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Doktor GregorNeulich hatte ich mal wieder richtig Zeit, mich mit meiner Cousine zu unterhalten. Sie wohnt mit ihrer Familie im Nirwana zwischen Düren und Aachen. Dort gibt es nicht viel, aber immerhin einen Bahnhof. So war ich mit dem Regionalzug zu einer abendlichen Stippvisite gefahren und stand gegen Mitternacht am Bahnsteig, um den letzten Zug zurück zu nehmen. Plötzlich eine Lautsprecherdurchsage in der nächtlichen Stille: Der Zug nach Köln verkehre heute auf Gleis 2 statt 1, wegen Gleisarbeiten. Dankbar für die rechtzeitige Information tastete ich mich durch die spärlich beleuchtete Unterführung auf die andere Seite des Bahnhofs. Die Durchsage ertönte noch einmal. Dann fuhr der Zug ein. Auf Gleis 1. Er hielt 40 Sekunden, zu wenig für die Unterführung. Ich habe dann bei meine Cousine übernachtet und noch ein gutes Frühstück bekommen.
Im Zug am nächsten Tag fehlte mir die Fahrkarte für die eine Station, die außerhalb meines Verbundtickets lag. Der Grund. Der Automat nahm keine Scheine an, genug Münzen hatte ich nicht. Die Folge: Eine Zahlungsaufforderung über 40 Euro.
Diese Geschichte ist nicht erfunden. Das ist das Schöne bei Bahngeschichten: Man muss sie nicht erfinden. Denn die Bahn ist so, wie sie ist: Die
Feuerwehr muss ICEs evakuieren, Gerichte müssen die
Renovierung von Bahnhöfen erzwingen. Das Blöde bei Bahngeschichten: Sie sind alle schon erzählt und mit Bahnwitzen kann ein Satiriker kaum mehr etwas reißen. Deshalb geht es mir hier auch nicht um langweiliges Bahn-Bashing. Vielmehr möchte ich alle, die an der Rettung der Welt arbeiten, auf die Bahn als Quelle möglicher Lösungen hinweisen. Tiefsinnige Denker haben nämlich längst erkannt, dass hinter den großen Krisen unserer Zeit - der ökologischen Krise, der Finanzmarktkrise oder der Krise des Mannes - das abendländische lineare Denken steht.
Ganz kurz erklärt: Wir denken und handeln in linearen Wenn-Dann-Beziehungen, wir abstrahieren, klassifizieren, bilanzieren. Alles muss effizient sein, messbar, kalkulierbar. Deshalb produzieren wir Bruttosozialprodukte, aber kein
Bruttosozialglück, deshalb zerstören wir die Umwelt und unsere Seelen auch. Das Vernetzte, das nicht Messbare, der Weg als Ziel, der Charme des Umwegs, die Freude am Augenblick bleiben auf der Strecke. Nicht so bei der Bahn: Hier lernen sich Unbekannte kennen, kommen ins Gespräch, wenn der Zug stehen bleibt oder der Anschlusszug weg ist. Hier gibt es auch nicht für jeden Misstand eine benennbare Ursache, geschweige denn eine Lösung. Offensichtlich denkt das System Bahn nicht in solchen Kausalketten. Deshalb ist dieses System zutiefst ökologisch. Man müsste näher untersuchen, wie es funktioniert. Die UNO könnte das machen. Oder eine Kommission aus
Bhutan.
Der Fahrgastverband ProBahn dagegen ist noch ganz im alten Denken verhaftet. Er kritisiert an der
Modernisierung von 359 Bahnhöfen, im Zuge der besseren Ausstattung mit Fahrplänen würde die Bahn eigentlich nur Ansagen sparen wollen. Genau das ist, vernetzt gedacht, der Fortschritt: Hätte es damals im Nirwana hinter Düren keine Ansage gegeben, hätte ich meinen Zug nicht verpasst.
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Zum SeitenanfangAls ich letztens mal wieder meine Studienfreundin Elke zu einem Kaffee traf, erzählte ich ihr, was ich zur Zeit jedem erzähle, ob er’s hören will oder nicht: Wie meine Tochter ihr Auslandsjahr in Colorado verbringt, schon Solosaxophon in der Schulband spielt, nach Kansas und Florida reist. Kurz: Vater stolz wie Oskar. Leider war Elke nicht die Richtige fürs Teilen meiner Begeisterung. Aus ihrer studentenbewegten Zeit hat sie sich einen tief sitzenden Antiamerikanismus bewahrt. "Warum schickst du deine Tochter ausgerechnet zu dieser absteigenden Supermacht, in dieses Land mit Todesstrafe und ohne Krankenversicherung?"
"Soll ich meine Tochter lieber nach China schicken, in eine aufstrebende Supermacht mit Todesstrafe?", fragte ich gereizt zurück. Und erinnerte dann an den Spruch meines Vaters, nach dem alles aus den USA mit ein paar Jahren Verspätung auch bei uns ankomme. Fand Elke total veraltet - bis ich sie auf die Hillary-Strategie hinwies. Das fand sie dann sehr interessant, schließlich ist Elke auch frauenbewegt. Und dass Hillary Clinton erst die Präsidentschaft ihres Mannes unterstützt hat, durch alle peinlichen Skandale hindurch, um sich später selbst zu bewerben und schließlich mit dem Konkurrenten Obama ein Team zu bilden, fand Elke "extrem stark. Das kriegt so kaum ein Mann hin."
"Und das kommt jetzt erst bei uns richtig an", sagte ich: "Schröder hat in Berlin den Macker geben dürfen, aber jetzt, wo er dank Putin gut versorgt ist, startet seine
Doris richtig durch - via Landtag Hannover. Und Hannover ist bekanntlich eine Karriereschmiede." Das Beispiel war Elke schon bekannt. Nicht aber das von Michelle. Ich meinte nicht Michelle Obama, die bekanntlich einen starken Einfluss auf die Politik ihres Mannes haben soll, was aber eher ein traditionelles Modell ist. Ich meinte
Michelle Müntefering. Während ihr Mann Rente mit 67 gut und Opposition Mist findet, kandidiert sie nun für den Bundestag.
"Da schimpft man darüber, dass sich die alten Säcke immer jüngere Frauen zulegen, übersieht aber, das diese Männer nur als Karrieresprungbretter dienen", staunt Elke. Und sie freut sich darüber, dass Politikerinnen nun nicht mehr nur als Kohls Mädchen oder Albrechts Tochter durchstarten können. Außerdem sind wir uns beide sicher, dass es bei den ersten Beispielen nicht bleiben wird. "Guttenbergs Comeback kommt doch nicht richtig vom Fleck. Aber seine Stephanie hat schon wieder eine Titelgeschichte in der Brigitte", sagt Elke (was ich natürlich nicht wissen konnte). Schließlich stellen wir sogar eine Verschwörungstheorie zum Fall Wulff auf: Woher erfährt die Presse immer wieder neue Details über ihn? Wie wenn seine Bettina dahinter steckt? Tauchte sie nicht kürzlich bei einem Empfang des Springerkonzerns in Hamburg auf, der ihren Mann mit einem Stahlgewitter überzieht? Könnte es nicht sein, dass Bettina nicht mehr länger warten will, bis ihr Christian zu Hause bleibt und sie ihre Karriere beginnen kann?
"Und welchen alternden Politiker wird deine Tochter heiraten, wenn sie in Amerika die Hillary-Strategie genügend kennen gelernt hat?", fragt Elke plötzlich. "Wie", schreie ich auf und schlage mit der flachen Hand auf den Tisch. "Meine kleine Tochter und heiraten?" Also, manchmal übertreibt Elke wirklich!
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Zum Seitenanfang"Der Klimawandel ist gut gegen den Klimawandel", sagt mein Sohn und lacht. "Ist das ein Koan?", frage ich. "Nein, das steht hier", entgegnet er und deutet auf eine
Meldung auf dem Bildschirm seines Laptops: Das stürmische Wetter beschert der Windkraft Rekordergebnisse. "Nun kommt doch der viele Sturm vom Klimawandel", sagt mein Sohn: "und die Windkraft wiederum vermindert die CO2-Emissionen. Also reduziert der Klimawandel sich selbst, das ist die Lösung." Nun schaue ich mir die Meldung auch an und komme darüber ins Grübeln. Sollte die Energiewirtschaft den Klimawandel schließlich mit viel Windkraft in den Griff bekommen, dann ließen auch die Stürme nach, dann geriete die Windkraft in eine Krise, es würde wieder mehr Kohle verfeuert, das Klima erwärmt sich ... ein ewiger Kreislauf.
Mein Sohn reißt mich aus dem Strudel meiner Gedanken. "Was ist ein Koan?", fragt er. "Ein paradoxer Sinnspruch im Zen-Buddhismus. Der Meister sagt dem Schüler einen Satz, der rätselhaft bleibt, paradox, rational nicht zu verstehen. Zum Beispiel: Ich klatsche mit einer Hand. Indem der Schüler darüber meditiert, muss er das normale Denken überschreiten. Und gelangt so unter Umständen zur Erleuchtung." Das findet mein Sohn sehr interessant und tippt gleich die Suchbegriffe Zen und Koan in seinen Rechner. Die erste Antwort lautet: "
Schlafkomfort durch viscoelastische Matratzen zu Top-Preisen."
Erst rätseln wir beide, was das nun mit dem Thema zu tun hat - bis uns klar wird, dass wir uns schon mitten in einer Koan-Meditation befinden. Wir zerbrechen uns den Kopf über etwas, was keinen Sinn zu ergeben scheint, und im Zerbrechen unseres Kopfes leuchtet eine Wahrheit jenseits des Denkens auf. Und mit einem Mal wird uns bewusst, dass wir derzeit von solchen erleuchtenden Koans geradezu umgeben sind. "
Wir müssen eine neue Erzählung entwerfen", sagt Peer Steinbrück. "Der Rubikon ist überschritten", sagt der Bundespräsident. "
Der Bambus wiegt sich im Sturm, aber er bricht nicht", sagt der FDP-Vorsitzende.
In stürmischen Zeiten sucht man eben nach Weisheit, die über den Tag hinaus gilt. Damit wandern meine Gedanken wieder zu der Windkraftmeldung und plötzlich fällt mir ein, welcher Koan sich wirklich in ihr versteckt. "Mit Windrädern den Sturm stillen!" rufe ich meinem Sohn zu. Der steht inzwischen am Fenster und schaut hinaus auf den Sturm, der kräftig an den Bäumen in unserem Hof rüttelt. Und er tut das, was sich auch unsere Kanzlerin für das neue Jahr vorgenommen zu haben scheint. Mein Sohn und Frau Merkel sind damit schon einen Schritt über den Koan hinaus. Wer weiß, vielleicht sind sie der Erleuchtung schon nahe. Wissen kann man es nicht. Denn sie schweigen.
