher der Internationale Tag der Handhygiene.
Die Erinnerungs- und Gedenktage sorgen für sinnvolle Impulse. Würden wir über Bären nachdenken und uns an Problembär Bruno erinnern, gäbe es keinen Bärengedenktag (26. Juni)? Oder würden wir über das Klo sinnieren, fehlte uns der Welttoilettentag (19. November)? Und wie zerrüttet wäre unser Verhältnis zu unseren Lebensgrundlagen, gäbe es nicht den Weltmilchtag (1. Juni)! Wobei die Milch ja leider von vielen Menschen nicht vertragen wird, wegen einer Laktoseunverträglichkeit. Diese können dann halt am gleichen Datum den Weltbauerntag feiern.
Ein bisschen schade finde ich, dass 2012 die UN-Literatur-Dekade "Bildung für alle" ausläuft. Dafür gibt es aber das ganze Jahr ein wenig Nachhilfe für die Manager von RWE, Eon, Vattenfall und EnBW: Die Vereinten Nationen haben 2012 zum "Internationalen Jahr der erneuerbaren Energie für alle" ausgerufen, außerdem zum "Internationalen Jahr der Genossenschaften". Wenn dahinter nicht die Grünen beziehungsweise die Sozialdemokraten stecken! Interessanterweise fehlt 2012 ein liberaler Gedenktag. Dafür gibt es am 19. September den "Sprich-wie-ein-Pirat-Tag". Bestimmt auch kein Zufall.
Ein neues Jahr ist wie unberührter Schnee? Das ist wahrscheinlich bloß eine romantische Wunschvorstellung von mir, wie mein eigener Kalender zeigt. In etwa so realistisch wie Schneefall an diesem frühlingshaften Neujahrstag. Realistischer ist da die EU. Sie hat 2012 zum Europäischen Jahr für aktives Altern ausgerufen. Da werde ich mitmachen – ob ich will oder nicht.
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Früher glaubte ich ans Christkind. In der Nacht vor
Heiligabend gelangte es auf geheimnisvolle Weise in unser Wohnzimmer und legte dort Geschenke für meine Geschwister und mich unter dem Weihnachtsbaum ab. So erklärten es unsere Eltern. Gesehen habe ich das Christkind nie, nie gelang es mir, die ganze Nacht wach zu bleiben. Mein jüngerer Bruder behauptet, das Christkind einmal gesehen zu haben, als er in der fraglichen Nacht aufs Klo musste. Aber seiner Erzählung habe ich schon damals nicht geglaubt. Ohne seine Brille, die er nachts bestimmt nicht aufsetzte, konnte mein Bruder nämlich so gut wie nichts sehen.
Als ich nicht mehr ans Christkind glaubte, musste ich am Abend vor Heiligabend beim Baumschmücken helfen. Meine Schwester Hildegard, ein christkindhaftes Wesen mit langen blonden Haaren, sinnierte über das künstlerische Gesamtkonzept des Baumes, während ich die schon mal die Dekoration aus dem Keller ins Wohnzimmer schleppte, jedes Jahr wurden es mehr Kisten. Versonnen hängte Hildegard anschließend die von mir entstaubten Engel, Kugeln und Sterne in den Baum, korrigierte die Position des einen oder anderen, und stellte sich bald hierhin, bald dorthin, um den geschmückten Baum von allen Seiten zu begutachten. Manchmal entschied sie sich dann noch für eine andere Grundfarbe der Dekoration, und ich musste vorsichtig das silberne Lametta gegen rotes austauschen oder die gelben Kerzen durch weiße ersetzen. Es wurden stets lange Abende, und anstrengende dazu.
Seit einigen Jahren bin ich am 23. Dezember abends bei Heinz und Rieke. Heinz ist sparsam veranlagt, besonders beim Kauf des Weihnachtsbaums. Um einen zu erwerben, geht er erst kurz vor unserer Verabredung los. Dann sind die Händler durchgefroren und ihre unansehnlichen Restbäumchen runtergesetzt. "Außerdem kann ich noch prima mit den Jungs feilschen", erklärt Heinz. Einen Ständer für den Christbaum spart er sich komplett, dazu reicht ihm ein Putzeimer mit Sand. Den Sand organisiert er, im Schutz der Dunkelheit, auf einer nahe gelegenen Baustelle. Das hat noch nie zu Problemen geführt. Die fangen aber an, wenn seine Freundin Rieke den Baum erblickt. Klein, mickrig, verkrüppelt, altersschwach – hart und harsch geht Rieke mit dem Baum ins Gericht, und natürlich mit seinem Käufer. Aufgefordert, den Schiedsrichter zu spielen, verhaspele ich mich in diplomatischen Floskeln. Der Abend vor Heiligabend ist bislang einfach nicht mein Glücksabend.
In diesem Jahr soll das anders werden. Am Tag vor Heiligabend bin ich,
ganz im Trend, zum Christbaum-Schlagen verabredet, mit einigen Freunden. Heinz ist nicht dabei, er will lieber nach Geschäftsschluss in die Schonung. Dafür geht Hildegard mit. Ihr habe ich versprochen, beim Schlagen und Sägen ihres Baumes behilflich zu sein. Sie möchte wahrscheinlich eine Nordmanntanne. Oder eine Blautanne. Allerdings will sie sich auch in Ruhe mal die einfachen Fichten und die Douglasien anschauen, hat sie angekündigt. Dabei wird sie sehr gewissenhaft sein, denn sie weiß: Weihnachten wird durch den Baum entschieden.
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Angefixt wurde ich von meinem Vater, im zarten Alter von elf oder zwölf Jahren, während eines Urlaubs im
Sauerland. Tag für Tag regnete es, die meiste Zeit verbrachten meine Eltern, meine Geschwister und ich deshalb in der düsteren Ferienwohnung. Die Bücher, die ich mitgenommen hatte, waren längst gelesen, und zum Quartett-Spielen mit meinem kleinen Bruder hatte ich keine Lust mehr. "Mir ist langweilig", erklärte ich regelmäßig und wahrheitsgemäß – bis mein Vater mir zwei Taschenbücher in die Hand drückte. Es waren
Krimis, mit rotem Einband drumrum und Leichen drin, also keine blöden Kinder-Detektivgeschichten. Ich war begeistert von den beiden
Agatha Christie-Romanen.
Der Urlaub blieb nicht ohne Folgen: Im Sauerland habe ich meine Ferien seither nicht mehr verbracht. Den Kriminal- und Detektivgeschichten bin ich treu geblieben. Anfangs faszinierten mich besonders Geschichten aus England. Die spielten gerne auf eingeschneiten Landsitzen, auf einem Schiff oder in einem Zug, also überall dort, wo Menschen mehr oder weniger zwangsweise eine Zeitlang miteinander auskommen müssen. Das ging selten gut, meist nutzte ein harmlos anmutender Bösewicht die Situation, um alte Rechnungen zu begleichen und reihenweise Leute ins Jenseits zu befördern. Eigentlich ein Wunder, dachte ich manchmal, dass damals während des Sauerland-Urlaubs in unserer Ferienwohnung nichts Schlimmes passiert ist.
Was Krimis angeht, habe ich jede Mode mitgemacht: habe mich durch den sozialkritisch ambitionierten neuen deutschen Kriminalroman gequält. Ich habe die desillusionierten Ermittler der amerikanischen Detektivgeschichten bewundert. Habe skurrile Aufklärer wie den Österreicher
Brenner kennengelernt und brave Kommissare aus Bonn, Köln, vom Niederrhein und aus der Eifel.
Skandinavische Kriminalromane waren natürlich auch dabei. Nach dem fünften Krimi von Henning Mankell musste ich allerdings eine Pause einlegen, weil ich die gleichen Magenprobleme bekam wie Mankells Kommissar Wallander. Vielleicht lag es an den fiesen Mordmethoden, mit denen wir beide konfrontiert wurden, vielleicht aber auch an unserer gemeinsamen Vorliebe für Schnellgerichte, Pizza und Kaffee.
Auf meinem Wunschzettel für
Weihnachten stehen in diesem Jahr wieder etliche Krimis. Ich freue mich auf unbeschwerte Lesetage nach dem Fest. Ein Büchlein für den Kurztrip zum Jahreswechsel habe ich mir schon selbst geschenkt. Es heißt "Tot überm Zaun" und spielt, unter anderem, im Sauerland. Da wo meine Freundin und ich den Jahreswechsel feiern wollen. Zuschneien werden wir ja hoffentlich nicht.
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Zum SeitenanfangAls Kind hat mich Rumpelstilzchen sehr beeindruckt. Das Männchen hat – nicht ganz uneigennützig – einer Frau aus dem Volke geholfen, Königin zu werden, indem er Stroh zu Gold spann. Wahrscheinlich wollte Rumpelstilzchen einfach mal in den Königspalast eingeladen werden und das Gefühl auskosten, über schwere rote Teppiche zu schreiten. Gerne hätte ich den kleinen Kerl mit den goldenen Händchen zum Freund gehabt. "Rumpelstilzchen gibt es doch nur im Märchen", erklärte mir allerdings meine Oma, und fügte kritisch hinzu: "Du bekommst doch genügend Taschengeld – Du musst es Dir nur richtig einteilen!"
Was "genügend Taschengeld" heißt, darüber gingen die Meinungen in unserer Familie stark auseinander. Meine Eltern und meine Oma fanden bescheidene Auszahlungen sinnvoll, wir Kinder dagegen einfach ungerecht. Denn wir konnten alle aus dem Stehgreif Freunde benennen, die wesentlich mehr Geld von ihren Eltern bekamen als wir. Unsere Eltern und unsere Oma blieben von diesem Argument unbeeindruckt, sie verweigerten jede Taschengeld-Erhöhung. Verschwenderisch waren sie nur mit Spar-Appellen.
In dieser Woche hat der Bundestag über den
Haushalt für das nächste Jahr debattiert. Da war auch viel vom Sparen die Rede, interessanterweise von Politikern der Koalition wie von denen der Opposition. Es war ein Streit darum, wer besser sparen kann, wer sozusagen das größere Sparschwein hat. Das Sparschwein ist derzeit bei Politikern in ganz Europa zur heiligen Kuh geworden. Es scheint, zumindest kurzfristig, den Dukatenesel verdrängt zu haben, das traditionelle Lieblingstier aller Wahlkämpfer.
Ein Ökonom hat vor kurzem im Fernsehen behauptet, in absehbarer Zeit würde das Geld abgeschafft. Das kann ich mir zwar nicht recht vorstellen, hat bei mir aber doch einige Fragen aufgeworfen: Lohnt sich vor dem Hintergrund das Sparen überhaupt noch? Sollte ich mein Geld nicht schleunigst ausgeben, bevor es von selbst verschwindet? Oder sollte ich mir vielleicht eine Parzelle Land kaufen? Oder meine kleinen Ersparnisse in Gold anlegen? Gold scheint ja immer goldrichtig, wie schon zu den Zeiten von Rumpelstilzchen.
Nach einigem Hin und Her habe ich mich doch fürs Sparen entschieden, Oma wäre stolz auf mich. Ursprünglich wollte ich in eine neue, größere Wohnung umziehen. Aus Spargründen begnüge ich mich nun mit der Renovierung der alten. Ein Maler hat die Wände bereits gestrichen, nun kommt noch ein neuer Bodenbelag rein: roter Teppichboden, der hat so was Königliches, Rumpelstilzchen würde er bestimmt gefallen. Wichtiger für mich: Rot motiviert dazu, so hat eine Studie ergeben, weniger zu heizen.