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Heiligabend hat mich in diesem Jahr recht nachdenklich gemacht. Wie gewünscht bekam ich viele Bücher geschenkt und habe aus lauter Begeisterung gleich in mehreren abwechselnd zu lesen begonnen. Zusammen mit dem Châteauneuf-du-Pape brachte das in meinem Kopf merkwürdige Synapsenverbindungen zustande. Das Stichwort Synapsen liegt nahe. Denn das erste Buch, zu dem ich griff, handelte von Hirnforschung. Erster Leseeindruck: Das mit der Freiheit kann ich mir abschminken. Spontane Entscheidungen treffe nicht ich, sondern mein Hirn. Ich denke nur im Nachhinein, ich hätte entschieden. Etwas verwirrt habe ich mich gefragt, ob ich das nun denke oder wiederum mein Hirn. Ich werde mir zum Geburtstag noch einen
Precht wünschen, der weiß das bestimmt.
Nach der Hirnforschung gab es Herrencreme. Wir machen immer eine Pause zwischen dem Puter und dem Nachtisch. Und danach machte ich eine Pause von der Hirnforschung und versuchte mich mit einem Roman zu entspannen.
"Sturz der Tage in die Nacht" hatte ich mir gewünscht, weil Denis Scheck es für eins der besten Bücher des Jahres hält und der bekanntlich weiß was er tut. Und weil mich skandinavische Inseln als Ort der Handlung reizen. Aber dann verliebt sich da ein Sohn in seine Mutter und ein alter Stasispitzel schaut zu und mit jeder weiteren Seite hatte ich den Eindruck, dass Rotwein und Herrencreme in meinem Magen unbekannte chemische Reaktionen erzeugten. Vielleicht war es aber auch nur mein Hirn.
An Heiligabend soll man sich mit den lieben Kleinen befassen. Also bot ich meinem Jüngsten an, aus den neuen Kinderbüchern vorzulesen. Aber wer zum Teufel hat ihm
"Freddy" geschenkt? Das Buch handelt, reichhaltig illustriert, von einem Ganzkörpertätowierten. Wir kamen über Seite zwei nicht hinaus, weil man Sohn sehr genau wissen wollte, wie das funktioniert mit den Tattoos. Also erklärte ich, so gut ich vermochte, die schmerzhafte Kunstform und stopfte mit zwischendrin immer neue Spekulatius und Dominosteine in den Mund. Ich war zwar längst satt, aber mein Hirn wollte das wohl so. "Wo kommt eigentlich dieses absonderliche Buch her?", fragte ich meine Frau. "Das hast du doch ausgesucht, weil der Autor aus Norwegen ist. Du magst doch alles aus Skandinavien." Das hatte ich tatsächlich verdrängt. Aber was heißt schon ich ...
Ich bin an diesem Abend ungewöhnlich früh zu Bett gegangen. Zu vieles drehte sich in Kopf und Magen. Im Wegdämmern sah ich lauter tätowierte Männer an einem skandinavisch kühlen Strand herumtollen. Dazu sangen sie: "Oh Tannenbaum oh Tannenbaum, du bist nur unser schöner Traum. Und das nicht nuuuur in meinem Hirn, nein, hinter jeeeeder krausen Stirn." Ich versuchte, mich nach Bullerbü wegzuträumen, aber mein Unbewusstes wehrte sich. "Wann stehen wir morgen auf?", fragte mich meine Liebste, als ich fast schon eingeschlafen war. "Weiß ich noch nicht", sagte ich mit letzter Kraft: "Ich bleib morgen liegen und lasse einfach mein Hirn entscheiden."
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Zum SeitenanfangEigentlich hatte ich nur meinen Sohn, den begeisterten Jungpfadfinder, begleitet. Aber als ich dann im Dom stand, unter 2.500 Pfadfindern, die sangen und feierten, ergriff mich die Rührung. Es ist ja auch eine wunderschöne Idee: In der Geburtsgrotte Jesu in Bethlehem wird eine Flamme entzündet, die Pfadfinder dann vor Weihnachten in alle Welt verbreiten. Das kleine Feuer, das jetzt vor uns im Kölner Dom brannte, war per Flugzeug nach Wien gekommen. Von dort hatte es eine Delegation im ICE nach Köln gebracht und die windgeschützte Laterne über den zugigen Bahnhofvorplatz hinein in die Kirche. Die wimmelte nun von Menschen mit Stalllaternen und Windlichtern, in denen die Flamme aus Bethlehem nach Hause geholt werden sollte.
"Licht verbindet Völker" heißt das Motto, und deshalb sangen und sprachen im Dom auch Gäste aus Mexiko, Brasilien und Afrika.
Die kleine Pfadfindergruppe meines Sohnes wollte das Licht in unsere Kirche im Viertel bringen, von wo aus es jeder mit nach Hause nehmen könnte, um damit etwa den Adventskranz anzuzünden. Aber das war leichter gesagt als getan. Sie mussten nämlich eine Erfahrung machen, die Profis der Strom- und Telekommunikationsbranche in den Satz kleiden: Die letzen Meter zum Verbraucher sind die schwierigsten. Zwar brachten sie die Kerze bis zur U-Bahn, ohne dass sie ausgelöscht wurde. Aber sie hatten nicht mit den Ordnungskräften der Kölner Verkehrsbetriebe gerechnet. Die regeln sonst heldenmütig das Gedränge in der Vorweihnachtszeit. Aber an diesem ruhigen Abend nahmen sie Anstoß an unserer Laterne. Offenes Feuer in der Bahn ist nicht erlaubt.
Die Pfadfinder versuchten zu erklären, erzählten von Bethlehem, vom ICE, in dem es offensichtlich kein Problem gab, und natürlich vom Frieden. Aber ihre Gesprächspartner ließen sich nicht erweichen. Mich erinnert das an den berühmten Romantitel von Carlo Levi: "Christus kam nur bis Eboli". Diesmal kam Jesus nur bis zum Hauptbahnhof. Das Licht aus Bethlehem hatte die Mauer zwischen Palästina und Israel übersprungen, es wird am Ground Zero in New York leuchten und im Europaparlament empfangen. Aber im Kölner Nahverkehr ereilte es die harte Alternative: Auslöschen oder Aussteigen.
Das Licht aus Bethlehem ist schließlich doch bei uns angekommen. Wie, möchte ich hier nicht verraten, um keinen engagierten Pfadfinder einer Ordnungsstrafe auszusetzen. Die nächste harte Hürde ist nun meine Frau. Sie will keinesfalls eine Kerze in der Wohnung brennen lassen, wenn niemand zu Hause ist. Mein Sohn ist ungehalten, aber ich muss ihr natürlich Recht geben. So brennt die Flamme jetzt in der Laterne auf dem Balkon. Immer wenn wir nach Hause kommen, schauen wir erst nach, ob sie noch brennt und ob wir sie auf eine neue Kerze verpflanzen müssen. Immer wenn wir unterwegs sind, haben wir Angst, dass ein Nachbar die Feuerwehr ruft. Aber wir hoffen darauf, an Heiligabend mit der Flamme aus Bethlehem die Kerzen an unseren Weihnachtsbaum zu entzünden. Dann werden wir selig davor sitzen und wissen: Der Friede ist ein schwer zu hütendes Licht.
... und dies ist kein Einzelfall!
Die Delegation unseres Stammes machte dieselbe Erfahrung. Auch unserer Lichtträgerin wurde der Einstieg in die Bahn verwehrt. Seit Jahren bringen wir das Licht in unsere Gemeinde, und jedes Jahr mit der Bahn. Nur dieses Jahr stellten sich die Ordner quer. Eine seltsame, schwer nachzuvollziehende Wandlung der KVB, zumal die Kluft der Pfadfinder deutlich die Seriosität und Ernsthaftigkeit dieser friedlichen Aktion unterstreicht.
Letztendlich fand sich ein freundlich-friedenliebender Taxifahrer, der uns das Licht wohlbehalten bis an die Kirche transportierte. Ob wohl die Beförderung eines offenen Lichts im Taxi erlaubt ist? Manchmal braucht ein Zeichen des Friedens Menschen, die helfen, Hürden zu überwinden und das Notwendige tun.
Anonym am 15.12.11 21:53
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Zum SeitenanfangKaum wird es endlich kälter, geht wieder das Mützendrama los. Jeden Morgen gibt es Krach mit meinem Jüngsten um die richtige Kopfbedeckung. Offensichtlich gehen auf Grundschulhöfen nur solche Kappen als cool durch, die eher für den Sommerurlaub taugen. "Da ist die Mittelohrentzündung programmiert", schimpfe ich. Meine Frau fischt aus einer Schublade ein weiteres wollenes Angebot. Am Ende setzt er es auf, schließlich drängt die Zeit. Aber ich wette, schon auf dem Weg zum Schulbus wandert das Teil in den Ranzen.
Einerseits nervt dieses Theater, andererseits kann ich meinen Sohn irgendwie auch verstehen. Schließlich erinnere ich mich noch an den Widerwillen, mit dem ich als Kind die berüchtigte Schalmütze trug, die meine Eltern "sooo praktisch" fanden. Ich sah darin aus wie ein Frosch mit Sturmhaube und außerdem kratzte das Ding am Hals. Polizisten müssen wohl ähnliche Kindheitstraumata mit sich herumschleppen. Anders ist der Mützenstreit in NRW kaum zu erklären. Da sollten die Polizisten sooo praktische Fellmützen in russischem Stil bekommen, aber ihre Gewerkschaft protestierte und brachte sogar eine illegale Polizeiwollmütze in den Umlauf.
Die Russenmütze mache die Beamten lächerlich, hieß es. Außerdem wollen deutsche Ordnungshüter den Bürger ungern an die sowjetische Obrigkeit erinnern oder gar an Oberst Gaddafis letzte Auftritte. Dass die
Uschanka inzwischen durchaus als modisch gilt, zählt bei solchen politischen Argumenten wohl nicht. Falls bei Kopfbedeckungen überhaupt Argumente zählen. Ich jedenfalls habe Mitleid mit den Innenministerialreferenten, welche die Verhandlungen im Mützenstreit mit der Gewerkschaft führen mussten. Ihre Rolle wird etwa so undankbar gewesen sein wie die von Mama und Papa morgens vor Schulbeginn.
Aber Chapeau! Das Schlichtungsverfahren hat nun zu einem
offiziellen Mützenfrieden geführt. Das Ergebnis: In diesem Winter müssen die Polizisten aufsetzen, was da ist. Für die Zukunft soll aber ein Alternativmodell entwickelt werden, und zwar eine Fleece-Mütze. Das wundert mich nun wieder. Ist der Gewerkschaft der Polizei unbekannt, dass Fleece überwiegend aus alten Plastikflaschen hergestellt wird? Und dass dieses Wunder der Recyclingindustrie überwiegend in China vollbracht wird? Ich befürchte, die Beamten könnten zukünftig bei Demonstrationen beschimpft werden, weil sie Flaschenmüll auf dem Kopf tragen. Und die Chinaplaste eignet sich auch nicht unbedingt als lupenrein demokratisches Symbol. Aber öffentlich werde ich solche Zweifel keinesfalls äußern. Schließlich weiß ich als Vater, wie zerbrechlich so ein Mützenfrieden ist.
Im Gegenteil: Vom Russenmützenstreit lernen heißt siegen lernen! Ich werde künftig das Schlichtungsergebnis auf die Auseinandersetzung mit meinem Jüngsten übertragen. Heißt: Fürs erste wird die Wollmütze getragen. Und im kommenden Winterschlussverkauf können wir dann gemeinsam eine neue aussuchen. Und wenn alles nichts nützt, zeige ich ihm demnächst, wenn’s mal richtig frostig ist, einen Polizisten. Noch sind das nämlich Vorbilder, wie die Feuerwehrleute. Und dann sage ich: "Schau mal, was der Polizist trägt: mit Ohrenklappen und Bändchen. Cool, oder?"
Sollen sich doch ihre Mütze selber kaufen,die bekommen alles vom Staat,und nichts ist gut genug.
In den Schuhen können sie nicht laufen,die Bekleidung ist im Sommer zu warm,im Winter zu kalt,und sogar aus den Pistolen lösen sich von alleine Schüsse...
Na dann man weiter so...
KHS am 10.12.11 11:35
Ich glaube Doktor Gregor sollte sich mal aus den Redaktionsräumen nach draußen bewegen und mit den Polizisten für einen Tag tauschen. Vielleicht ändert sich dann seine überhebliche Sichtweise.
Tom Gerhards am 10.12.11 21:22
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Plötzlich stand er vor mir, dieser schreckliche Kerl. Nun ja, eigentlich sah er nicht schrecklich aus, eher ein wenig wie Sean Connery. Aber er hatte eine Knarre in der Hand und hielt sie direkt vor mein Gesicht. "Mein Name ist Bond", sagte er: "Eurobond." "U - und?", stotterte ich. "Geben sie mir Ihre Enkel heraus." Mir wurde schwindlig. "Ich habe noch gar keine Enkel." "Das ist egal. Ich verpfände sie jetzt schon." Ich blickte direkt in den Lauf seines Revolvers und plötzlich entfuhr mir ein Hilfeschrei: "
Angela, Angela."
Ich erwachte von der Stimme meiner Frau neben mir. "Wer ist Angela?" Ich rieb mir die Augen. "Du redest im Schlaf von einer Angela", sagte meine Frau etwas streng: "Wer ist das?" Ich setzte mich auf und versuchte, die Reste des Schreckens von mir abzuschütteln. "Das wird wohl Angela Merkel sein", sagte ich. "Wie, Du willst mir erzählen, Du träumst von der Kanzlerin?" "Eher selten", entgegnete ich: "Aber da war dieser schreckliche Eurobond. Der will uns unsere Enkel rauben. Und die Merkel ist doch die einzige, die ihn noch verhindern kann." Meine Frau sah mich mit stark gerunzelter Stirn an: "Wir haben gar keine Enkel." Ich gähnte. "Ja, das hab ich ihm auch gesagt. Aber das war ihm egal. Er verpfändet sie schon jetzt."
Später saßen wir am Küchentisch bei einem guten Frühstück. Die erste Kerze auf dem Adventskranz brannte. Wir besprachen natürlich Weihnachtspläne. Also Geschenke. Der Jüngste braucht einen Schlafsack für seine Pfadfindertouren. Die Älteste will nur Geld, für eine Tour nach Berlin. "Nur Geld, nur Geld", murmelte ich und schaute sinnierend in meinen Tee. Und dann gibt's ja auch noch die ganze Verwandtschaft, und alle spekulieren sie - auf Geschenke. "Wir könnten einfach Geld drucken und die Familie damit
fluten, bis alle Ruhe geben", schlug ich vor: "So macht man das doch mit den aggressiven Märkten." Meine Frau war jetzt auch sehr nachdenklich geworden. "Wer sind eigentlich diese Märkte?", fragte sie. "Ich weiß es auch nicht", entgegnete ich: "Aber ich glaube, sie sehen aus wie Gerd Fröbe in Goldfinger. Und nicht einmal Bond kann sie aufhalten, weil sie so viele sind. Also braucht es viele Bonds, Eurobonds."
Wir spielten dann noch mehrere Möglichkeiten durch, wie wir es hinkriegen könnten, nach Weihnachten doch noch einen kleinen Winterurlaub anzuhängen. Wir dachten etwa daran, unsere Urlaubskasse zu hebeln, indem wir alle Mietparteien in unserem Haus an der Finanzierung beteiligen. Außerdem erwogen wir, aus der Eurozone auszutreten und eine eigene stabile Währung herauszugeben. Wir waren sogar bereit, unser Tafelsilber zu verscherbeln - leider haben wir kaum welches. Deshalb haben wir uns schließlich für den Gegenkurs entschieden: In diesem Jahr gibt es griechische Weihnacht. Das heißt: nur Sparpakete.
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Neulich wollte uns ein Freund aus Norddeutschland besuchen und fragte am Telefon, wie er zu uns finden würde. "Mit dem Auto?", rief ich entsetzt aus: "Du solltest keinesfalls mit dem Auto kommen. Wo willst du parken? Die Parkhäuser in Köln kannst du vergessen, die wurden
kürzlich getestet, mit schlimmen Ergebnissen." Ich riet zur Bahnanreise: "Zwar ist auf die Bahn nicht immer Verlass, aber du kannst dann vom Hauptbahnhof aus ein Taxi nehmen. Die
Kölner Taxifahrer sind mit die besten in Europa, nur zwei Plätze hinter Spitzenreiter Barcelona!"
Mein Freund war etwas irritiert von meiner bestimmten Art. Aber ich bin immer froh, wenn ich einen Ratschlag nicht aus dem Bauch heraus geben muss. Ich finde es prima, dass Experten für uns testen, bewerten und Rankings erstellen. Natürlich muss man auf dem Laufenden bleiben, und das ist nicht immer leicht. Auf unserem Wohnzimmertisch liegt ein Stapel von Zeitschriftenausschnitten mit Produktbewertungen, der noch durchgearbeitet werden will. Und als meine Tochter warnend auf das zur Neige gehende Toilettenpapier hinwies, musste ich gestehen, dass ich den Kauf aus Faulheit verschoben hatte. Der Supermarkt nebenan führt nämlich nicht den Testsieger, wofür ich ihm innerlich einen Minuspunkt gegeben habe. Er liegt für mich inzwischen nur noch bei Trippel-B.
Mündiges Verbraucherverhalten führt allerdings mitunter zu Streit. Mit meiner Freundin Elke hatte ich gestern eine heiße Diskussion, als ich sie in unserem Trippel-B-Supermarkt traf. In meinem Wagen lagen zwei günstige, ultraleichte Schlafsäcke - antizyklisch gekauft fürs Wandern im kommenden Sommer. Aber Elke konnte kaum glauben, dass ich dieses Kunstgewebebilligzeug kaufen wollte. In ihrer Ökozeitschrift war davor geradezu gewarnt worden. Ich hatte nur Gutes über die Dinger gelesen, musste aber kleinlaut zugeben: "in der Fernsehzeitung". Ich habe die Säcke dann wieder zurückgelegt und den Supermarkt auf BB gestuft.
Jetzt freue ich mich auf das Wochenende mit Besuch und plane schon mal, was wir unternehmen können. Für die Abende habe ich eine kleine Kinotour vor. Schließlich haben in diesem Jahr schon 62 Kinos im Land einen
Programmpreis erhalten. Außerdem werden wir lecker kochen. Ins Restaurant will ich Gäste lieber nicht führen. Schließlich hat Michelin ausgerechnet hier in der Umgebung kürzlich mehrere
Sterne gestrichen. Überhaupt möchte ich erst wieder essen gehen, wenn es endlich die
Gaststättenhygieneampel gibt.
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Zum SeitenanfangAm Ende der Herbstferien wollte ich gern noch einen Familienausflug organisieren zu einigen Schätzen der Heimat. Mir schwebte eine Tour zu potenziellem
Weltkulturerbe aus NRW vor: zu den Paderquellen, nach Schloss Benrath oder auch zum Astropeiler bei Bad Münstereifel. Das Wetter spielte auch mit - aber meine Kinder nicht. All diese historischen Ziele fanden sie langweilig. Ich gestehe, meine bildungsbürgerliche Seele war schockiert.
Offensichtlich muss man Geschichte immer wieder neu erfinden, damit sie interessant bleibt. Zum Beispiel das Mittelalter. Bis vor einiger Zeit wurde es ohne das Beiwort "finster" überhaupt nicht genannt, und verkäuflich war es nur in schaurigen Geschichten mit Krüppeln, Hexen und Inquisitoren à la Name der Rose. Jetzt aber präsentiert eine Ausstellung in Köln
"Glanz und Größe des Mittelalters". Und alle reiben sich verwundert die Augen, dass es damals auch andere Berufe als Scharfrichter und Bettler gab.
Ich glaube, unser Bundespräsident würde es so formulieren: Nur wer seine Vergangenheit stets neu erfindet, hat Zukunft. Nehmen wir zum Beispiel die Griechen, schließlich bieten sie sich beim Thema Geschichte immer an. Die haben einst die Ökonomie erfunden (was wörtlich Hausordnung heißt) und auch das Chaos. Das heißt wörtlich "gähnende Leere" und bezeichnete ursprünglich unheimliche Abgründe und heute den Zustand der Staatskasse.
Weil nun die Ökonomie ein wenig ins Chaos geraten ist, erfinden die Griechen gerade eine weitere ihrer Welterrungenschaften neu: die Demokratie. Sie greifen dabei auf den schönen alten Athener Brauch des Scherbengerichts zurück. Wenn mal was nicht richtig lief, stimmte die Volksversammlung darüber ab, wer schuld sei. Jeder schrieb einen Namen auf eine Tonscherbe. Wer die Wahl gewann, musste die Stadt verlassen. Das griechische Parlament stellt dies derzeit sachkundig nach. Beobachter befürchten allerdings, dass auf den Scherben so viele Namen stehen werden, dass am Ende keine Politiker mehr übrig bleiben und vom griechischen Staat nur noch ein großer Scherbenhaufen.
Aber was Scherben angeht, soll man ja vor der eigenen Haustüre kehren. Deshalb von Athen nach Düsseldorf: Auch hier erfindet man gerade seine Geschichte neu, nämlich die Hexenverfolgungen. Deren (hoffentlich!) letzte fand in der heutigen Landeshauptstadt 1738 statt - von wegen finsteres Mittelalter. Nun soll der Rat der Stadt zwei damals
verbrannte Gerresheimerinnen rehabilitieren. Eine schöne symbolische Formsache, sollte man meinen. Aber dann hat ein Theologe Einspruch erhoben. Der Prozess sei zu lange her, um noch ein klares Urteil zu fällen, sagt Bernhard Meisen. Außerdem würde so eine Rehabilitierung einer "irrigen Theologie" Vorschub leisten. Da ich ein Theologenkollege von Herrn Meisen bin, hat mich dieser Einwand sehr ins Grübeln gebracht. Den beiden Frauen wurden unter anderem Flüge durch die Luft und Sex mit dem Teufel vorgeworfen. Dass man im Nachhinein nicht mehr feststellen kann, ob die beiden wirklich fliegen konnten, leuchtet mir ein. Aber ob eine Rehabilitierung als künftige Erlaubnis zum Teufelssex missverstanden werden könnte?