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Zum SeitenanfangDen ersten Glühwein des Jahres trinke ich traditionell im November, auf einem Schulhof in der Nachbarschaft. Zum Laternen-Umzug ihrer Grundschul-Kinder schenken dort, an einer improvisierten Trinkbude, Eltern das süße Heißgetränk aus. "Engagierte Eltern", wie die Rektorin der Grundschule in ihrer kleinen Begrüßungsansprache betont. Auch in diesem Jahr drängen sich nicht nur andere engagierte Eltern, sondern zusätzlich engagierte Onkel, Tanten und eben auch Nachbarn der lieben Kleinen um den Getränkestand. Der Glühwein ist gewohnt gut und wärmt mir den Bauch, der Anblick der Laternen tragenden Kinder das Herz.
Als sich der Lichterzug der Kinder in Bewegung setzt, mit einem bärtigen Mann in tiefrotem Mantel auf einem Pferd vorneweg, schließen sich nur ein paar Männer an, "engagierte Begleit-Väter", so die Rektorin. Die übrigen Erwachsenen warten am Glühweinstand auf die Rückkehr des Umzugs. Die "engagierten Begleit-Väter" sollen dafür sorgen, dass keine Laterne in Brand gerät. Zwar leuchten die meisten Martinsfackeln heutzutage dank Batteriestrom, aber einige auch noch traditionsbewusst, mit Hilfe echter Kerzen. Die Kinder, die Blechbläser, der heilige Martin und sein Pferd erreichen dann auch heil wieder den Schulhof. Allerdings diskutieren einige Viertklässler inzwischen lautstark darüber, ob statt eines heiligen, gutherzigen Mannes auf dem Pferd nicht vielleicht der doofe Turnlehrer sitzt, der Herr Kurtz mit knarzigen Stimme. Zwei Kinder wollen außerdem beobachtet haben, dass der Mann auf dem Pferd seinen Mantel nicht wirklich mit dem Schwert geteilt hat. "Da war ein Reißverschluss drin", sind sich die beiden sicher.
Bei der Klärung der Identität des Reiters wollen nun auch einige engagierte Glühwein-Trinker behilflich sein. "Ausziehen, ausziehen", skandieren sie. Hinter seinem langen weißen Bart färbt sich das Gesicht des Reiters dunkel und ähnelt nun seinem tiefroten Mantel. Um die Situation zu entschärfen, gibt die Rektorin den Blechbläsern das Signal zum Einsatz. Die plötzlich einsetzende Musik überfordert anscheinend das Pferd. Mit gewaltigen Sätzen prescht es davon, samt heiligem Martin beziehungsweise unheiligem Turnlehrer. "Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind, sein Ross das trug ihn fort geschwind", spielt die Kapelle. Doch feierliche Stimmung will nicht mehr recht aufkommen, und rasch leert sich der Schulhof.
Feierlich ist mir doch noch zumute, später zuhause, bei der Bambi-Gala im Fernsehen. Zu sehen sind schöne Frauen in schönen Roben, gut angezogene Männer, Stars und Sternchen, alle irgendwie engagiert für eine gute Sache, die meist mit Kindern zu tun hat. Die
Bambi-Gala ist sozusagen die Martinsfeier für die Reichen und Schönen: ohne Mantel, Martin und Pferd, dafür mit Smoking, Altkanzler und Rehkitz. Und, das allerwichtigste: ohne Glühwein, aber mit Schampus. Es ist ein wahres Fest, nur der wegen mancher Liedtexte und Statements umstrittene Preisträger
Bushido sorgt für etwas Unruhe im Saal. Der erinnert mich ein wenig an den heiligen Martin – oder genauer gesagt an Herrn Kurtz.
Her Josef, wie treffend! Oder sollte ich sagen: Herr Pleitgen???
Monika am 13.11.11 23:12
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Zum SeitenanfangManche Errungenschaften des modernen Lebens sind so selbstverständlich geworden, dass wir uns kaum noch vorstellen können, wie ein Leben ohne sie möglich war. Ich erinnere mich allerdings noch gut daran, wie mein Leben ohne Navigationsgerät aussah: Alleine unterwegs, versuchte ich in fremden Regionen vieles gleichzeitig im Blick zu behalten: die Schilder, den Verkehr, die Karte auf dem Beifahrerplatz und natürlich die Uhr, denn ich wollte ja pünktlich mein Ziel erreichen. Das war kein Spaß, besonders wenn es draußen schneite oder dunkel war oder beides zugleich. Ein Wunder eigentlich, dass ich es trotzdem immer geschafft habe.
Bei einem Urlaub mit meiner Freundin Mona habe ich dann die Vorzüge eines Navigationsgerätes kennengelernt. Gleichbleibend freundlich lotste uns die Frauenstimme aus Monis Navi über den Brenner bis in unserem Zielort in der Toskana. Misstrauisch verfolgte ich auch danach noch anhand von Straßenkarten, wie "Frieda" – so hatten wir die Navi-Frauenstimme getauft – uns bei Tagesausflügen durch die sanfte Hügellandschaft führte. Einmal habe ich Frieda dabei erwischt, wie sie eine Abkürzung übersehen hat. Nach einer kurzen Diskussion - Mona hielt, wahrscheinlich aus weiblicher Solidarität, zu Frieda – verabredeten wir, auf dem Hinweg dem Navi zu folgen, auf dem Rückweg der Karte und mir. Der Rückweg war eine Katastrophe. Die Straße war steil und schmal. Wir brauchten viel länger als auf dem Hinweg, und es wurde schon dunkel, als wir in unserem Urlaubsquartier ankamen. Monas Stirn zierte eine steile Falte, ihre Lippen blieben den ganzen Abend über schmal. Das Thema "Wo geht’s lang?" ist zwischen Frauen und Männern traditionell umstritten. Navis können bei fachgerechter Anwendung zu einer spürbaren Entspannung in diesem Streit führen, das wird jeder Paartherapeut bestätigen.
Direkt nach dem Italien-Urlaub legte ich mir selbst ein Navi zu. Zunächst ließ ich mir den Weg auf kölsch ansagen. Das ständige "räätseröm" und "linkseröm" hat mich aber schnell genervt. Endgültig untendurch war die lokalpatriotische Ansage bei mir in einer lauen Maiennacht. Den Abend hatte ich mit Mona im Biergarten verbracht, es war ein sehr netter Abend. Dann brachte ich Mona nach Hause, das Navi wies kölsch und launig den Weg. Als ich sie vor ihrer Haustür zum Abschied in die Arme nahm und erstmals küsste, blökte das Navi aus dem Auto: "Do häs et geschaff!" Seither lass ich mich wieder von Frieda leiten.
Frieda nutzt übrigens, wie alle Navis, das GPS-Signal, das amerikanische Satelliten zur Erde funken. Letztlich sind wir also gar nicht so weit entfernt von der Methode der heiligen drei Könige, die sich nach den Signalen der Sterne richteten. Ihr direkter Blick in den Himmel lohnt sich auch heute – insbesondere wenn gerade einmal wieder ein
ausgedienter Satellit abstürzt.
Audio: Frieda und die heiligen drei Könige
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Zum SeitenanfangIch bin nicht zum Wanderer geboren. Allerdings haben meine Eltern versucht, mich zu einem zu machen. Im Urlaub bekamen meine Geschwister und ich Spazierstöcke als Motivationshilfen, mit zweifelhaftem Erfolg. Mit den Stöcken lieferten wir Kinder uns manch lustvolles Scharmützel, aber die Lust am Wandern blieb schwach. Daran änderte auch das Versprechen nichts, die Stöcke mit Abzeichen der erwanderten Ziele zu verschönern. Die elterlichen Hinweise auf die "kleinen Wunder der Natur" am Wegesrand konnten mein Interesse ebenfalls nicht wecken. Wandern, so meine kindliche Erkenntnis, ist total langweilig und bloß was für Erwachsene.
Als Jugendlicher bekam das Wort "Wandern" für mich einen besseren Klang. Das lag an den Wandertagen, diesen willkommenen Unterbrechungen des Schulalltags. Wenn deshalb der Mathe-Unterricht und der Latein-Test ausfielen, machte das Wandern Spaß. Richtig spannend waren die mehrtägigen Ausflüge. Das lag allerdings weniger an den Wander-Einheiten als vielmehr an den Nächten im Mehrbettzimmer. Die waren mindestens so lang wie die
Kreuzberger Nächte. Wir haben gequatscht und rumgealbert, Karten gespielt und heimlich Bier getrunken. Ab und zu stürmte der Lehrer ins Zimmer und versuchte Nachtruhe herzustellen. Dazu klopfte er mit einem Spazierstock auf unsere Betten. Doch mit fortschreitender Zeit wurden seine Besuche seltener, irgendwann war auch der zäheste Lehrer erschöpft im eigenen Bett weggenickt.
Nach der Schulzeit verebbte mein Interesse am Wandern, es gab ja auch keine Wandertage mehr. Bis ich einmal als Reporter zum
Deutschen Wandertag geschickt wurde, ins Nordhessische. Auch Rita Süssmuth war dorthin gereist und begrüßte in wohlgesetzten und feierlichen Worten die "lieben Wanderfreundinnen und Wanderfreunde". Die sahen genauso aus, wie ich sie mir vorgestellt hatte – ältere Damen und Herren, meist mit Stepp-Westen gegen die herbstliche Kühle gewappnet. Ihre strapazierfähige Kleidung war größtenteils blassbeige oder förstergrün, bei der Haarfarbe dominierten Silbertöne. Weil das Nordic Walking noch nicht erfunden war, hatten die meisten einen Spazierstock in der Hand. Mit einem Lied auf den Lippen zogen sie los – ohne mich. Mir reichten ein Foto vom Start und ein Statement von Frau Süssmuth für den Artikel.
Kürzlich war ich noch mal im Nordhessischen, mit meinen Geschwistern. Seit einiger Zeit verabreden wir uns einmal jährlich zu einem Wander-Wochenende. In legerer Kleidung – mein älterer Bruder trug etwas Förstergrünes – sind wir durch die Wälder und Felder gelaufen. Das Wandern hat Spaß gemacht, doch nett war das Wochenende vor allem, weil wir Zeit hatten, mal richtig zu quatschen und rumzualbern, gemeinsam Bier zu trinken und Karten zu spielen. Und den Spazierstock meiner älteren Schwester zu bewundern – gespickt mit Abzeichen.
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Zum SeitenanfangAls ich Kind war, hieß das Shampoo noch Haarwaschmittel. Es war eidottergelb oder apfelgrün und biss fies in den Augen. Samstag war Badetag, und den mochte ich – zumindest anfangs – überhaupt nicht. Das lag außer am Haarwaschmittel an meinem älteren Bruder. Er saß mit mir in der Badewanne und versuchte an mir zu erforschen, wie lang ein Mensch unter Wasser überlebt. Seine Versuchsreihe habe ich glücklicherweise ohne Schaden überstanden und sogar am Baden Gefallen gefunden – ohne Bruder, nur mit Quietsche-Ente.