Was unseren Familienausflug angeht, haben wir schließlich etwas historisch völlig unverfängliches gemacht: Wir fuhren zur Allerheiligenkirmes nach Soest und waren abends noch lecker essen - bei unserem Lieblings-Griechen.
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Zum SeitenanfangZu Schirmen habe ich ein gebrochenes Verhältnis: Zum einen lasse ich sie ständig stehen, meist in Zügen oder Restaurants oder an Orten, an die ich mich später nicht mehr erinnere. Deshalb halte ich es für sinnlos, mir immer wieder neue zuzulegen. Zum anderen finde ich sie auch denkbar unpraktisch: Man hat die Hände nicht frei, man stößt überall an und beim ersten starken Windstoß knickt der Schirm um. Da erscheint mir nass zu werden mitunter als das kleinere Übel.
Wahrscheinlich liegt meine Schirmabneigung, wie alles, in der Kindheit begründet. Ich gehöre eben zu der Generation, die im zarten Kindergartenalter den
Struwwelpeter geschenkt bekam. Und dort gibt es neben Horrorgeschichten über magersüchtige, hyperaktive und aufmerksamkeitsdefizitgestörte Kinder die über den kleinen Robert, der bei Sauwetter entgegen aller Warnungen mit einem Schirm das Haus verließ und dann nie mehr gesehen wurde. Das hat mich mehr geängstigt als der abgeschnittene Daumen und der verhungerte Suppenverweigerer.
In diesen Tagen frage ich mich manchmal, ob auch Angela Merkel den Struwwelpeter gelesen hat. Und ob ihr in endlos langen
Eurogruppenverhandlungen manchmal Robert vor dem inneren Auge erscheint: "im Felde patschet er mit dem Regenschirm umher." Schließlich "pfeift der Sturm und keucht" derzeit auch den Politikern um die Ohren. Wie Robert spannen sie dagegen einen Rettungsschirm auf. Aber so ein Schirm ist für den Sturm an den Finanzmärkten vielleicht gerade eine Herausforderung, noch stärker hinein zu blasen. Plötzlich geht es Angela selbst wie dem kleinen Robert: Seht! Den Schirm erfasst der Wind, und Angela fliegt geschwind, durch die Luft so hoch, so weit. Niemand hört sie, wenn sie schreit.
An dieser Stelle muss ich gestehen, dass meine kindliche Angst vor dieser Szene mit einer gewissen Lust einherging. So wie Robert hoch in die Luft gehoben zu werden und bis in die Wolken zu schweben - das war eine prickelnde Vorstellung. Ob eine ähnliche Mischung aus Angst und prickelndem Fluggefühl dabei ist, wenn man mit Milliarden Euros jongliert? Angela bürgt und hebelt, erlässt Schulden und kapitalisiert Banken und geht mit Instrumentarien um, die sie wahrscheinlich selbst nicht ganz versteht. Ist das nicht der gleiche Risikorausch, der Robert hinaus gelockt hat in dieses Wetter, bei dem man keinen Hund vor die Tür schickt?
"Warum mache ich das alles?", fragt sich eine müde Angela, während Sarkozy und Berlusconi schon wieder herumstreiten. Sie macht es für dieses Macher- und Machtgefühl, das wie Fliegen ist. Es stürmt in Europa, aber sie spannt den Rettungsschirm, den größten, den es je gab. Jede Woche wird er noch größer, "stößt zuletzt am Himmel an." Denn nach Griechenland wird Italien dran sein, und dann Spanien, Portugal und dann wieder die Banken... Schirm und Angela fliegen dort durch die Wolken immerfort. Wo der Wind sie hingetragen? Ja, das weiß kein Mensch zu sagen.
Ich weiß nur, dass mir ein Anorak mit Kapuze lieber ist.
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Zum SeitenanfangWenn ich ein Trojaner wäre, würde ich mich in diesen Tagen mächtig ärgern. Da sind die Griechen einst mit einer ganzen Flotte vor unserer Stadt erschienen, haben uns belagert. Dieser brutale Achill hat unseren Hektor getötet und durch den Schmutz vor der Stadtmauer geschleift. Aber all das hätte ihnen nichts genützt, wäre nicht dieser durchtriebene Odysseus auf die Idee mit dem hölzernen Pferd gekommen. Kassandra hat uns noch gewarnt, aber wir konnten uns so viel Falschheit nicht vorstellen. Einem geschenkten Gaul sieht man eben nicht ins Maul. Und so haben wir mit dem Gaul die Feinde in die Stadt geholt, und die haben sie in Schutt und Asche gelegt, als Geschenk für Heinrich Schliemann.
Und jetzt, Jahrtausende später, nennt man Programme, die sich ungebeten in fremde Computer einschleichen,
Trojaner. Das heißt doch, die Opfer zu Tätern erklären! Aber die Trojaner haben seit Homer keine Lobby mehr. Eigentlich müssten diese Spionageprogramme ja "Griechen" heißen, die steckten schließlich in dem Pferd. Dann würden sich die Leute vielleicht auch wirklich vor den Angriffen fürchten - weil Griechen im Ruf stehen würden, heimlich die Online-Banking-Konten zu plündern und das Geld in den EU-Rettungsschirm umzuleiten. Und "Bundesgrieche" oder "Staatsgrieche" wäre auch sonst ein passender Begriff, schließlich sind die Griechen ja inzwischen quasi europäischer Staatsbesitz.
Aber natürlich würde es einen Aufschrei der Empörung von Thessaloniki bis Kreta geben, wenn handelsübliche Virenschutzprogramme die Meldung ausspuckten: "Sie haben einen Griechen auf der Festplatte. Infizierte Verzeichnisse löschen oder unter Quarantäne stellen?" Die wahrheitswidrige Verunglimpfung von Trojanern stört dagegen nur Historiker und Altphilologen. Außerdem muss sich die Öffentlichkeit inzwischen mit ganz anderen Gefahren der digitalen Welt herumschlagen: Da gibt es die extrem aggressive
Tagesschau-App, deren Herunterladen auf Smartphones angeblich Zeitungen vernichten kann. Ich lege mein Handy deshalb schon immer ein paar Meter weit weg, wenn ich die Zeitung lese. Dann gibt es Gerüchte, die Hacker von Anonymus wollten demnächst Facebook vernichten. Eine Horror-Vorstellung: Du wachst morgen auf und hast keine Freunde mehr! Das Gerücht soll zwar falsch sein, heißt es. Aber als Trojaner weiß ich schon lange nicht mehr, wem ich wirklich trauen kann.
Die Polizei sagt, man sollte sich eben besser schützen. In Nordrhein-Westfalen hat sie jetzt eine Kampagne gestartet:
"Riegel vor! Sicher ist sicher." Als Trojaner kann man darüber nur lachen. Wie hatten damals angeblich unbezwingbare Mauern - eine Firewall ist ein Witz dagegen. Die Polizei rät zu Sicherheitssystemen an Fenstern und Türen. Der Ratschlag kommt mir vor wie eine zuckersüße Rede von Odysseus. Denn während dann die Einbrecher auf dem Balkon unverrichteter Dinge wieder abziehen müssen, sitzt der Verfassungsschutz schon gemütlich drinnen, auf Laufwerk C. Deshalb mein Rat: Troja, sei wachsam!
SgHB
haben Sie sich denn wenigstens noch bei Bedarf Wurmkur leisten koennen?
Bzw. diesen festzustellen?
MfG
xXx
muttatonia evalucia am 16.10.11 17:23
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Zum SeitenanfangMein Mobiltelefon hat eine Spracherkennung. Ich weiß das aber nur, weil ich hin und wieder aus Versehen auf eine Taste an seiner Seite drücke. Dann sagt das Ding mit einer metallischen Frauenstimme: "Sagen sie einen Befehl", worauf ich stets antworte: "Sei still!" Den Befehl befolgt es dann auch. Nun lese ich, dass man den neuen
Apple-Smartphones nicht nur Befehle geben kann wie "Ruf Elke an!", die es dann ausführt, sondern auch Fragen stellen wie "Wo gibt’s den hier eine Pizzeria?", und dann geht das Ding ein bisschen in sich, also ins Netz, und spuckt gleich die Wegbeschreibung und den Preis der Quattro Stagioni aus.
Mir kommt das vor wie die Vollendung des postmodernen Umgangs mit einem Telefon. Jetzt kann man mit ihm nicht nur alles andere als Telefonieren. Jetzt kann man sogar mit ihm sprechen, ohne dass man jemand anrufen muss. Ich warte schon darauf, dass um mich herum in der Straßenbahn nicht mehr dauernd "Bin jetzt in der Bahn" gesagt wird, sondern "Was kommt gleich im Fernsehen?" Denn mal ehrlich: Das Lästige am Telefonieren waren bisher die Gesprächspartner. Die sagen nie ein devotes "Sagen Sie einen Befehl", sondern labern einem das Ohr voll mit lauter Sachen, die man gar nicht hören will oder haben sogar selbst noch Befehle auf Lager. Da ist es viel angenehmer, wenn man einfach mit seinem Telefon telefoniert.
So ein Telefon ist auch viel geduldiger. Sage ich zu meinem statt "Sei still" mal "Halt die Schnauze", nimmt es mir das nicht krumm. Seinem Telefon könnte
Ronald Pofalla ungestraft, wenn er mal wieder Dampf ablassen muss, ein "Lass mich mit so einer Sch… in Ruhe" zubrüllen. Sagt er das dagegen dem Bosbach, weiß es morgen die gesamte Republik. Außerdem wird sich die Spracherkennung natürlich noch weiterentwickeln. Das macht bald Passwörter und Sperrcodes überflüssig. Wenn dann einer Pofallas Handy klaut – ein Spion der Opposition oder Bosbach – und sagt ihm ein paar Worte, schaltet es sich sofort aus. Das Handy kennt sein Herrchen. "Guten Morgen, mein liebes smartes Phone": Das kann nicht Pofalla sein.
Das Smartphone ist eben die Speerspitze jener Entwicklung der Menschheit, von der schon Erich Kästner wusste: "Da sitzen sie nun am Telefon. Und es herrscht noch immer derselbe Ton wie seinerzeit auf den Bäumen." Wenn aber die Spracherkennung noch weiter ist, wird sich unser Handy hin und wieder mitten in unser langes Gequassel einschalten und seinerseits mit uns reden. "Lass den Lärm der Stimmen anderer nicht deine innere Stimme ersticken!", mahnt das Ding plötzlich. Und wer spricht da zu uns?
Steve Jobs.
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Zum SeitenanfangDie reinste Geburtstagswoche war das: Mein lieber Kollege Stephan Josef hat gefeiert, und auch mein Vater. Aber obwohl der mit 80 den höchsten Geburtstag vorweisen konnte, wurden öffentlich andere wahrgenommen.
Edmund Stoibers 70. etwa. Die mediale Aufmerksamkeit für ihn galt allerdings hauptsächlich der günstigen Gelegenheit, die beliebten Stoiber-Versprecher und -Redensarten nochmals auszustrahlen. Den Münchener Flughafenbahnhof also und natürlich den Problembär.
Der lässt mich nun wieder an meinen Vater denken. Denn just in jenen denkwürdigen Tagen, als Bruno die Grenze nach Bayern überschritt, hatten mein Vater und ich den umgekehrten Weg gewählt und wanderten in Tirol. Und dort konnten wir Volkes, sprich Bergbauers Stimme hören, der gar nicht gut auf den Bärenschutz zu sprechen war, weil er um seine Almschafe und -kälber fürchtete. Edmund Stoibers Einteilung, nach der es nur zwei Arten von Bären gäbe, nämlich Schadbären und Problembären, sprach ihnen aus dem Herzen.
Man sieht daran, dass naturnah lebende Menschen zu Tieren meist ein weniger sentimentales Verhältnis haben als die Städter. Die haben nämlich gerade ein Herz für Problemtiere. Das kann man in diesen Tagen beobachten, in denen das Wetter so schön ist, dass es noch zum Sommerloch reicht. Da weinen die Leipziger, und nicht nur sie, über den Tod einer
Beutelratte. Dabei war das schielende Opossum Heidi ein armes Ding, so schwer übergewichtig, dass es am Ende kaum mehr laufen konnte. Aber vielleicht ist es uns gerade wegen solcher Zivilisationskrankheiten nah. Entsetzt verfolgen wir dagegen die Abreise der
Problemnashorndame Emmi nach Schottland, die im Münsteraner Zoo mehrfach ihre eigenen Kinder erdrückte. Ob die Highlands für sie so etwas wie die letzte Besserungsmöglichkeit sein sollen?
Und mittlerweile gibt es sogar
Problemstrauße in NRW. In Aachen lief ein solcher kürzlich frei herum und die Polizei warnte, dass so ein Laufvogel gern mal Fußtritte austeilt. Was Edmund Stoiber wohl zu einem Problem-Strauß gesagt hätte? Darüber haben wir viel gescherzt bei der Geburtstagsfeier meines Vaters. Aber auch ernsthaft darüber nachgedacht, warum uns Problemtiergeschichten so gut unterhalten. Wahrscheinlich, weil sie viel weniger peinlich sind und ihr Treiben weniger Probleme aufwirft als das von Problemmenschen. Und damit sind wir bei einem weiteren Geburtstagskind dieser Woche:
Silvio Berlusconi.
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Zum SeitenanfangMeine Freundin Elke hat den Septemberblues. Bedrückt sitzt sie mir gegenüber am Bistrotisch und nippt nur an ihrer Biolimonade. "Weißt du, was mich so richtig runtergezogen hat?", fragt sie, und gibt dankenswerter auch gleich die Antwort: "Als ich die Vögel beobachtet habe, wie sie sich in Scharen sammeln, diese Schwärme, die uns bald verlassen. Die Zugvögel geben mir regelmäßig den Rest." Beim Versuch, sie etwas aufzuheitern, fallen mir die Störche ein. "Weißt Du, dass immer mehr Störche hierbleiben?" frage ich sie. Die werden nämlich so sehr gefüttert und gehätschelt, dass es Naturschützern schon Sorgen bereitet. "Aber daran sieht man", erkläre ich: "Die Kälte ist gar nicht so schlimm, wenn man nur genug zu essen hat."
Der Zusammenhang von Vögeln und Essen lässt mich an einen griechischen Freund denken. Und um Elke noch mehr aufzuheitern, erzähle ich ihr die wahre Geschichte von Jorgos. Der kam aus einem kleinen, armen Inseldorf zum Studium nach Köln und lernte dort die hübsche deutsche Kommilitonin Katharina kennen. Er lud sie zu sich ins Wohnheim ein und wollte sie mit einem Festessen überraschen. Aber woher nehmen? Da sah er im Park am Decksteiner Weiher die Scharen von Schwänen. Die sind dort so zahlreich wie früher die Enten. Eine Plage geradezu. Jorgos schrieb begeistert an seinen Freund Stamatis: "In Deutschland muss keiner hungern." Stamatis dachte an das Sozialsystem. Jorgos an die Schwäne. Dumm war nur, dass Katharina so genau wissen wollte, woher Jorgos den schmackhaften, wenn auch ein wenig zähen Braten hatte. Und dass diese spießige Ökostudentin Jorgos, statt mit ihm, wie erhofft, ins Bett zu gehen, wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz anzeigte.
Leider heitert diese Geschichte Elke überhaupt nicht auf. Zum einen nimmt sie mir den Ausdruck "spießige Ökostudentin" krumm. Zum anderen denkt sie daran, dass nicht nur die Zugvögel in den Süden entschwinden, sondern auch unsere Euros. Kein
Verfassungsgericht hält sie auf und im Unterschied zu den Vögeln kommen die Euros wahrscheinlich nie wieder.
Damit bringt Elke nun den Griechenfreund in mir auf. Der erklärt ihr, dass erstens nicht die Griechen das EU-Geld bekommen, sondern die Banken, und zweitens die Deutschen jahrelang sehr gern an griechischer Ausgabenpolitik verdient haben, nicht zuletzt an Rüstungsaufträgen. Der kleine Jorgos vom Lande dagegen hat keineswegs eine üppige Rente und leidet meist unter den korrupten Seilschaften in seinem Land, statt von ihnen zu profitieren. Kein Wunder, dass er beim Anblick von Schwänen weder an Wagners Lohengrin noch an Andersons Märchen denkt, sondern ans Essen.
"Gibt’s in Griechenland überhaupt Schwäne?", fragt Elke unvermittelt. Ich muss passen. Literarisch dokumentiert sind nur Eulen - und
Kraniche. Letztere beweisen, dass Zugvögel mitunter sogar wichtig sind, um
ungesühnte Mordfälle aufzuklären. "Wir sollten die Zugvögel ruhig ziehen lassen", suche ich Elke versöhnlich zu stimmen: "Was aus Tieren wird, die ihr Zugverhalten aufgeben, kann man ja an den trotteligen Parkschwänen sehen. Sie verlieben sich in
Tretboote oder Trecker. Und wenn ihnen ein Jorgos an den Hals will, stimmen sie auch noch einen Schwanengesang an." Aber da schüttelt Elke heftig den Kopf. "Wenn das keine Ente ist", ruft sie aus: "dann
brat mir einer einen Storch!"
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Im Deutschunterricht habe ich nicht nur, wie
vergangene Woche berichtet, Goethes Werther lesen müssen, sondern auch Franz Kafkas "Verwandlung". Das war gar nicht gut für mich, denn in der Erzählung wacht ein gewisser Gregor Samsa eines Morgens als Käfer auf - und wird diese Gestalt auch nicht mehr los. Mir brachte das wegen meines Namens wochenlang dumme Sprüche ein. Aber noch schlimmer: Eine gewisse latente Käferangst hat mich seither nie mehr ganz verlassen.
Käfer in der Dichtung sind auch sonst so eine Sache. "Jeder weiß, was so ein Mai- / Käfer für ein Vogel sei", dichtete Wilhelm Busch in "Max und Moritz". Das stimmte damals schon nicht, da der Maikäfer niemals ein Vogel war. Heute stimmt es erst recht nicht. Obwohl Reinhard Mey mit seinem Vers "Es gibt keine Maikäfer mehr" stark übertrieben hat. Derzeit würden Liedermacher eher über den
Juchtenkäfer singen, lassen sich mit ihm doch ganze Bahn-Großprojekte blockieren.
Mir ist der Käferschutz irgendwie unheimlich. Zur Entschuldigung konnte ich mich bisher auf mein Gregor-Samsa-Trauma berufen. Oder auf die Tatsache, dass Käfer mit weltweit 350.000 bekannten Arten die variantenreichste Tiergruppe sind. Die sollen sich also nicht so aufregen. Aber nun kommt noch ein weiterer Grund hinzu: Der Käfer entpuppt sich als eine Art apokalyptischer Reiter. Zwar nicht der Käfer an sich, wohl aber der
schmalflügelige Pelzbienen-Ölkäfer.
Diese Erkenntnis verdanke ich dem
Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Denn der sucht den schmalflügeligen ..., ach, nennen wir ihn der Einfachheit halber bei seinem lateinischen Namen: also der sucht Sitaris muralis in einer großangelegten Aktion unter Mithilfe der Öffentlichkeit. Tatsächlich ist dieser Ölkäfer ein bemerkenswertes Geschöpf: Nur ein Zentimeter groß, produziert er ein Nervengift, das gut dosiert heilende, in Mengen aber tödliche Wirkung entfaltet. Seine Jungen lassen sich von Wildbienen in deren Nester tragen, um dort vom Nektar mitgefüttert zu werden. Bei diesen Reisen beherrschen sie sogar die Kunst, rechtzeitig während der Bienenpaarung von männlichen auf weibliche Reittiere umzusteigen, um mit den Bienenmüttern ins Nest zu gelangen.
Aber nicht deshalb sucht der Landschaftsverband den Ölkäfer. Sondern weil er traditionell in Deutschland nur im südlichen Rheintal heimisch ist, sich aber seit einiger Zeit offenbar im ganzen Land ausbreitet. Sitaris muralis ist also ein Indikator der Klimakatastrophe, ein Krisengewinnler. Wo er auftaucht, da hat der Treibhauseffekt zugeschlagen. Man kann es auch so sagen: Wenn in der Arktis der Eisbär abgesoffen sein wird und statt seiner der Pelzbienen-Ölkäfer seine schmalen Flügel ausbreitet, können wir endgültig für den Weltuntergang packen.
Ich werde mich deshalb an dieser Suchaktion des Landschaftsverbands nicht beteiligen. Mir graut vor Sitaris muralis. Er kommt mir reichlich kafkaesk vor. Seit ich von seinem absonderlichen Lebenswandel gelesen habe, verfolgt mich der Gedanke an ihn bis in den Schlaf. Im Traum finde ich mich dann auf dem flauschigen Rücken einer Biene wieder und frage mich panisch, ob sie schon Sex hat und ich schleunigst umsteigen muss. Im Aufwachen fasse ich mir unwillkürlich an den Rücken. Er fühlt sich noch nicht schmalflügelig und ölig an, nur schweißgebadet.