Später habe ich entdeckt, dass zu zweit baden auch reizvoll sein kann - es kommt halt darauf an, mit wem. Wenn ich alleine in der Wanne sitze, lese ich gerne oder träume vor mich hin. Bei der Entspannung helfen duftende Badezusätze und vor allem heißes Wasser. Herbert Wehner soll über Willy Brandt einmal verbreitet haben: "Der Herr badet gerne lau." Für mich ist es eine abschreckende Vorstellung, in lauwarmem Wasser zu liegen. Interessant finde ich die Frage, woher der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende wusste – oder zu wissen vorgab –, welche Temperatur das Badewasser des damaligen Kanzlers hatte. Ob die beiden mal zusammen gebadet haben? Und sich gestritten haben wie Müller-Lüdenscheidt und Doktor Klöbner? Oder eher wie mein älterer Bruder und ich?
Die Liebe zum heißen Bad ist im modernen Leben etwas erkaltet. Duschen bietet viele Vorteile, wie mir kürzlich erst Doktor Gregors Freundin Elke klarmachte: "Wer braucht denn heute noch eine Badewanne?", fragte sie provozierend in die Runde. "Duschen ist doch tausendmal besser: Gesünder für die Haut ist es allemal. Außerdem geht es schneller, verbraucht weniger Wasser und weniger Energie. Baden ist doch was für Dinosaurier, ökologisch gesehen." Anscheinend gibt es inzwischen viele Elkes in Köln. Denn bei der Suche nach einer neuen Wohnung erhalte ich immer öfter Angebote, bei denen eine Wanne fehlt. Die sortiere ich gleich aus – genauso wie die ohne Balkon.
Dabei gehört Baden doch zu unserer Kultur, da genügt ein Blick auf die alten Griechen und Römer. Die haben Thermen erfunden, Badehäuser mit Fußbodenheizung, in denen man gemeinsam entspannen konnte. Manch öffentliches Bad von heute wirkt ärmlich dagegen. Kündigt sich so das Ende des Abendlandes an? Oder zumindest des Badelandes? Zum Glück gibt es noch überzeugte Verfechter des Vollbades. Wie einen verurteilten Betrüger aus dem offenen Vollzug in Bochum. Vor kurzem kehrte er nicht in seine Zelle zurück, sondern mietete sich unter falschem Namen in einem Krefelder Hotel ein. Dort überraschte ihn die Polizei – in der Badewanne, "als er gerade im Schaum planschte", wie es hieß. Eine abwertende Formulierung, die von Elke stammen könnte und den Dusch-Anhänger verrät. Wahrscheinlich den Warmduscher.
Es geht doch nichts über ein wunderschönes Entspannungsbad. Leider muss ich in meiner jetzigen Wohnung darauf verzichten.
Irmgard am 18.09.11 16:07
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Zum SeitenanfangKaum geht der Sommer, wird es Zeit für die Steuererklärung. Die macht ein Steuerberater für mich, den Luxus leiste ich mir. Dieser Luxus ist allerdings überschaubar, denn für mich bleibt trotz Steuerberater genug zu tun: Rechnungen raussuchen, Belege sichten, Listen anlegen, Kontoauszüge durchforsten. Eine Arbeit, die wenig Spaß macht, aber sich auszahlt – meistens bekomme ich eine Steuer-Erstattung vom Finanzamt.
Diese Art von Glück gibt es einmal im Jahr, den Frust beim Blick auf die Gehaltsabrechnung dagegen jeden Monat. Die Kluft zwischen Brutto und Netto ist groß, so groß, dass es schmerzt. So empfinde ich nicht allein. Alle meine Freunde und Bekannten stöhnen über die Steuerlast. Georg etwa klagt in diesem Zusammenhang gerne über die "kalte Progression" und den "Mittelstandsbauch" – Wörter, bei denen es selbst Unkundigen kalt den Rücken runterläuft.
In Umfragen gibt die Mehrheit der Deutschen regelmäßig zu Protokoll, dass sie keine Steuersenkungen will und auch keine erwartet. "Wurden meine Freunde nicht gefragt?", habe ich mich zunächst gefragt – bis Georg mir die Dialektik der Steuerfrage erklärte: "Natürlich sind die Steuern zu hoch. Aber die Schulden des Staates sind es auch. Wenn die weiter wachsen wegen möglicher Steuersenkungen, trifft es am Ende des Tages wieder uns – durch höhere Steuern. Die kleine Steuersenkung von heute ist also die große Steuererhöhung von morgen."
Georg klang dabei fast wie ein Ökonom, dabei hat er Philosophie studiert, achtzehn Semester lang. So wie er denken anscheinend viele Deutsche, sonst würde die erklärte Steuersenkungspartei
FDP nicht so schlecht dastehen, mit zitternden Beinen vor der Fünf-Prozent-Hürde. Vielleicht ist es aber gar nicht der raffinierte Eigennutz à la Georg, der die Lust auf Steuersenkungen dämpft – sondern einfach das Gute im Menschen. Auf die Idee kam ich, als ich von den Millionären hörte, die
höhere Steuern für sich ganz okay fänden. Zu ihnen zählen der Versandhaus-Milliardär Michael Otto und der Präsident von Hannover 96, Martin Kind. Auch Alt-Rocker Marius Müller-Westernhagen findet es gut, wenn die Reichen, zu denen er zweifelsohne zählt, ein paar Prozentpunkte Steuern mehr zahlen – "wenn die Einnahmen konsequent zur Schuldentilgung genutzt werden", erklärte er der Wochenzeitschrift "Die Zeit".
Die Reichen stopfen die Schuldenlöcher in den öffentlichen Haushalten, was für eine hübsche Vorstellung. Doch Wirklichkeit wird sie nicht – aus zwei Gründen: Erstens weil von den richtig Reichen, die die "Zeit" befragt hat, gerade mal rund vier Prozent für höhere Steuern plädierten – was keine Zuversicht vermittelt, da muss man nur die FDP fragen. Und zweitens, weil viele Gutverdiener einfach zu viel Spaß daran haben, Rechnungen rauszusuchen, Belege zu sichten, Listen anzulegen, Kontoauszüge zu durchforsten.
Der Ottoversand soll mal eher die Pakethauslieferer (Hermes) richtig bezahlen, bevor er sich mit profilierenden Steuermehrbezahlaktionen in Szene setzt. Reine Verarsche ist das doch!
60jähriger am 4.09.11 11:21
Ich möchte mich auch öffentlich äußern, gerne freiwillig Reichensteuer zahlen zu wollen, denn was meinen Sie was die Nachbarn staunen wenn sie das erfahren! Und ich könnte 'herabblicken' und mokant sagen: "Wie, Sie zahlen keine Reichensteuer und ich dachte Sie wären so erfolgreich!"
Ruhri am 4.09.11 11:34
Wenn alle über die Steuerlast stöhnen, so frage ich mich, warum die Steuer seit 1958 eine solche Entwicklung genommen hat?
Scheint ja psychologisch egal zu sein, ob 25-56% bezahlt werden müssen, oder 14-45%.
Wenn ich der WDR wäre, würde ich einen Beitrag machen über die Einstellung von verschiedenen Europäern zum Thema Steuern. Erstaunlich könnte dabei sein, dass die Skandinavier da ein ganz anderes Selbstverständnis haben...
kölsche jung am 4.09.11 11:49
Endlich auskömmliche Löhne und Arbeitsplätze für alle, nur so haben auch ALLE KINDER eine Chance. Politik und Kapital können sich hier frei an Allem bedienen, sprich Alles und Alle ausbeuten.
Anonym am 4.09.11 14:17
Die Zahl der Kommentare bringt es ans Licht, kein Mensch interessiert sich für diese PR-Gags der "Reichen".
Anonym am 5.09.11 14:54
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Zum SeitenanfangMeinen diesjährigen Sommerurlaub habe ich im Juli an der Ostsee verbracht. Wobei der Begriff "Sommerurlaub" nur eingeschränkt stimmt, wenn ich an die Tage mit Dauerregen und Temperaturen um die 15 Grad zurückdenke. Dennoch war es eine sehr erholsame Zeit. Ich konnte jeden Tag ausschlafen, mir die stets frische Meeresbrise um die Nase wehen lassen und die sanft hügelige, weite Landschaft sowie die Ruhe und Beschaulichkeit des Landlebens genießen.
Mit der Beschaulichkeit war dann im Büro sofort wieder Schluss, allein die Zahl der Mails, die ich abarbeiten musste, war rekordverdächtig. Trotzdem konnte ich noch wochenlang meine im Urlaub gewonnene innere Ruhe bewahren. Sollte sich der Volkshochschulkurs zur Work-Life-Balance endlich ausgezahlt haben? Oder lag es einfach daran, dass die nervigsten Kollegen noch in Urlaub waren? (Das kann ich hier so locker schreiben, weil ich weiß, dass diese Kollegen meine Glossen nicht lesen).
Die Zeit der Nach-Urlaubs-Entspanntheit geht nun allmählich zu Ende, die meisten Sommerfrischler scheinen wieder daheim. Das habe ich kürzlich bei der Parkplatzsuche gemerkt. Vorbei ist die schöne Zeit, in der ich mir einen Stellplatz in meiner Straße aussuchen konnte. Erst kurvte ich eine halbe Stunde durchs Viertel, schließlich fand ich eine Parkmöglichkeit eine Viertelstunde Fußweg von meiner Wohnung entfernt. Straßenbahn fahren ist auch nicht viel besser. Dort werden die Menschen wieder so gequetscht wie Sardinen in der Dose, und manche riechen auch so. Auch die Kantine hat ihre spätsommerliche Leichtigkeit eingebüßt, mit italienischen Wochen und locker besetzten Tischen. Vor der Essensausgabe stehen nun wieder lange Schlangen, und oft riecht es bereits schwer und herbstlich nach Sauerkraut. Die Tische sind vollbesetzt, und an manchem sitzt, urlaubsgebräunt, ein nerviger Kollege.
Selbst auf den Partys herrscht wieder drangvolle Enge, wie kürzlich bei
Reginas Geburtstagsfeier. Erst gab es Drängelei am Buffet, danach um die wenigen Sitzgelegenheiten. Entnervt ging ich vor die Tür. Der Himmel über dem Niederrhein war zwar nicht so beeindruckend wie der über der Ostsee, aber doch von beruhigender Weite. Ein leuchtender Punkt zog rasch über den Himmel. "Das ist die internationale Raumstation ISS", klärte mich ein Gast auf, der zum Rauchen hinausgekommen war. "Sie ist schneller als jeder Stern und hat keine Positionsleuchten wie ein Flugzeug, daran ist sie zu erkennen." Eine Weile standen wir schweigend beieinander. "Wenn über den Wolken die Freiheit grenzenlos ist, wie muss sie erst jenseits der Atmosphäre sein?", versuchte ich es mit einer philosophischen Frage. "Keine Ahnung", sagte der Raucher hustend, "aber in der ISS möchte ich nicht hocken – ist bestimmt total eng, und wenn dann der Kollege nervt … Außerdem könnte ich die Ungewissheit nicht ertragen – nicht zu wissen, wann es wieder
zur Erde zurückgeht, nicht zu wissen, wann ich wieder rauchen könnte und nicht zu wissen, wie lange ich noch auf mein Lieblingsessen verzichten müsste - Sauerkraut."