Audio: Kafka und der Pelzbienen-Sex
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Der Juli geht heute zu Ende - und das ist auch gut so. Er hat uns nicht gerade erwärmt. Von der Nachrichtenlage will ich schweigen - und statt dessen lieber unverfänglich vom Wetter reden. Das gab sich so unjulihaft kühl wie seit Menschengedenken nicht. Manchmal war ich gar versucht, die Heizung anzuwerfen. Aber das kam mir dann doch unpassend vor. Eine kleine Miniheizung wäre schon recht gewesen - aber flugs hat das Oberverwaltungsgericht den Einsatz von sogenannten
"Heatballs" verboten. Es hält die Hitzebälle für von der EU abgeschaffte Glühbirnen - und das, obwohl die Dinger zu 95 Prozent Wärme produzieren und nur nebenbei ein wenig Licht.
"Mach dir warme Gedanken", empfiehlt der Volksmund, wenn es sonst keine Heizmöglichkeit gibt. Aber mit der Romantik ist das auch so eine Sache: Im modernen Leben kommt sie eher selten vor. Zeitkritiker meinen, es läge daran, dass wir uns heute unsere Wünsche viel zu direkt erfüllen können, auch in der Liebe. Romantik lebt aber von Suche und Sehnsucht, nicht davon, "schnell zur Sache" zu kommen.
In der Schule habe ich, wie die meisten Gymnasiasten, "Die Leiden des jungen Werthers" gelesen. Da gibt es eine Szene, wo der unglücklich Verliebte mit seiner Angebeteten am Rande einer Party, in einem Erker stehend, ein Gewitter beobachtet. Dann haucht sie nur ein Wort:
"Klopstock". Große Gefühle für Goethes Leser. Großes Gelächter im Deutschkurs. Natürlich, weil der Name rein klanglich nicht gerade romantisch wirkt. Aber davon abgesehen konnten wir uns nicht vorstellen, beim Anbaggern auf die Nennung unseres Lieblingslyrikers zurückzugreifen.
Auch andere Formen der Annäherung, die früher zur Kunst der Liebe gehörten, taugen heute nur noch für die Komödie: etwa das in Süddeutschland beliebte Fensterln. Es ging um innige Heimlichkeit, aber davon blieben nur billige Slapstick-Szenen in schlechten Heimatfilmen. Dabei wusste der bayerische Leiteraufsteller ebenso wie der leidende Werther noch von der Romantik der mittelalterlichen Minne: der Liebe zur eigentlich verbotenen, zur unerreichbaren Frau. Wo gibt es so etwas heute noch?
Vielleicht in der Eifel. Das wäre durchaus verständlich, denn dort sind die Sommer in der Regel kühl und feucht und der Bedarf an warmen Gedanken also um so höher. Mich erwärmte jedenfalls, was ich vor einigen Tagen über ein Liebespaar aus Simmerath las. (Das mag auch daran liegen, dass dieser Ortsname aus ganz persönlichen, hier verschwiegenen Gründen für mich einen so romantischen Klang hat wie Klopstock für Goethe.) Das Paar war auf einer Hochzeitsfeier eingeladen, zog sich aber bald - also ganz ähnlich wie Werther und Lotte - zurück. Die Szene spielt auf Burg Nideggen. Ritterliche Minne liegt in der Luft. Und so erklettern die beiden einen sieben Meter hohen (!) Fenstersims, um sich dort, weit entrückt vom Treiben der Welt, zu liebkosen. Leider endet die Szene dann doch wie im Heimatfilm: Er verliert beim Küssen das Gleichgewicht und stürzt ab. Doch tat er das nur, um die Wirkung wirklich romantischer Liebe zu demonstrieren: Denn wie sonst würde man sich bei einem solchen Unglück nur leicht am Bein verletzen?
Audio: In der Eifel liebt man noch
Das ist nicht neu, dat han mir schon als Penz jesehen in eifeler Platt on net verstanden. Am schlimmsten war es in den kleinsten Dörfern. Schlimm dashalb weil die "geliebt" wurden welche verheiratet waren ohne das es der Ehemann wuste und nicht nur an Weiberkarnevall. Dafür war es im ganzen Dorf bekannt. Die schönen Eifeldörfer. Es gibt so viele,und so viele Geliebte.
MG am 1.08.11 21:57
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Zum SeitenanfangMeine Griechin ist weg. Das ist wirklich ein Verlust. Einmal in der Woche treffe ich mich mit einigen Freunden in ihrem kleinen, gemütlichen Lokal zu Retsina beim
Stifado und Zippouro zum Abschluss. Den gibt’s oft umsonst, schließlich sind wir Stammkunden. Aber jetzt sind wir heimatlose Stammkunden, denn unsere Griechin ist in Griechenland, fast zwei Monate lang: Betriebsferien.
Vergeblich habe ich sie noch aufzuhalten versucht. Ist es in der Heimat jetzt nicht viel zu unruhig oder depressiv? Natürlich war das vergeblich, denn im Gegensatz zu manchen meiner deutschen Bekannten weiß sie, dass Hellas weder kurz vor dem Bürgerkrieg noch vor der Wiedereinführung des Tauschhandels steht. Es geht dem Land einfach nur fast so schlecht wie den USA. Das hält niemanden davon ab, seine Verwandten zu besuchen und sich ganz nebenbei ein wenig aufzuwärmen.
Letzteres wollen allerdings auch die Deutschen, weshalb das erste Ferienwochenende Massen auf Flughäfen, Bahnhöfe und Autobahnen treibt, als sei in Nordrhein-Westfalen für kommende Woche ein Meteoriteneinschlag zu erwarten oder die Erfüllung irgendeiner Maya-Weissagung. Selbst die Politiker haben es so eilig, in den Urlaub zu kommen, dass sie das bisher Unmögliche möglich machen und schnell noch einen
Schulfrieden schließen. Uns Zurückbleibenden scheint nur noch die Aufgabe überlassen, die Bürgersteige hochzuklappen. Machen wir aber nicht, schließlich stehen wir auf der Straße, weil unser Stammlokal zu ist.
Was bei Dachs und Bär der Winterschlaf, sind dem modernen Leben die Sommerferien. Da tut es plötzlich, was man ihm am wenigsten zutraut: Es ruht. Allerdings sehe ich kommen, dass die üblichen Verdächtigen das wieder nicht aushalten werden: Einige politische Hinterbänkler werden gewiss wieder ein Sommertheater inszenieren. Journalisten werden uns Saure-Gurken-Sensationen erzählen, in denen meist entflohene gefährliche Tiere eine Hauptrolle spielen. Und ausgerechnet das ZDF wird wahrscheinlich wieder Erotikfilme zeigen.
Ich dagegen wünschte mir, sie alle würden wirklich einmal meine Griechin nachahmen und - einfach dicht machen. Sechs Wochen lang kein Scheinaktionismus mehr zur Währungsrettung - und im Gegenzug auch kein Börsenhandel. Keine Gipfeltreffen, keine Pressekonferenzen, keine Sommerinterviews, keine Talkshows. Sondern Klappe halten und nachdenken. Die ganzen Problemberge mal auf sich wirken lassen. In sich gehen. Vielleicht würde daraus der Mut zu echten Lösungen entstehen, jenseits von Krisengewurstel und kosmetischen Korrekturen.
Das wären einmal Wochen, die den Titel "Große Ferien" verdient hätten. Und ich würde mich an all dem gern intensiv beteiligen: nachdenken, innere Einkehr. Nur möchte ich unsere Griechin dabei um Unterstützung bitten: Bitte, bitte kehren Sie zurück. Die stillen Tage sind so lang. Und wissen die Griechen nicht am besten, wie man die großen Probleme des Landes bedenkt: auf ein paar einfachen Stühlen draußen vor dem Lokal, bei Oliven und Harzwein. Und je später der Abend, desto näher kommt man der Weisheit des alten Sokrates, der wusste, dass er nichts weiß.
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"Das ist doch nicht zu fassen", rief mein Sohn empört aus: "Einmal reist der Westerwelle nach Ägypten und stellt sich heldenhaft auf den Tahrir-Platz, und dann beschließt er im Bundessicherheitsrat eine
Panzerlieferung an Saudi-Arabien. Öffentlich für die Revolution, hinter den Kulissen für die Regime." Eigentlich hätte ich jetzt irgendwas gegen die drohende Politikverdrossenheit der Jugend unternehmen müssen. Aber mir war grade nicht nach aktuellen Diskussionen. Ich hatte mich doch tatsächlich noch mal in ein Buch aus Studienzeiten vertieft. Philosophie, Hegel, geschichtliche Dialektik, dass ist schon faszinierend. Deshalb grummelte ich nur etwas von der Art "jetzt nicht" vor mich hin.
Später erklärte ich meinem Sohn dann, dass man mit Hegel auch die Berliner Koalition verstehen kann. "Alles Wirkliche ist auch vernünftig", lautet sein Motto: Dialektik, Fortschritt aus dem Widerspruch, These, Antithese und Synthese machen es möglich. Also: Solidarität mit Libyen, aber ohne Waffen, und Panzer für die Saudis - Milliarden raushauen für Griechenland und dann die Europleite mit Steuersenkungen bekämpfen - Steuersenkungen beschließen, aber im Haushalt nicht einplanen. "Der innere Widerspruch ist kein Fehler, er ist die Methode", sagte ich. Unsere Kanzlerin hat Hegels Formel zeitgemäß übersetzt: "Unsere Politik ist alternativlos."
Meinen Sohn brachte diese Erklärung erst Recht auf die Palme. Allerdings sei das Methode: von Menschenrechten palavern, aber Chinas Regierung wegen des Handels hofieren. Griechenlands Verschwendung kritisieren, obwohl man denen die eigenen Waffen geradezu aufgedrängt hat. Und den Italienern schön die afrikanischen Flüchtlinge überlasse ...
Jetzt hätte sich eigentlich eine heiße Diskussion entwickeln können, aber in dem Moment kam meine Tochter ins Wohnzimmer. Endlich. Denn in den vergangenen Tagen lag sie wegen einer heftigen Magengrippe nur im Bett, mit dem obligatorischen Eimer daneben. "Hey, geht's besser?", fragte ich erfreut. Es ging. Aber mein Sohn kam von seiner politischen Empörung nicht los und kommentierte die Genesung seiner Schwester sarkastisch. "Deine Krankheit hätte ich gern", meinte er: "Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte." "Jetzt ist gut", sagte ich: "Man wünscht sich keine Krankheiten."
Da wusste ich noch nicht, dass ich schon an diesem Abend widerlegt werden sollte. Zur Gesundungsfeier wünschte sich die Tochter nämlich einen Familienausflug ins Kino. Wir schauten uns
"Ein Tick anders" an - eine sensible Komödie über das Tourette-Syndrom, diese Krankheit, die Betroffene unwillkürlich übelste Schimpfworte ausstoßen lässt. Und plötzlich wünschte ich mir doch eine Krankheit. Oder wenigstens, sie im richtigen Moment so authentisch spielen zu können wie
Jasna Fritzi Bauer. Noch schlimmer: Ich wünschte diese Krankheit unseren großen Rednern an den Hals. Die Tickstörung dürfte ihre Texte und Reden viel glaubwürdiger machen. Die aalglatten Sprüche würden endlich ihre eigentliche Wahrheit zeigen. "Alles scheißdrauf Wirkliche ist auch affentittengeil vernünftig." Und: "Unsere verf* Politik ist zum kotzen alternativlos."