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Zum SeitenanfangKürzlich feierte meine Patentante Gertrud Geburtstag, ihren achtzigsten. Es war ein schönes Fest im Saal ihrer Kirchengemeinde, mit leckerem Essen und "gepflegten Getränken", wie eine andere Tante nachher begeistert anmerkte, mit vom vielem Ouzo schwerer Zunge. Kinder, Nachbarn, Enkel und Freunde sorgten für ein reichhaltiges Unterhaltungsprogramm. Ein halbstündiger Sprechgesang, von Akkordeonmusik untermalt, fand sich darunter ebenso wie eine Ballade mit – gefühlt – achtzig Strophen, die das Leben der Jubilarin von der Geburt bis zur Gegenwart detailliert nachzeichnete. Im Bild konnte man Gertruds Leben später noch einmal nachvollziehen – ihr Sohn hatte eine Präsentation vorbereitet, die er mit einem Beamer an die weiße Stirnwand des Festsaals warf.
Etwas unruhig wurde es im Saal, als Hubert dort auftauchte. Der war zwar mal mit meiner Patentante liiert gewesen und hatte deshalb eigentlich ein gutes Recht, in ihrem Lebensbericht vermerkt zu sein. Allerdings endete die kurze Liebe desaströs: Hubert stahl meiner Tante nicht nur das Herz, sondern auch den zuvor geschenkten Schmuck und erhebliche Mengen an Bargeld. Seither war Hubert spurlos verschwunden, bis zu jenem virtuellen Auftritt im Pfarrsaal. Nach einer Schrecksekunde rief meine Tante "Den Doofmann wollte ich eigentlich nie wiedersehen", und die Festgäste lachten erleichtert.
Meine Freundin Regina will bald ihren runden Geburtstag feiern. Schon seit Monaten lässt sie gegenüber ihren Freunden keinen Zweifel daran, dass sie keine Lust auf längliche Lobreden hat. Auf ihrer "Geht-gar-nicht-Liste" stehen Bewegungs- und Quizspiele sowie Karaoke und Polonaise. Besonders wichtig ist ihr die richtige Bildauswahl für eine mögliche Präsentation. "Wehe, ihr zeigt auf meinem Fest die Fotos von der Klassenfahrt nach Griechenland", droht sie bei jeder Gelegenheit ihren Freunden. Von dieser Fahrt existieren zahllose langweilige Landschaftaufnahmen, auf denen abwechselnd sonnenverbrannte Felder, Olivenhaine und Felsstrände zu sehen sind. Allerdings gibt es auch ein paar interessantere Fotos. Darauf ist Regina zu sehen, und anzusehen ist ihr, dass es ihr gar nicht gut geht. Der Verursacher ihres Zustands ist meist mit im Bild – eine Ouzo-Flasche.
Geht es nach meinen Erfahrungen, kann Regina beruhigt sein. Vor meiner großen Geburtstagsparty vor zwei Jahren hatte ich mir auch viele Gedanken gemacht: Passen die Gäste zueinander? Werden sich alle amüsieren? Werden längst vergessene oder gern verdrängte Geschichten wieder aufgewärmt? Doch meine Bedenken waren überflüssig. Alle Gäste waren sehr nett zu mir. Einige hatten eine Art Dschungelprüfung für mich vorbereitet, zum Glück ohne Kakerlaken. Meine beste Freundin hielt eine liebevolle Rede, und im Bilderreigen durch mein bisheriges Leben fehlten die schlimmsten Ausrutscher. Es war ein sehr entspannter Abend für mich, das ist sogar auf den Fotos der Party zu sehen – genauso, wie auf fast jedem, eine Ouzo-Flasche.
Na, wenn ich das hier so lese, dann möchte ich gar nicht drüber nachdenken. Denn auch auf mich kommt dieses Jahr noch ein runder Geburstag zu. ;-) So weit wie Tante Gertrud bin ich noch nicht, also wird es wohl nicht ganz so schlimme werden. Warum kann man Familienfesten eigentlich selten aus dem Weg gehen? Vielleicht sollte ich mri einen Urlaub buchen?
Petra am 21.08.11 22:01
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Zum SeitenanfangAlles geht den Bach runter, und zwar täglich schneller. Das ist das Lebensgefühl vieler Menschen in diesen Wochen, vor allem derjenigen, die wetterfühlig sind oder ihre Ersparnisse in Aktien angelegt haben. Meine Kollegin Sabine beispielsweise, für die ein Sommertag bei 30 Grad anfängt, sieht mit Grausen ihrem ersten Deutschlandurlaub entgegen: "Da hätte ich ja gleich Spitzbergen buchen können!" Kollege Udo dagegen jammert täglich lauter über den Wertverlust seines Aktiendepots. In der Redaktion macht nur Doktor Gregor einen ausgeglichenen Eindruck. Im kommenden Jahr veröffentlicht er sein zweites Buch zur Apokalypse, vielleicht hofft er bei gleichbleibend miesen Nachrichten auf einen Bestseller.
Ich werde mir sein Buch auf jeden Fall kaufen, vielleicht steht ja drin, woran die Welt letztlich zugrunde geht. Miese Szenarien gibt es genug – Klimakatastrophe, Atom-Super-GAU, Dritter Weltkrieg. Schöner wäre es natürlich, wenn am Ende der Tage ein Super-Meteorit das Leben auf unserer kleinen Erden-Welt auslöscht. Dann müsste sich kein Mensch quälende Gedanken machen, wenn er viel Fleisch gegessen hat oder oft mit dem Flugzeug gereist ist - und sich bang fragen, ob er selbst möglicherweise Auslöser der Klimakatastrophe war. Und er müsste nicht, wie beim nuklearen Knall, darüber sinnieren, ob er als Stromverbraucher für die ganze Atomwirtschaft mitverantwortlich war.
Ist das Große und Ganze – Urlaubswetter, Finanzsystem, Überleben auf der Erde –gefährdet, wird Beständigkeit im Kleinen umso tröstlicher. Wenn sich Morgen für Morgen derselbe Mann neben mir in der Bahn setzt, dann ist das halt ein bisschen Halt in einer haltloser werdenden Welt und fast schon egal, wenn der Mann streng riecht. Wenn auch vieles den Bach runterzugehen droht, so ist auf ein paar Dinge doch Verlass: auf die Kaffeemaschine im Büro, die hüstelt und röchelt, als ob sie ihre letzte Tasse produziert; auf die Sekretärin, die lächelnd fragt, ob ich einen Zusatzdienst übernehmen kann; auf den Wirt in meiner Stammkneipe, der mir stets ungefragt einen Rotwein serviert, auch wenn ich lieber Weißwein trinke.
Innovation ist das Zauberwort des modernen Lebens - aber von den allermeisten nicht gewollt. "Der Mensch ist ein Gewohnheitstier", das wusste bereits meine Oma. Und das erklärt, warum viele Menschen ihrer Bank ein Leben lang die die Treue halten, oft länger als ihrem Partner. Und warum sie Stromanbieter und Krankenkasse so selten wechseln. Und warum sie seit Jahrzehnten die gleiche Zeitung lesen, auch wenn die immer dünner und teurer geworden ist. Und warum sie im Internet auf den immer gleichen Seiten surfen. Da kommt es einem Schock gleich, wenn sich das
Design der geliebten Website verändert. Das haben die User von WDR.de der Redaktion deutlich zu verstehen gegeben. Selten gab es so viele Kommentare und Mails wie zum Relaunch.
"Ich finde hier einfach nichts mehr", klagte ein User. "Es gibt immer noch arme Würstchen, die etwas nur deshalb gut finden, weil es neu ist", empört sich ein anderer. "Das sieht aber gar nicht gut aus, erinnert mehr an eine Pathologie - so steril", ätzt ein Dritter. "Wo ist das Wetter?", fragte verzweifelt eine Nutzerin per Mail. Ihr konnte geholfen werden: Die Wettervorhersage ist natürlich auf der neu gestalteten Seite prominent verlinkt. Auch im neuen Design ist es übrigens das altbekannte Wetter – zu kühl und nass für die Jahreszeit.
Überflüssiger Beitrag.
Josef am 14.08.11 10:41
Ich gehöre zu denjenigen, die lieber beim alten Design geblieben wären. Aber wahrscheinlich haben die beim WDR beschäftigten Web-Designer nichts zu tun. Deshalb die Änderung des Designs. Es gibt tatsächlich etwas, was unbedingt geändert werden sollte, und zwar: Die schlechte Politik der Bundesregierungen unter CDU, FDP, SPD und Grünen (Krieg in Afghanistan, Sparpolitik auf Kosten der Geringverdiener usw.).
Anonym am 14.08.11 12:02
95 % der Schreiber haben sich gegen dieses dusselige neue "Design" ausgesprochen. Was hats geändert? Ich frage mich nur, warum dann überhaupt das "Fußvolk" nach seiner Meinung gefragt wurde.....
Anonym am 14.08.11 17:29
Jau, aber mit der Rechtschreibung steht man wie immer auf Kriegsfuß oder kennt jemand ein GeBarden-Baby (s. anderen Bericht) ???
Aber Hauptsache neues "Design" - ich lach mich schlapp!
Anonym am 14.08.11 17:31
@ Josef: Somit bin ich in der Minderheit, denn ich gehöre zu denen, die das neue Design der WDR-Website gut finden. Es ist alles aufgeräumt, Topthema, Glosse, Kommentar, NRW, Nachrichten, Weltnachrichten - alles da, wo es aus meiner Sicht hingehört und vorallem nicht alles doppelt! Ich bin positiv überrascht! Ladezeit, Struktur und Usability, Informationsgehalt und inhaltliche Aufbereitung sehr gut umgesetzt! Einziger Wermutstropfen: Noch kein durchgehendes Design/ Corporate Identity für z.B. die einzelnen Spartenprogramme oder Unterkategorien. Aber ich bin sicher, der WDR wird auch dies bald umsetzen. Insofern - nix zu Meckern! Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie gerne behalten!
Dietmar Kuchen-Windmüller am 14.08.11 23:12
Erstaunlich. Da meckert Anonym gestern um 17:31 über die dt. Rechtschreibung kann es selbst nicht besser. Das Wort Jau gibt es nicht. Und ein Leerzeichen am Satzende nennt man Plenken. Wobei ein Fragezeichen auch gereicht hätte. Also, schön den Ball flach halten. Fehler sind menschlich.
Das Wetter gefällt mir natürlich nicht, viel zu kalt und nass, aber das neue Design finde ich schick, da schließe ich mich der Meinung von Dietmar gern an. Es steht ja jedem frei sich anderswo zu informieren, wenn es hier nicht mehr gefällt. Ich behaupte einfach, dass die meisten User denen es nicht gefällt, einfach zu faul sind sich umzustellen und/oder mal etwas anderes auszuprobieren.
Petra am 15.08.11 8:41
Das neue Portal des WDR's ist zur Mogelpackung verkommen wie von der Lebensmittelindustrie:
Viel Luft mit weniger Inhalt!
Schwadralla am 17.08.11 7:44
Das neue Portal des WDR's ist zur Mogelpackung verkommen wie von der Lebensmittelindustrie:
Viel Luft mit weniger Inhalt!
Schwadralla am 17.08.11 7:45
Das neue Portal des WDR's ist zur Mogelpackung verkommen wie von der Lebensmittelindustrie:
Viel Luft mit weniger Inhalt!
Schwadralla am 17.08.11 7:48
Das neue Portal des WDR's ist zur Mogelpackung verkommen wie von der Lebensmittelindustrie:
Viel Luft mit weniger Inhalt!
Schwadralla am 17.08.11 7:53
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Zum SeitenanfangMein erster Zahnarzt war ein netter, älterer Herr, etwas rundlich, ein Mann, wie man ihn sich als Opa wünscht. Seine Freundlichkeit kam aber nicht an gegen den penetranten Geruch nach Desinfektionsmitteln und das hochfrequente Sirren des Bohrers, die mir von Beginn an den Besuch beim Zahnarzt verleideten. Später war ich bei einem Dentisten in Behandlung, der vor jeder Behandlung sagte: "Machen Sie es sich schon mal auf dem Stuhl bequem!" Diese Art von Humor war gepaart mit seiner Abneigung gegen Betäubungen - "es tut bestimmt nicht weh!" - und der Angewohnheit, ohne jede Pause, etwa zum Ausspülen, durch zu behandeln. Dabei zog er über die Gesundheitspolitik her, die ihn langsam, aber sicher in den Ruin treibe. Kommentieren konnte ich das nicht, ich musste ja den Mund weit aufgesperrt halten.
Meinen aktuellen Zahnarzt habe ich bei Freunden kennengelernt, wir duzen uns, und eine Betäubung bekomme ich nun, wann immer ich will. Kürzlich hatte ich einen Termin bei ihm, wegen einer Wurzelbehandlung. Doch leider entdeckte er einen Längsriss in dem zu behandelnden Zahn. Das ersparte mir die Wurzelbehandlung, kostete mich aber den Zahn - durch Extraktion, wie es in der Zahnarzt-Sprache heißt. Trotz Betäubung war die Prozedur nervlich herausfordernd. Ich beruhigte mich mit Gedanken an vergangene, viel schlimmere Zeiten: an meinen politisierenden Dauerbehandler von früher, an die Zahnbrecher des Mittelalters, die auf Jahrmärkten ihrem blutigen Gewerbe nachgingen, und an das bedauernswerte Schicksal der Apollonia. Die fromme, nicht mehr ganz junge Jungfrau lebte in Alexandria. Mitte des dritten Jahrhunderts kam es dort zu einer Christenverfolgung, wobei der Armen sämtliche Zähne ausgeschlagen wurden. Nach den Zähnen verlor sie auch ihr Leben, was ihr wenigstens den Rang einer Heiligen einbrachte.
Ich hatte nur einen einzigen Zahn verloren, und das bei komfortabler Betäubung. Dieser Gedanke tröstete mich auf dem Heimweg vom Zahnarzt, mit dicker Backe in der Straßenbahn. Bei meiner Zeitungslektüre in der Bahn stieß ich auf die Meldung über einen
sensationellen Zahnfund bei Balve. Dort im Märkischen Kreis hatten Archäologen etwas entdeckt, was sich jetzt als Zahn eines Dromaeosaurus herausstellte, eines gefährlichen Raubsauriers. Der Zahn ist allerdings eher ein Zähnchen, gerade mal 1,3 Zentimeter groß, da kann sogar mein Exemplar locker mithalten. Ein anderes Kaliber sind da natürlich Haifischzähne, denen Bert Brecht in der "Moritat von Mackie Messer" ein Denkmal gesetzt hat, haltbarer als jedes Implantat: "Der Haifisch, der hat Zähne, und die trägt er im Gesicht", heißt es im Auftakt der Dreigroschenoper. Was Brecht verschweigt: Auch Haifische verlieren schon mal Zähne, die dann auf dem Meeresgrund landen oder an dünnen Kettchen in den tiefgebräunten Dekolletes mehr oder weniger schöner Frauen.
Ich werde mir den extrahierten Zahn, den mir mein Arzt mitgegeben hat, nicht an die Kette legen. Vielleicht entsorge ich ihn einfach, wobei noch die Frage zu klären ist, ob in der Rest- oder der Biomülltonne. Bald bekomme ich hoffentlich Ersatz für den Zahn, wobei noch die Frage zu klären ist, ob Implantat oder Brücke, was wiederum mit Fragen nach Kosten, Kostenerstattung, Heilplänen etc. verbunden ist. Das Leben des Dromaeosaurus stelle ich mir definitiv einfacher vor als das eines Kassenpatienten. Denn seine Zähne erneuerten sich in regelmäßigen Abständen - ganz ohne Zahnarzt.
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Zum SeitenanfangMein achter Geburtstag war der erste, den ich in größerer Runde feierte. Tagelang quälte mich die Frage, wer zu den auserwählten zehn Gästen gehören sollte – so viele hatten meine Eltern erlaubt. Sabine, meine Nachbarin, war ebenso gesetzt wie mein bester Freund Rainer und mein zweitbester Freund Christoph. Dann wurde es aber schon schwierig. Karoline konnte ich nicht ohne Nina einladen. Allerdings verstand die sich nicht mit Freddy, den ich gerne dabei gehabt hätte, wäre da nicht der Knatsch zwischen ihm und Rainer gewesen. Schließlich hatte ich zehn Kinder ausgewählt, von denen an meinem Geburtstag nur acht kamen. Das war aber nicht schlimm, beim Schokoladenessen und Würstchen-Schnappen sogar von Vorteil.
Derzeit häufen sich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis die runden Geburtstage. Die Einladungsfrage scheint dabei genauso so schwierig wie früher. Rainer etwa überlegte, ob er es seiner neuen Freundin zumuten könne, auf seinem Fest vier ihrer unmittelbaren Vorgängerinnen kennen zu lernen. Er entschied sich dagegen. Dafür entschieden sich allerdings einige seiner Gäste, die Feier mit einer Power-Point-Präsentation und selbstgeschmiedeten Versen zu bereichern. In beiden Darbietungen ging es dabei nur um ein Thema – Rainer und seine Frauen, aber in beiden fehlte Rainers neue Freundin. Am Tag nach dem Fest war Rainer wieder solo.
Gäste können zum Problem werden, vor allem, wenn sie sich selber einladen. In diese Kategorie fiel mein Mitschüler Fred, der mich früher regelmäßig heimsuchte. Nach seinen unangekündigten Besuchen waren die Biervorräte deutlich geschrumpft, zum Leidwesen meines Vaters. Die Leckereien aus dem Kühlschrank waren meist ganz weg, zum Leidwesen meiner Mutter. Wie viel größer muss das Entsetzen der Erziehungsberechtigten von Thessa gewesen sein, die vor kurzem via Facebook irrtümlich öffentlich zu ihrer
Geburtstagsparty einlud – und 1.800 Gäste kamen in die kleine Straße im Hamburger Stadtteil Bramfeld. Sie hinterließen eine verschreckte Thessa, viel Müll und verärgerte Nachbarn.
Von einer solchen Resonanz auf eine Einladung kann man in Düsseldorf nur träumen. Dort regiert seit einem knappen Jahr eine
"Koalition der Einladung", wie sich Rot-Grün selber nennt. Das hört sich sehr einladend ein, hat aber vor allem damit zu tun, dass die rot-grüne Minderheitsregierung auf Gäste dringend angewiesen ist, beziehungsweise auf deren Stimmen. Doch die Einladungen werden, anders als die von Thessa, oft nicht angenommen, wie damals bei meinem achten: Wenn A eingeladen wird, will B partout nicht kommen. Im aktuellen Fall hatte die CDU
keine Lust auf Gespräche zu einem Schulkonsens, weil auch die Linkspartei eingeladen war, für CDU-Fraktionschef Karl-Josef Laumann schlicht "die Kommunisten". Jetzt hat die Landesregierung sogar ein
"Einladungsgesetz" präsentiert: ein Programm zum Klimaschutz. Bei den geplanten Anhörungen sollte Umweltminister Remmel auf ein ordentliches Catering achten – es müssen ja nicht gleich Würstchen und Schokolade sein.
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Zum SeitenanfangWie sieht ein meditierender Buddha aus? Mit dieser Frage wurde ich einmal in der Grundschule konfrontiert, im Religionsunterricht. Ich überlegte nicht lange und brachte einen dicken Mann im Schneidersitz aufs Papier. Über seinen Kopf malte ich eine Glühbirne.
Mein Religionslehrer, ein aufgeschlossener katholischer Kaplan, war von meinem Bild begeistert. Intuitiv hätte ich etwas Verbindendes aller Weltreligionen gemalt, schwärmte er – die Erleuchtung. Und das in einer zeitgemäßen Umsetzung! Die Idee mit der Glühbirne hatte ich allerdings nicht beim Lesen der biblischen Pfingstgeschichte, wie er vermutete, sondern aus meinen Micky-Maus-Heftchen. Darin erschien ebenfalls über manchem, der eine tolle Idee hatte, eine Glühbirne.
Diese Symbolik wird bald ausgedient haben, denn in wenigen Jahren wird keiner mehr Glühbirnen kennen. Die EU will es so. Noch ein paar Jahre darf sie hierzulande ihr warmes Licht verbreiten, dann wird sie endgültig ersetzt durch die Energiesparleuchte. Die wiederum kann ich mir schlecht als Zeichen für einen Geistesblitz vorstellen, dafür dauert es nach dem Einschalten einfach zu lange, bis sie ihre volle Leuchtkraft entfaltet. Skeptiker wie mein Freund Georg sehen den Siegeszug der Energiesparleuchte gar als Menetekel. „Erst verschwindet die Glühbirne, dann verlöscht das Lebenslicht der Europäischen Union“, prophezeit er düster.
Um die EU scheint es derzeit wirklich nicht gut bestellt. Die Angst vor einer Pleite von Griechenland oder Portugal wächst, und vom europäischen Geist der Gründerväter ist längst nichts mehr zu spüren. Begeisterung für Europa? Fehlanzeige. Stattdessen sind jede Menge politische Geisterfahrer unterwegs. Der eine will wieder Grenzkontrollen innerhalb der Union einführen, ein anderer nimmt es mit der Meinungsfreiheit nicht so genau und ein dritter konzentriert seine Energie auf junge Frauen statt auf die Regierungsgeschäfte. Europa bräuchte dringend ein neues Pfingstwunder, da wird mir bestimmt auch der Papst zustimmen, mit viel frischem Geist von oben.
An Pfingsten, so erzählt es die Bibel, wurden die Jünger Jesu vom Heiligen Geist erfüllt und konnten plötzlich fremde Sprachen sprechen und verstehen. Auf ein vergleichbares Ereignis habe ich zu Schulzeiten oft gewartet, leider stets vergeblich, vor allem im Griechisch-Unterricht. Deshalb musste ich einen mühevollen, gar nicht so wundervollen Weg des Spracherwerbs nehmen: Vokabeln pauken und Grammatik lernen. Das kann ich den Europa-Politikern nur empfehlen, beispielsweise dem EU-Kommissar Günther Oettinger. Zu wahrer Erleuchtung wird es der Herr der AKW-Stresstests dadurch wahrscheinlich nicht bringen, aber vielleicht zu einem passablen Englisch. Erleuchtung wird man sowieso kaum in der Politik finden, nicht in Brüssel und nicht in Berlin, davon bin ich überzeugt. Sondern eher bei dicken Männern im Schneidersitz.
Selten war direkte Korruption so deutlich, wei bei der Abschaffung der matten Glühbirnen. Bis hin zum kleinen Tante-Emma-Laden ziehen gehorsamst alle am selben Strang. Obwohl die matten Glühbirnen noch längst nicht vom Markt verschwinden müssten, kann man sie schon seit 2010 nirgendwo mehr kaufen. Niemand macht sich die Mühe, einmal die tatsächliche EU-"Verordnung" zu lesen.