Audio: Kotzen ist nicht alternativlos
Na da hat jemand seinem Sohn Flausen in den Kopf gesetzt wohlwissend wie es läuft. Und Wahlverdrossenheit bei jugendlichen, das ich nicht lache in unserer alternden Gesellschaft ist die Jugend in der Minderzahl. Also nur soundsoviel Prozent wenn sie nicht verdr...lassen wir das. Zum Ausgleich dürfen sie eines Tages die Schulden zurück bezahlen von den vielen Rettungsschirmen die Deutschland aufgespannt hat. Vorausgesetzt sie wurden nicht von der Alterspyramide erschlagen die wegen Fehllastigkeit umgekippt ist. Glück auf.
MG am 12.07.11 21:16
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Zum SeitenanfangIch bekenne: Ich bin schon mal schwarzgefahren. Aber natürlich, wie ja fast alle Schwarzfahrer, nicht mit Absicht. Natürlich hatte ich, wie fast alle Schwarzfahrer, eine einleuchtende Erklärung. Damals kaufte ich nämlich Monat für Monat Monatsmärkchen. Und als das Semester zu Ende war, kaufte ich keins, weil es sich nicht lohnte, wegen weniger Unifahrten. Und als ich dann doch einmal fahren musste, vergaß ich, natürlich aus purer Gewohnheit, dass ich kein Ticket hatte. Und prompt kam die Kontrolle.
Ich weiß die Geschichte noch so genau, weil ich sie anschließend mehrfach sehr blumig und sehr engagiert erzählt habe: Zunächst der Kontrolleurin, die aber kein Herz hatte. Dann einem Schalterangestellten im Kundenservicecenter, der noch viel weniger Herz hatte. Anschließend schriftlich in einer Beschwerde. Auf die hin wurde ich in die Rechtsabteilung des Verkehrsunternehmens vorgelassen. Zu diesem Termin nahm ich eine ganze Schachtel mit Monatsmärkchen mit, die ich - wahrscheinlich für die Steuer - alle gesammelt hatte. Damit wies ich mich als Stammkunde aus und untermauerte meine nun zum vierten Mal und entsprechend perfekt geprobte Geschichte. Die Juristin hatte ein Herz. Sie erließ das erhöhte Beförderungsgeld. Und für die verbleibende Bearbeitungsgebühr von damals fünf Mark schenkte sie mir noch einen dicken Verbundfahrplan. Stammkundenpflege eben. Leider haben wir uns danach wieder aus den Augen verloren.
Diese Geschichte ist wahr. Und sie wird bald nicht mehr möglich sein. Denn solche Mitarbeiterinnen mit Herz wollen die Verkehrsbetriebe nun einsparen. Deshalb stellen sie
neue Automaten auf, an denen man gleich sein Strafgeld als Schwarzfahrer entrichten kann. Notorische Schwarzfahrer könnten einen Strafgeldbeleg schon vor der Fahrt lösen - vermutlich eine lukrative Methode. Man hält das ungewöhnliche Billett griffbereit, bis eine der seltenen Kontrollen erscheint. Dann zeigt man es vor. Wahrscheinlich hat sich die Gebühr bis dahin längst amortisiert.
Trotz solch praktischer Möglichkeiten sind diese Automaten, wie überhaupt alle Automaten, ein weiterer Schritt in eine herzlose Welt. In Spanien gibt es schon Parkuhren, in denen man gleich im Voraus die Strafgebühr für Falschparken lösen kann. Das spart wiederum Verwaltungskosten. Aber es spart eben auch die anregenden Diskussionen mit den Politessen ein, bei denen wir uns rhetorisch und emotional weiterentwickeln können und wiederum an das appellieren, was in unserem modernen Leben stets zu verschwinden droht: das Herz.
Demnächst wird es vielleicht in Kneipen Automaten geben, wo man wahlweise im Voraus die Strafe für Alkohol am Steuer entrichten kann oder nach einer Wirtshausschlägerei einen Pauschalsatz für leichte Körperverletzung. Schließlich sind die Gerichte überlastet. Und wahrscheinlich ist dieser Trend sogar gewaltpräventiv. Es kommt dann nämlich viel weniger zu Schlägereien, weil sich alle Aggressionen gegen die allgegenwärtigen Automaten richten. Besonders gegen die Strafgeldautomaten für Automatensachbeschädigung.
lieber eine halbe Stunde an einem Bahnautomaten rumgefummelt haben als 45 Minuten Schlange stehen und dann merken der Bahnmitarbeiter hat genauso wenig Ahnung wie ich und verkauft mir das teuerste ticket.
Es gibt Lebensgebiete dort sind Automaten sinnvoll, z.b. Ticketautomaten um sich den Stress an der Schlange nicht anzutun.
Wiederrum andere Automaten sind vollkommen überflüssig, wie der Automat zum Schwarzfahren. Jeder notorische Schwarzfahrer soll, sofern dieser noch ein scharmgefühl hat persönlich an dem Schalter zahlen, oder per Überweisung, was ja auch möglich ist.
Den Automaten hersteller freuts....
P.s. ich selbst habe was gegen notorische Schwarzfahrer. Gelegenheitsschwarzfahrer weil keine Zeit für Ticket bis der Zug kommt, etc verständlich.
Horst Hrubesch am 4.07.11 9:08
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Zum SeitenanfangDie Tage werden immer länger – aber nicht mehr lange. Dann werden sie wieder kürzer. Das ist schon merkwürdig: Wenn der Sommer beginnt, geht es schon wieder Richtung Herbst. Es wohnt eben nicht nur jedem Anfang ein Zauber, sondern auch ein Ende inne. Das erinnert mich an den pessimistischen Bergwanderer, der stets schlecht gelaunt ist, wenn es bergab geht. Wegen der sicheren Aussicht, dass er dann bald wieder bergauf muss. Und bergauf ist er natürlich auch schlecht gelaunt.
Die Deutschen gleichen ein wenig diesem Wanderer. Wir tun uns schwer, Gutes zu genießen, ohne an das dicke Ende zu denken, das meist sprichwörtlich nachkommt: Frühlingswetter wie am Mittelmeer – klar, das ist die
Klimakatastrophe. Die
Konjunktur brummt – aber die nächste Finanzkrise kommt bestimmt. Das Essen schmeckt – aber wahrscheinlich ist
Ehec drin oder die Nachfolgerseuche, vor der noch niemand warnt.
Meine Freundin Elke, der ich dies während einer Gurken-Tomaten-Orgie bei ihrem Lieblingsvegetarier auseinandersetze, findet in dieser deutschen Miesepeterigkeit viel Gutes. Schließlich sei das eine Form von Vorsicht. "Wer blind für Risiken nur das Hier und Jetzt auskostet, dem wachsen auch leicht die Kosten über den Kopf, wie jetzt den
Griechen", sagt sie. Ich erhebe warnend den Zeigefinger, denn solch eine Rückführung der Schuldenkrise auf eine mediterrane Volksmentalität kommt mir verdächtig sarrazinisch vor. "Der kleine Olivenbauer vom Peleponnes hat bestimmt nicht ständig geprasst."
Aber dann bringt mich die Betrachtung des Sommeranfangs selbst auf interessante Zusammenhänge von Kultur und Klima. Im Süden gibt es wenig Zeitverschiebung zwischen Tagen und Nächten und die melancholische Dämmerung ist kurz. Je weiter nördlich, desto krasser sind die Unterschiede der Jahreszeiten. Man lebt im Rhythmus des zunehmenden und wieder abnehmenden Lichts. Kaum ist der Höhepunkt der Helligkeit erreicht, geht es unaufhaltsam der winterlichen Düsternis entgegen. Vielleicht erzieht das tatsächlich zur Eichhörnchenmentalität. Die Norweger, Extremsportler in Sachen Jahreszeiten, haben von ihren Ölgewinnen inzwischen 360 Milliarden Kronen in Zukunftsfonds angelegt, las ich kürzlich. Der Staat hat so pro Einwohner schon 55.000 Euro angespart! Während man am Golfstrom hortet, geben die Ölemirate am Golf lieber den Bürgern steuerfrei und bauen Paläste mit goldenen Wasserhähnen.
Elke schaut mich aus glasigen Augen an. Ich habe wohl zu lange geschwätzt. "Ich bin müde", sagt sie, "lass uns nach Hause gehen." "Siehst du", erwidere ich: "Das ist auch so eine deutsche Maxime: Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Dahinter steckt die Erwartung, dass nichts Schönes lange anhält." "Vielleicht aber auch die weise Einsicht, dass selbst Schönes, wenn es zu lange anhält, nicht mehr schön ist", meint Elke. Ich habe verstanden und rufe nach der Rechnung. Dabei fällt mir ein, dass man die deutsche Regel vom Schönen und dem Aufhören auch anders formulieren kann: "Höre auf, bevor du dafür einen
Löw brauchst."
Nur als Hinweis: ***Nicht alle*** mögen die immer wärmeren Sommer!
Wochenlange Pollenwolken, durch Laubpuster augewirbelter Dreck und Staub, Zeckenstiche, Sonnenbrand, und immer wieder Fahrstuhlwetter -- reicht das nicht, um sich zu wünschen der mistige Sommer wäre endlich vorbei? Am meisten nerven dann irgendwelche Radionasen, die mir einreden wollen, Regen wäre schlecht, und nur Sonne gut...
Thomas am 20.06.11 12:58
Alte Unke..morgen ist erst Sommer und schon wieder Herbst ? So schön der manchmal ist. Nein, erst haben wir den ewig langen Winter überwunden im Frühjahr warten müssen bis es endlich einmal warm war und nun schon wieder Herbst, ohne mich. Da richte ich mich nach dem Kalender und habe eine Frist von...bis Herbstanfang, na am...ich will es gar nicht aussprechen, schreiben. Da können mich nicht einmal die herbstlichen kulunarischen Genüsse reizen. Denn: So schmeckt der Sommer...
MG am 20.06.11 18:08
Kommentar 2, der Jobi war ja gestern beim Tatort im Ersten mit seinem Chef Theo Zwanziger Filmstar und ich finde, die beiden haben das sehr gut gemacht. Ein zeitgemäßer Tatort wegen der Damenfußballweltmeisterschaft, ich persönlich fand es gut. Und was ist mit Michael ? Na wir haben ja Glosse und lassen ihn aus dem Spiel, das behandeln wir vielleicht gesondert. Der heiße Sommer oder Herbst.Zufrieden ? Die Elke wird sich auch noch beruhigen, es geht bald los, Anpfiff, also ihr Kickerinnen, dann last mal jucken...kicken.