Anonym am 13.06.11 20:21
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"Wir schmeißen heute Abend ein paar Würste auf den Grill, magst du nicht vorbeikommen?" So oder ähnlich lautet in diesen Wochen manch spontane Einladung. Da ich selbst weder über Garten oder Balkon noch Grill verfüge, freue ich mich jedes Mal. Was kann es Schöneres geben, als an lauen Abenden bei Bratwurst, Kotelett und Kartoffelsalat über die vergangene Bundesliga-Saison zu fachsimpeln, Urlaubspläne zu schmieden oder ultimative
Grill-Tricks auszutauschen? Manchmal wird das Plaudern am Rost natürlich auch politisch.
Zu Beginn der Grillsaison war die FDP ein gern gewähltes Thema. Das ist inzwischen durch, und zwar so wie ein auf dem Rost vergessenes Steak. Schwarzenegger gehört, ebenso wie
"DSK" und Jörg Kachelmann, zu den Dauerbrennern auf den Grillpartys, aber natürlich wegen seiner Frauengeschichten und nicht wegen seiner Politik als Gouverneur von Kalifornien. Das alles dominierende innenpolitische Thema ist momentan der Atom-Ausstieg, wobei die SPD dabei so gut wie nie vorkommt, quasi durch den Rost fällt. Das sollte den Genossinnen und Genossen zu denken geben. Karl Lauterbach, der SPD-Experte für Medizin und Fliegen, hatte im Wahlkampf vor zwei Jahren versucht, den Deutschen gesundes Grillen beizubringen, mit viel Gemüse und schützender Alufolie. Doch er hat erfahren müssen: Am Grill geht es in erster Linie um die Wurst.
Und die Gemüse-Griller geraten auch heute in die Defensive, Stichwort EHEC. Grill-Tomaten sind derzeit etwa so beliebt wie Grill-Tipps von Karl Lauterbach. Doktor Gregors Freundin Elke glaubt, dass die Fleischindustrie hinter der EHEC-Krise steckt. "Gerade jetzt, wo es überall frisches Gemüse aus der eigenen Region gibt, will uns der tierisch-industrielle Komplex den gesunden Genuss vermiesen", sagt sie. "Es ist doch so", fügt sie triumphierend hinzu: "Woher kommt der EHEC-Keim? Aus der Kuh!"
Elkes Theorie passt auf keine Kuhhaut, geht es mir durch den Kopf. Und dass es die Menschen früher einfacher hatten: Die haben zum heiligen Laurentius gebetet, der auf einem Rost endete und sinnigerweise Schutzpatron der Köche ist. Dann konnten sie mit Appetit verspeisen, was die Köche ihnen servierten. Das ging meistens gut, und wenn es nicht gut ging, war der Teufel schuld, eine zwielichtige Figur mit Pferdefuß und einem Körpergeruch, der stark an Schwefel erinnert. Kein Mensch kannte
O104:H4, H1N1, H5N1 oder wie unsere Quälgeister heute auch immer heißen. Vor Nostalgie muss ich aber warnen: Frauen wie Elke sind in den guten alten Zeiten schon mal auf dem Scheiterhaufen gelandet.
Der Keim kommt aus der Kuh, mag sein. Was hinten aus der Kuh kommt wird als Dünger, Kunstdünger ist ja verpönt, auf die Felder gegeben, auf denen das frische Gemüse aus der Region kommt. Wenn das alles so stimmt, müssen wir aufhören zu essen. Ob wir dann länger leben als mit dem EHEC-Keim? Ich möchte den Versuch nicht machen.
Hans G. am 5.06.11 14:48
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Ich habe jetzt wieder mit dem Laufen angefangen. Genauer gesagt, bin ich nach Jahren läuferischer Enthaltsamkeit erst einmal eine kleine Runde durch den nahen Wald gejoggt. Aber der Start in meine zweite Läuferkarriere war etwas holprig. Die Schwierigkeiten begannen schon am Kleiderschrank. Sämtliche Jogging-Klamotten, die ich vor Jahren gekauft hatte, waren anscheinend bei der letzten Wäsche eingelaufen. Meine Laufschuhe waren auch nicht in der besten Verfassung, wie ich nach den ersten Metern merkte. Die Sohlen kamen mir sehr dünn vor, konnten meine Schritte kaum abfedern. Sehr dünn schien auch die Luft zu sein, weshalb ich bald ins Schnaufen geriet. Deshalb habe ich mein Tempo reduziert, vielleicht war ich anfangs einfach zu ehrgeizig. Den Rest der Strecke habe ich dann darauf geachtet, den vor mir munter walkenden Rentner nicht zu überholen. Langsames Laufen soll ja besonders gut sein für die Fettverbrennung.
Langsames Laufen hilft jedenfalls dabei, alle Sinne zu aktivieren und die Wahrnehmung zu schärfen, die Wahrnehmung der Umgebung und die Selbstwahrnehmung. Zur Umgebung gehören beim Laufen im Wald vor allem
Nacktschnecken, Jogger und Hunde. Allen gilt es auszuweichen, wenn auch auf unterschiedliche Art. Ein regelmäßiger, prüfender Blick auf den Boden verhindert, dass das Leben der Nacktschnecke im Profil der Laufschuhe endet, für Tier und Mensch gleichermaßen fatal. Entgegenkommende Jogger sollte man freundlich grüßen, aber mit genügendem Abstand. Denn sonst können einem Schweiß- oder Parfüm-Wolken den Atem nehmen. Rätselhafterweise riechen männliche Jogger fast immer nach Schweiß, weibliche dagegen oft wie frisch aus dem Badezimmer. Meine These ist – auch das ist das Schöne am Joggen, man hat Zeit, über sowas nachzudenken -: Frauen duschen vor und nach dem Joggen, Männer allenfalls danach. Nun zu den Hunden. Obwohl - über das Thema Hunde und Jogger ist eigentlich schon alles gesagt, deshalb spare ich mir an dieser Stelle Ausfälle gegen elend kläffende Köter, es träfe ja sowieso die Falschen, denn die eigentlich Schuldigen sind ja die Herrchen und Frauchen, die ihre Hunde von der Leine lassen.
Eine gesteigerte Selbstwahrnehmung hatte ich noch am Tag nach der Laufpremiere, in Form eines höllischen Muskelkaters, der sich besonders beim Treppensteigen bemerkbar machte. Später, auf dem Sofa, blätterte ich noch ein wenig in Joschka Fischers Buch "Der lange Lauf zu mir selbst." Wer lange genug läuft, dem wird das Laufen zur Droge, findet Fischer, und das finden auch andere Laufgurus. Kurz bevor ich über dem Buch wegdämmere, kommt mir noch ein Slogan in den Sinn: "Keine Macht den Drogen."
..komisch ich jogge seit Jahren und habe seit einigen Monaten einen Hund, der auch mitläuft. Weder der Hund noch die anderen Hunde, die uns begegnen, kläffen - vielleicht ist doch noch nicht alles gesagt über Hunde und Jogger...
cora_bell am 8.05.11 19:19
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Zum SeitenanfangKlassen mit 35 und mehr Kindern waren zu meiner Schulzeit keine Seltenheit. Was heute Bildungsnotstand hieße, hatte damals ganz praktische Vorteile: Ob beim Vokabel-Abfragen, Übersetzen oder Vorrechnen an der Tafel – die Wahrscheinlichkeit, vom Lehrer rangenommen zu werden, war überschaubar und keine Hausarbeiten zu machen ein kalkulierbares Risiko. Ich war Bestandteil der sogenannten Schülerschwemme, und darin ließ sich gut mitschwimmen. Zunehmend problematisch wurde meine Zugehörigkeit zu einem geburtenstarken Jahrgang nach dem Abi - wegen des Numerus Clausus – und später auf dem Arbeitsmarkt, wegen der wenigen Jobs und vielen Bewerber.
Mit der Berufswahl tat ich mich etwas schwer. Meinen kindlichen Wunsch, Zoodirektor zu werden, hatte ich bereits in der Schulzeit aufgegeben. Mir war klargeworden, dass Zoodirektoren nicht wie
Bernhard Grzimek ständig in Afrika rumreisen und im Fernsehen "possierliche Gesellen" wie Bonobos, Echsen oder Leopardenjunge streicheln. Stattdessen entdeckte ich den Spaß an Sprache und Literatur. Was war also logischer, als Germanistik zu studieren? Die Freude meines Vaters, gleichzeitig mein Finanzier, hielt sich in Grenzen, als ich ihm das sagte. Er murmelte etwas von "brotloser Kunst" und versuchte, mich von den Vorzügen eines Jurastudiums zu überzeugen – vergeblich.
Was eine lohnende Ausbildung ist oder ein guter Beruf, darüber gehen die Meinungen von Eltern und Kindern oft auseinander. Die reibungslose Übernahme des väterlichen Berufs durch die Söhne und der mütterlichen Rolle durch die Töchter ist längst Geschichte, zum Glück. Sonst wäre mein Glossen-Kollege Doktor Gregor jetzt Lehrer, dessen Freundin Elke Putzfrau und ich würde im Wasserwerk arbeiten. Anders ist das bei den Royals. Bei den Briten etwa steht seit langem fest, dass Prinz Charles seiner Mutter auf den Thron nachfolgen wird. Seine Lehrzeit zieht sich dabei sehr in die Länge. Er ist seit dieser Woche offiziell der altgedienteste britische Thronanwärter – mit mehr als 59 Jahren Wartezeit, seit seinem dritten Lebensjahr. Die Queen will halt nicht abdanken, so oder so. Das verbindet sie mit Gaddafi. Der erklärte allerdings der staunenden Weltöffentlichkeit, als
"Revolutionsführer" habe er gar keinen offiziellen Posten. Vielleicht ist er deshalb auch nicht zur königlichen Hochzeit am 29. April eingeladen.
Prinz William, der Thronfolger von Charles, vergibt dann den Platz an seiner Seite – an seine langjährige Freundin Kate Middleton. Die Hochzeit heißt bereits in allen Medien
Traumhochzeit und wird von mehr als zwei Milliarden Menschen auf der ganzen Welt im Fernsehen verfolgt werden. Nicht wenige Mädchen und Frauen werden sich in die Prinzessinnen-Rolle von Kate hineinträumen. Und das nur, weil sie die Arbeitsplatzbeschreibung von Kates neuem Job nicht kennen: Strenger Dress-Code, wenig Entscheidungsspielraum, zahlreiche Termine auch außerhalb der üblichen Arbeitszeiten, ständige Rufbereitschaft – und regelmäßige Schwangerschaftstests.
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Zum SeitenanfangRegina lässt nicht locker. "Yoga würde Dir auch gut tun!", behauptet sie und macht dabei keineswegs das friedliche Gesicht, das sie selbst im Yoga-Unterricht angeblich erlernt. Doch Yoga reizt mich nicht, vor allem die Vorstellung, unter lauter geschmeidigen Frauen den eingerosteten Schreibtischarbeiter zu geben. Außerdem finde ich Yoga-Musik doof. "Du willst Dich doch nur nicht bewegen", kontert Regina, "wenn Du Dich auf Yoga wirklich einlässt, kommst Du auch mit der Musik klar."
Irgendwas Sportliches steht an, Bewegung soll ja auch gegen Frühjahrsmüdigkeit helfen, die sich bei mir pünktlich eingestellt hat. Deshalb fahre ich jetzt jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit, eine Viertelstunde hin, eine Viertelstunde zurück. Das ist gesünder als U-Bahn fahren. Andererseits: Ich habe mehr Stress - wegen der vielen Menschen, die es darauf anlegen, Köln mit allen möglichen Tricks zur Fahrradfahrer-freien Zone zu machen: Da sind die Autofahrer, die rechts blinken und links abbiegen oder mich erst überholen und dann ausbremsen oder einfach übersehen. Es gibt Fußgänger mit dem Handy am Ohr, die mir vors Fahrrad laufen. Und natürlich Hundebesitzer, die ihren Hund an der ganz langen Leine ausführen und diese so vor mein Rad spannen.
Vielleicht sollte ich es lieber noch mal mit Fußballspielen versuchen. Das hat mir früher viel Spaß gemacht. Heute macht mir Fußballgucken viel Spaß, auf der Couch. Mit Interesse verfolge ich auch das Geschehen rund um den Fußballplatz, Stichwort Trainer.
Felix Magath, so lese ich, sei ein harter Hund und quäle seine Spieler im Training gerne mit Medizinbällen. Wahrscheinlich hat er dieselbe Ausbildung genossen wie mein früherer Sportlehrer. Magaths Nachfolger bei Schalke ist
Ralf Rangnick. Der habe, so lese ich, den Schalker Spielern den Spaß am Fußball zurückgebracht. Mit einem tollen Doppelerfolg gegen Inter Mailand hat sich der Ruhrgebietsverein ins
Halbfinale der Champions League gespielt. Die Fachleute streiten noch darüber, ob das ein später Erfolg des Medizinball- oder ein früher des Spaß-Trainings war. Unstrittig ist, dass ich erstmal mit einem Medizinball-Training anfangen müsste, um beim Fußballspielen halbwegs mithalten zu können.
Aber glücklicherweise gibt es ja noch zahllose andere Möglichkeiten, seine Fitness zu stärken. Staunend habe ich einige davon jetzt auf der Messe
"Fibo" in Essen kennen gelernt, vom "Full Power Training" über "Pilardio", einer Mischung aus Pilates und Cardiotraining, bis zu "Technogym". Allen Methoden scheint gemeinsam, dass sie vor allem von sehr jungen, sehr gut gebauten und sehr fitten Frauen betrieben werden, die während der Übungen auch noch lächeln. "Das kriege ich nie hin", dachte ich mir. Beim Verlassen der Messehallen sah ich noch ein Trampolin mit Motor, das versprach, "den Trainierenden einfach mitzunehmen". Das hörte sich nett an, aber ein Trampolin passt beim besten Willen nicht in meine Wohnung.
Da steht nämlich bereits ein großes Sofa. Wie schön es ist, sich nach dem anstrengenden Messerundgang darauf auszuruhen! Und wie schön, dass nun Fußball angesagt ist – im Fernsehen. Garantiert verletzungsfrei – für mich. Ich mache ein friedliches Gesicht.
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Zum SeitenanfangPapa, Mama, Sohn und Tochter sitzen zum Frühstück an einem Tisch im Garten, essen vergnügt frisches Brot mit gesunder Margarine und freuen sich auf einen sonnigen Sonntag. Manchmal sitzt auch noch der vitale Opa mit am Tisch, mit leckeren Sahnebonbons in der Tasche. So schön kann Familienleben sein, zumindest in der Werbung. Die Wirklichkeit sieht aber meistens ganz anders aus: Die Sonne scheint nur selten, und wenn, dann nicht am Sonntag, wenn man frei hat. Deshalb brauchen wir ja die Atomkraft, die Sonnenenergie allein reicht halt nicht. Papa und Mama streiten darüber, wer die Butter zu spät aus dem Kühlschrank geholt hat, weshalb sie kaum aufs Brot zu streichen ist. Die Kinder wollen nur Brote mit ihrem geliebten Nuss-Nougat-Aufstrich essen, der aber leider gerade aufgebraucht ist. Und Opa fragt zum vierten Mal, ob jemand sein Pillendöschen gesehen hat.
Wenn die Kinder älter werden, wird das Familienleben nicht unbedingt harmonischer. Die Jugendlichen nerven die Eltern mit eigenen Ansichten, die Eltern ihren Nachwuchs mit altmodischen Ansichten, die Großeltern die Eltern mit ihrer Nachsicht gegenüber Enkelin und Enkel. Belastet ist häufig vor allem das Verhältnis zwischen Vater und Sohn, wie schon Sigmund Freud wusste. Manchmal braucht der Sohn viel Zeit, bevor er sich aus dem Schatten des Vaters löst. Walter Kohl hat das in seinem Buch eindrücklich geschildert. Sein Vater Helmut, der die "Famillje" in seinen Reden immer hoch hielt, sah demnach in der Partei seine wahre Familie und wurde zuhause nur selten gesichtet.
In der Partei geht es mitunter tatsächlich genauso zu wie in der Familie, das lehrt ein Blick auf die politische Bühne. In der FDP schrecken Guido Westerwelles Zöglinge - Christian Lindner, Daniel Bahr, Philipp Rösler - noch vorm politischen Vatermord zurück, da treibt sie Opa Wolfgang Gerhardt zur Tat, redet vom notwendigen Generationswechsel. Mit der gleichen Begründung hatte ihm Westerwelle übrigens einst den Fraktionsvorsitz abgenommen. Ein fast vergessener Generationenkonflikt blitzte kürzlich auch bei den Christdemokraten auf, als Helmut Kohl Angela Merkel kritisierte, wegen ihrer Wende in der Atompolitik. Das nach der Spendenaffäre notdürftig gekittete Verhältnis zwischen Kohl und seinem "Mädchen" zeigt wieder Risse. Bei den Christsozialen weinen die Altvorderen derweil Krokodilstränen, weil ihnen der junge adelige Hoffnungsträger abhandengekommen ist, was wiederum den Karrieren des 61-jährigen Horst Seehofer und der 60-jährige Gerda Hasselfeldt eher nützt als schadet. Und bei den Sozialdemokraten? Da sind am liebsten immer noch alle die Enkel von Willy Brandt. Mit Papa Schröder haben viele Genossinnen und Genossen so ihre Probleme.
Der spannendste Generationenstreit bleibt der bei den Liberalen. Vielleicht ist der nur an einem runden Tisch zu lösen, mit allen Beteiligten. Am besten bei einem schönen Frühstück, irgendwo in einem einsamen Gartenlokal, bei sonnigem Wetter. Die drei Jungstars Lindner, Bahr und Rösler sollten dabei sein, außerdem Westerwelle und Gerhardt. Als Verstärkung könnte Westerwelle noch seinen politischen "Opa" mitbringen - Hans-Dietrich Genscher. Der hat vielleicht einen Rat für ihn. Oder zumindest ein Sahnebonbon.
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Schinkenbrote habe ich schon als Kind gerne gegessen. Damals habe ich stets säuberlich die Fettstreifen vom Schinken gelöst und nur den mageren Teil aufs Brot gelegt. Meine Oma hielt das für eine Verschwendung und mir vor, pingelig zu sein. Das Wort "pingelig" hat es, dank
Konrad Adenauer, vom Rheinischen ins Hochdeutsche geschafft. Er empfahl, im Umgang mit der Macht nicht zu pingelig, also nicht peinlich genau zu sein. So hat er es immerhin zum Kölner Oberbürgermeister gebracht, später sogar zum Bundeskanzler. Ich habe es zwar vom Niederrhein in die Stadt Köln geschafft, aber OB werde ich hier nicht, und das Kanzleramt ist für mich auch in weiter Ferne. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich immer noch etwas pingelig bin.
Fröhlich stimmt es mich, wenn ich Menschen begegne, die pingeliger sind als ich. Albert etwa, ein Arbeitskollege, sortiert die Dinge auf seinem Schreibtisch stets in rechten Winkeln zueinander. Bleistifte nutzt er, bis sie nur noch zwei Zentimeter lang sind. Seine Jeans sehen aus, als würden sie gebügelt. Dafür ist er beim Korrekturlesen unschlagbar, kein Fehler entgeht ihm. Mit ihm kann es bei uns in der Redaktion höchstens noch Susanne aufnehmen. Die spürt selbst kleinste Unregelmäßigkeiten bei Wortzwischenräumen oder Zeilenabständen zuverlässig auf und lächelt dabei. Wem die Fehler unterlaufen sind, der fühlt sich dabei allerdings an einen Haifisch erinnert.
Adenauer war sehr erfolgreich, Albert und Susanne sind es noch, auf ihrem Gebiet. Pingeligkeit verträgt sich anscheinend nicht mit Politik, wohl aber mit Journalismus. Eine Angela Merkel könnte keine
Wende in der Energiepolitik vornehmen, wenn sie sich peinlich genau an das erinnern würde, was sie noch vor zwei Wochen gesagt hat. Wir Journalisten hätten weniger Spaß bei der Arbeit, wenn wir dank unserer pingeligen Kollegen im Archiv nicht nachzeichnen könnten, wie aus glühenden Verfechtern der Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken wie Stefan Mappus oder Markus Söder in kürzester Zeit deren Totengräber werden. Wobei, pingelig betrachtet, sich das Bild vom Totengräber in diesem Zusammenhang natürlich verbietet.
Pingeligkeit ist eine höchst ambivalente Kompetenz, das sollten auch Berufsberater realisieren. Helfen könnte ihnen im Job eine gemeinsame Pause mit den Arbeitssuchenden. Welches Brot packt der der Kandidat aus und wie? Hat er eine Serviette dabei? Wäscht er sich vor dem Essen die Hände? Redet er mit vollem Mund? Das alles gibt Hinweise auf den Pingeligkeits-Grad und das dazu passende Berufsfeld. Physiker etwa, die den Mund gern mal etwas voll nehmen, eignen sich eher für die Politik als für die Forschung. Wer sich vor der Brotzeit die Hände wäscht, die Serviette umbindet und das mitgebrachte Brötchen bis zum letzten Krümel verzehrt, ist sicher für den medizinischen Sektor geeignet, nicht aber für die Politik. Denn dort wäre er kein echter Enkel Adenauers und würde womöglich für alles und jedes ein Extra-Gesetz machen und ständig den Bundestag, den Bundesrat oder gar das Volk – sprich Krethi und Plethi - mitentscheiden lassen. Last but not least: Beim Personal für Atomkraftwerke würde ich nur auf Menschen zurückgreifen, die ihr Frühstückszubehör rechtwinklig anordnen - und Schinkenbrote auspacken, ohne einen Fitzel Fett.
Ich überleg mir gerade die Variante der Ausrede von der Löschung meines Eintrags von gestern. Wir hätten in Bezug auf letzte Woche die Möglichkeit der Spassvariante. Wir wollten ihnen eine Freude machen! Dann gäbe es noch die Möglichkeit, das es einen technischen Defekt gab, oder der Bericht selbst verschwindet aus dem Blog.Nur, blanke Schikane ist das natürlich auf keinen Fall.
Marie 2011 am 21.03.11 7:34
Bin ich eigentlich in meinem Bestreben, meine Meinung sagen zu dürfen völlig irre? (Sofern diese natürlich nicht beleidigend ist) Es sieht langsam so aus.
Marie 2011 am 21.03.11 7:37
Ich geb mir die Antwort selbst, nicht ich bin völlig irre, sondern die Leute, die mit meiner Meinung nicht klar kommen, mit denen stimmt was nicht. Ich hätte ebn noch anfügen können, das mein gestriger Kommentar vielleicht zu sinnfrei war. (Wäre mit Sicherheit die Begründung wenn ich irgendwo anrufe). Da frag ich mich natürlich, ob MGs Kommentar, mit den Vögeln auf Malta geistig gehaltvoller war..aber ich bild mir das nur wieder ein, das ist alles gar nicht so.
Marie 2011 am 21.03.11 7:51
So, jetzt wollen wir das Wort zum Montag mal beenden, und an die Arbeit kommen. Wenn Leute psychisch nicht so eine Pferdenatur haben, wie ich, was passiert wohl mit denen auf Dauer? Bei den Medien, die kann man aus lassen, bei der Arbeit lässt man sich krank schreiben, im Mietshaus, zieht man aus. ODER MAN WEHRT SICH! Aber das kann nicht jeder, da sollten mal die drüber nachdenken, die so mit anderen Menschen verfahren.
Marie 2011 am 21.03.11 8:43
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Zum SeitenanfangDer Computer, der bis vorige Woche unter meinem heimatlichen Schreibtisch stand, hatte seine beste Zeit lange hinter sich. Beim Einschalten gab er zunächst ein Brummen von sich, bevor er nach minutenlangem Hochfahren in ein kaum hörbares Sirren wechselte. Die verschiedenen Programme führte er dann im ihm eigenen Tempo oder besser: in der ihm eigenen Langsamkeit. Die Muße vor dem Bildschirm, so redete ich mir lange ein, sei wichtig für die Qualität meiner Glossen – in den Wartezeiten war ich ja gezwungen, den jeweiligen Text wieder und wieder zu lesen. Doch schließlich wurde mir alles zu viel – ständig die Sanduhr auf dem Bildschirm, die spöttischen Bemerkungen meiner Freunde, die ruckelnden Videos. Ich kaufte mir einen neuen Rechner. "Damit bekommen Sie modernste Technik, und das zum Schnäppchenpreis", versprach der Verkäufer im Elektronikmarkt.
Er hat nicht zu viel versprochen. Der neue Computer ist sehr fix, ich weiß kaum noch, wie die Sanduhr aussieht. Und er hat mich angefixt, für den technischen Fortschritt begeistert. Der war in diesen Tagen in Hannover zu bestaunen, auf der
Cebit – dem "weltweit wichtigsten und internationalsten Ereignis der digitalen Industrie", so die Eigenwerbung. Messehallen gehören normalerweise nicht zu meinen Lieblingsorten. Denn dort gibt es in der Regel schlechte Luft, mieses Essen und jede Menge überflüssiges Papier. Doch dem Lockruf der Cebit konnte ich nicht widerstehen. Die Fahrt im Zug nach Hannover geriet dann leider etwas holprig. Eine Stunde hatte der Zug Zwangspause, wegen der Kollision mit einer Kuh.
Auf der Cebit komme ich dann aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Eine
neue Technik soll beispielsweise dafür sorgen, dass ich zum Steak den richtigen Wein trinke, dank geschickt verknüpfter Datenbanken. Ein echter Fortschritt, wie jeder weiß, der sich schon einmal über einen näselnden, arroganten Kellner geärgert hat, der einem den teuersten Tropfen andrehen will.
"Die Technik wird immer intelligenter – dank Semantik", erklärt mir ein Standbetreuer, laut Namensschild "Herr Hübner". Ich grübele, welche Bedeutung sich hinter "Semantik" verbirgt und wie Herr Hübner wohl mit Vornamen heißt. Der redet währenddessen weiter, über smarte Anwendungen, ungeahnte Möglichkeiten und sogar über „Ontologie“. Mir schwirrt der Kopf. "Und richtig praktisch ist der elektronische Einkaufszettel", behauptet Herr Hübner. "Was Sie üblicherweise kaufen, ist im Hintergrund bereits gespeichert. Haken Sie während des Einkaufs die 'Milch' ab, schiebt der elektronische Einkaufszettel den Joghurt nach oben, da Sie sich wahrscheinlich noch in der Nähe des Milchprodukte-Regals befinden." Ich bin beeindruckt, auch von einer weiteren Errungenschaft, die Herr Hübner anpreist: das automatische Beschwerdemanagement. Es analysiert lästige Reklamationen und formuliert eigenständig Antwortschreiben. Ehrlich gesagt kamen mir Antwortschreiben auf Beschwerden schon immer so vor.
Nach einem langen Messetag sinke ich erschöpft auf den reservierten Sitz im ICE nach Köln. Schnell falle ich in unruhigen Schlaf und träume - von einem elektronischen Einkaufszettel. Der verkündet mir zuerst laut und deutlich den Fettgehalt der Schokolade und der Chips, die ich in den Einkaufswagen lege. Vor dem Zigarettenregal gibt er einen Heulton von sich. Als ich gerade zur Billig-Milch greifen will, zaubert der elektronische Helfer das Bild einer ganz und gar unglücklichen Kuh auf sein Display. Die Kuh wird größer und größer, verlässt das Display, beginnt laut zu reden. Ich werde wach. Neben mir sitzt eine Frau, eingezwängt in ein weißes
Kostüm mit großen schwarzen Flecken, und unterhält sich mit ihrem Gegenüber, das ebenfalls ein weißes Kostüm trägt, allerdings mit großen braunen Flecken. In der Ontologie des Fortschritts scheint die Kuh eine gewisse Rolle zu spielen. In der des Grauens aber auch.
Audio: Die Kuh und der Fortschritt
Wenns länger dauert, nimm Dir ein Sn.., vor lauter Snacks wäre man kugelrund..wegen der Wartezeiten. Nun ja, nicht ganz, die Komplettpackete von Discountern haben die Republik schneller gemacht. Die Wartezeiten haben sich deutlich verkürzt. War auch notwendig vor lauter Updates die bei jedem Start und Interneteinwahl geladen werden müssen. Da muss man aufpassen und kommt nicht einmal zum fress...zum Snack...
MG am 7.03.11 14:12
Kommentar 2, der Erste bezog sich auf alte Computer, der zweite auf alle segensreiche Neuerungen. Per Zeigefinger blättern im Aple, in den saueren Apfel beißen, sprich monatlich Grundgebühr abdrücken. Wenns schee macht, eine ehemalige Müllermilchwerbung. Genau so Kundenverblödeln damals, wie heute mit dem "faulen" Apfel, sorry Appel. Alles nur Geldmache. Na und wenn schon, jedem Tier sein Plesier, passt auch zur Zeit.
MG am 7.03.11 15:56
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Zum SeitenanfangKürzlich hat mich Regina ins Kino eingeladen. Den Titel des Films wollte sie vorher nicht verraten. An der Kinokasse sagte sie "
We Want Sex, bitte zweimal." Das hörte sich vielversprechend an. Anders als ich erwartete, ging es in dem Film aber um den ersten Streik von Ford-Mitarbeiterinnen, Ende der sechziger Jahre in England. Zu sehen sind Frauen, die ihre Stärke entdecken und die überhebliche Männerwelt des Ford-Managements zum Nachgeben zwingen. Bei einer Demonstration in London fordern sie selbstbewusst „We want sex equality“, doch das Transparent klappt um und zeigt nur "We want sex". So kommt der Film zu seinem Titel und damit wahrscheinlich zu einigen Zuschauern, die einen ganz anderen Streifen erwarten. Das habe ich mir gemerkt und entsprechend den Titel dieser Glosse gewählt.
"Das war ein prima Film", sagte Regina nach der Vorstellung. "Er zeigt, gegen welche Widerstände sich die Frauen durchsetzen mussten – und leider ist das heute immer noch nicht anders." "Das war ein prima Film“, entgegnete ich, "er zeigt, wie viel wir als Gesellschaft inzwischen erreicht haben. Denn das Patriarchen-Gehabe der Männer in dem Film ist doch in unserer Zeit kaum mehr vorstellbar." Regina sah das anders: "Fakt ist, Frauen verdienen immer noch weniger als Männer. Das wird nur anders begründet. Wofür die tapferen Frauen im Film gekämpft haben, das ist vier Jahrzehnte später immer noch nicht Wirklichkeit geworden." "Frauen sind längst in Spitzenpositionen angekommen, anders als im Film", hielt ich dagegen, "denk nur an Monika Piel, die WDR-Intendantin, oder unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel". "Und wo, bitte, bleiben die Frauen in den Führungsetagen der Wirtschaft?", konterte Regina.
Zum Glück kam in diesem Moment die Straßenbahn, und ich verabschiedete mich hastig. In der Gleichberechtigungs- und Quotendebatte haben die Frauen anscheinend immer noch die besseren Argumente, dachte ich. Da hilft auch der Verweis auf Angela Merkel nicht. Die half ja auch nicht, als sich Regierung und Opposition über eine Hartz-IV-Reform verständigen wollten, was bekanntlich
in die Hose ging. Glaubt man der Boulevardpresse, waren die Verhandlungen so eine Art Zickenkrieg zwischen Ursula von der Leyen (CDU) und Manuela Schwesig (SPD). Aber das ist natürlich frauenfeindlicher Blödsinn, wahrscheinlich gibt es einfach zu wenige Frauen in den Redaktionen von Bild und Express.
"Nächster Halt: Dom Hauptbahnhof“. Eine Stimme aus dem Lautsprecher der Bahn riss mich aus meinen Gedanken. Sie klang erotisch und vielversprechend. Die Bahn stoppte, die Türen gingen auf, und eine Menge kostümierter und anscheinend beschwipster Frauen stürmte das Abteil. Es wurde mächtig eng, und der Alkoholgehalt der Luft stieg deutlich an. Die Bahn stand weiterhin. Die Frauengruppe stimmte "Viva Colonia“ an, und besonders inbrünstig sangen die Piratinnen und Prinzessinnen die Liedzeilen "Wir lieben das Leben, die Liebe und die Lust, wir glauben an den lieben Gott und han auch immer Durst." Die Bahn stand weiterhin. "Und die Emanzipation hat doch mächtige Fortschritte gemacht", dachte ich. Dann erscholl wieder eine Stimme aus dem Lautsprecher, wieder weiblich, aber diesmal mit starkem kölschen Akzent: "Mit Biomasse in der Lichtschranke können wir nicht losfahren!“ Solche Frauen braucht das Land!
Danke, Stephan Josef, für Trost und Optimismus. Vielleicht bringen wir es sogar mal so weit, dass die Jungfrau im karnevalistischen Dreigestirn von einer Frau dargestellt wird. Oder dass "Manntage" als Arbeitsdauereinheit abgeschafft wird. Obwohl: Eine Frau schafft dieselbe Arbeit doppelt so schnell und dreimal so gut. Oder dass Lohngleichheit herrscht! Aber wir wollen's ja nicht übertreiben.
Anonym am 13.02.11 19:43
Wie immer hab ichs gelesen, wie immer fand ichs klasse geschrieben. Aber ist Emanzipation, wenn Frauen sich betrinken wie Männer? Ich weiß nicht.Für mich ist Emanzipation, wenn Mann und Frau im Beruf gleich bezahlt und behandelt werden. Leider ist das immer noch nicht so. Privat sehe ich das völlig anders, zwischen Mann und Frau gibts Unterschiede, das vergessen die meisten Leute.
Marie 2011 am 13.02.11 20:41
Wer ist Stephan Josef?
Anonym am 14.02.11 13:07
Stephan Josef ist - wie auch Doktor Gregor - Experte für das moderne Leben. Er glaubt es zumindest. Näheres zu seiner Biografie gibt es hier:
http://wdrblog.de/glossenblog/2006/09/doktor_gregor_und_stephan_jose.html
Stephan Josef am 14.02.11 13:23
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