MG am 20.06.11 18:56
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Zum SeitenanfangSein Herz sei in den Highlands, singt der gerade 70 Jahre alt gewordene
Bob Dylan in einem altersweisen Blues. Und eines Tages werde er auch einen Weg dahin finden und nur noch zwischen Blumenteppichen und Gebirgsbächen hausen. Aber bis dahin genüge es, im Geiste dort zu sein.
Wenn ich den Song höre - er dauert 20 Strophen lang - frage ich mich stets, warum Bob nicht einfach dahin zieht. Das Geld hat er, keiner kann ihn hindern. Aber er muss wohl erst noch seine „Never ending Tour“ zu Ende bringen - ein Widerspruch in sich, bei dem man schon den Blues bekommen kann. Mich dagegen rührt der Song an, weil ich das Geld wie die meisten anderen nicht habe und also arbeiten muss, im öden Büro sitzen, täglich Mails schreiben und für Sonntag eine Glosse. Zwischendurch Arbeitsgruppen, Besprechungen und so weiter und in einem fort.
Als ich jung war, habe ich mir manchmal den Beruf eines Pförtners in einer kleinen Firma ohne Publikumsverkehr gewünscht. Dort, stellte ich mir vor, hätte ich endlich genug Zeit zu lesen, vielleicht sogar die Muße, ein Schriftsteller zu werden. Im Grunde war es der Traum, Geld zu verdienen ohne etwas zu tun. Damals wusste ich noch nicht, dass es zu wenig Geld sein würde.
Aber auch heute noch lese ich immer wieder von Jobs, bei denen ich mich frage, warum ich mich nicht früher besser orientiert habe. Gerade wurde zum Beispiel
Deutschlands bester Sommelier gekürt. Er arbeitet in Bergisch Gladbach. Aber sicher nicht nur dort. Ich stelle mir vor, dass er abwechselnd Reisen ins Chianti, nach Bordeaux und Rioja unternimmt und dort eine Woche lang herumprobiert, dann wieder nach Hause fährt und Flaschen entkorkt und beschnuppert und nach dem Schnupperergebnis die Texte für die Weinkarte niederschreibt. Ich dagegen sitze hier im Büro und schreibe ganz andere Texte, nur um es mir leisten zu können, abends zu Hause auch mal einen Chianti, Bordeaux oder Rioja entkorken zu können. Wie heißt es in Dylans Blues: "Some things in life, it gets too late to learn."
Jetzt habe ich allerdings von einer beruflichen Möglichkeit gelesen, für die es vielleicht noch nicht zu spät ist. Der
Nationalpark Eifel macht nämlich gerade einen "Vegetations-Check" und will den alle zehn Jahre wiederholen. Dazu werden auf einer Fläche von 110 Quadratkilometern alle 250 Meter stichprobenweise die Pflänzlein gezählt: Kräuter, Gräser, Moose und Gehölze. Schon nach flüchtigem Kopfrechnen scheint mir das eine Aufgabe für eine never ending Tour durch die Natur zu sein. Warum nicht mein liebstes Urlaubsvergnügen - Wandern - zum Lebensinhalt machen? Jetzt habe ich die Sache verpasst, dafür aber zehn Jahre Zeit, ein paar Bestimmungsbücher auswendig zu lernen für das Bewerbungsgespräch. Und dann werde ich Vegetations-Checker sein. Nur noch zwischen Blumenteppichen und Eifelbächen arbeiten, Moosstrichlisten führen, abends einen Chianti mit dem Ranger trinken in einer abgelegenen Hütte.
So wird es sein, eines Tages. Allerdings werde ich mich hüten, den Plan auszuplaudern. Nicht dass sich noch alle unzufriedenen Pförtner oder Sommeliers auf die zu vergebenden Stellen bewerben. Aber ab jetzt werde ich jeden Feierabend mit Chianti und einem Buch zur heimischen Botanik verbringen. Eines Tages werde ich Vegetations-Checker, bestimmt. Und bis dahin ist mein Herz schon im Hochland.
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Seit vergangener Woche nenne ich
Thomas de Maizière den Panther. Nach jenem unsterblichen Gedicht von Rainer Maria Rilke mit seinen noch unsterblicheren Zeilen: "Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt." Genau so geht es unserem ehemaligen Innenminister, seit er von seinem adeligen Vorgänger die Bundeswehr übernehmen musste. "Wir haben für die Zahl unserer Aufgaben zu viele Stäbe", fasste er jetzt seine ersten Erfahrungen zusammen.
Nun ist es keine wirklich neue Erkenntnis, dass die Armee ein Käfig ist. De Maizière hat das Militär ungefähr so beschrieben, wie ich Ungedienter es mir stets vorgestellt habe: "zu viel Aufsicht über zu wenig Arbeit". Also ungefähr so, wie bei Asterix und Obelix in der römischen Legion. Aber nun kommt der Panther - und er faucht. Ich bin wirklich gespannt, ob ihm die Bundeswehrreform gelingt, oder ob sie das bleibt, was Rilke beschreibt: "ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht."
Panther sind in der deutschen Militärgeschichte bekanntlich keine Seltenheit. Die Nazis bauten einen Panther-Panzer. Und gerade jetzt jährt sich zum 100. Mal der berühmte
Panther-Sprung nach Agadir, als ein deutsches Kanonenboot vor Marokko Eindruck machen sollte. Auch bei der Militärreform hundert Jahre später geht es wieder um die Möglichkeit solcher Sprünge, und die afrikanische Küste ist dabei wieder ein Einsatzort. Ansonsten sind Panthersprünge heute aber meist dem Sport vorbehalten. "La Pantera" Lucas Ramon Barrios etwa hat mit seiner Raubkatzenwendigkeit eine Menge zu
Borussia Dortmunds Meisterschaft beigetragen.
Tore schießende Raubkatzen sind mir ehrlich gesagt auch lieber als totschießende. So wie ich im Urwald lieber als einer schwarzen Raubkatze einem Furcifer pardalis begegnen möchte, einem Pantherchamäleon, das gar nicht schwarz ist, sondern die wundervolle Eigenschaft besitzt, sich zur Weibchenwerbung bunt zu färben. Ansonsten tut dieser Panther nur Fliegen etwas zu Leide. In diesem Sinne weiß ich nicht recht, ob ich Panther de Maizières Feldzug gegen ineffiziente Stäbe Erfolg wünschen soll. Ich finde Ineffizienz beim Militär eine ganz sympathische Eigenschaft. So sympathisch wie die kriminalistische Ineffizienz des rosaroten Panthers. Ich halte es auch nicht für eine schlechte Nachricht, dass junge Leute in Deutschland nicht gerade massenhaft freiwillig zum Militär gehen. Ich denke da wohl nicht sehr patriotisch. Sondern eher wie
Peter
Panter.
Nun, der neue Verteidigungminister Herr Maizière hat, so nehme ich einmal an, Vorfahren oder einen Vater der bei der deutschen Wehrmacht war, dort war ein Offizier mit diesem Namen. Und der Panther, der Jagdpanher ein schon fast als Wunderwaffe gerühmtes Kriegsgerät das nicht den erhofften Erfolg gebracht hat. So weit die Kriegsgeschichte. Phantera, ein italienisches Sportauto von Maserati und was noch ? Der Panther ist nicht so geläufig wie der Tiger im Fußball oder auch sonst. Ich persönlich bin ein Löwe, als Horoskop. Der rosarote Panther ist nur eine Witzfigur. Der schwarze Phanter ein edles, geschmeidiges Tier, vollkommen, wild und unbezähmbar, scheu und möglicherweise auch seltener werdend in der Wildniss.
MG am 22.05.11 19:58
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"Nein, nein, nein, ich werde die Glosse nicht über den
ESC schreiben. Was soll ich mich mit diesem aufgeblasenen Festival schlechter Musik abgeben!", erregte ich mich. "Deine Kulturkritik ist doch nur vorgeschoben!", entgegnete meine Tochter: "In Wirklichkeit willst du die Glosse nur nicht Samstagnacht schreiben müssen. Sondern vorher, und dann kannst du gar nicht wissen, wie Lena abgeschnitten hat."
"Pff", machte ich beleidigt: "Ich könnte ja auch über das Halbfinale schreiben." Aber sie: "Wen interessiert das denn noch?"
"Na, da gab es schon ganz interessante Vorgänge", antwortete ich: "Zum Beispiel, dass die Türkei überraschend rausflog und die Schweiz genauso überraschend weiter kam. Irgendwie scheint diese Konstellation zwischen den beiden Ländern typisch. 2005 war es so bei der Qualifikation zur Fußball-WM, was im Stadion in Istanbul zu Gewalttätigkeiten führte. Seither geht es mir,
frei nach Karl May, so: Immer fällt mir, wenn ich an den Türken denke, der Schweizer ein. Der stimmte 2009 für ein Minarettverbot im eigenen Land - woraufhin die Schweiz bei einer Abstimmung zur Beliebtheit von Nationen ihr schlechtestes Ergebnis in der Türkei verbuchte. Ob die Türkei demnächst wohl ihr Zivilrecht ändern wird? Das hat sie nämlich einst ausgerechnet aus der Schweiz übernommen!"
"Und was geht uns das an?", fragte meine Tochter, weiter auf Krawall gebürstet. "Ach, Du denkst wohl noch: Was kümmert’s mich, wenn hinten weit in der Türkei die Völker aufeinander schlagen?", sagte ich gereizt: "Aber die Veranstaltung heißt nicht umsonst Eurovision! Um Europa geht es. Da wollen die Türken gern rein, während die Schweizer, obwohl mittendrin, gern draußen bleiben. Die EU dagegen hätte die Schweizer samt ihren Franken gern drin. Dann könnte man auch die Griechen leichter verkraften." "Wie kommst Du denn jetzt auf die Griechen?" "Na, da geht es mir wie einst Karl May: Immer fällt mir, wenn ich an den Türken denke, der Grieche ein."
"Sag mal, ist bei Karl May im Original nicht eigentlich vom Türken und Indianer die Rede?", fragte meine Tochter. "Klar", sagte ich: "Und deshalb könnte man ruhig auch mal ein paar Apachen beim ESC auftreten lassen. Gerade jetzt, wo das US-Militär die so beleidigt hat, als es den Schlag gegen Bin Laden Operation Geronimo nannte. Winnetou war schließlich wie Geronimo Apache." Jetzt hatte ich meine Tochter völlig verwirrt: "Aber die Indianer gehören doch nicht zu Europa!", rief sie. "Das tut Israel auch nicht, und singt doch mit", sagte ich: "Jetzt kommst du aber total vom Hölzchen aufs Stöckchen", meinte meine Tochter. "Nein", erwiderte ich: "Heute würde Karl May sicher sagen: Immer fällt mir, wenn ich an den Israeli denke, der Indianer ein." "Vorsicht, Vorsicht Papa!", rief meine Tochter: "Glossen mit Witzen über Juden dürften es in der Redaktion schwer haben."
"Das will ich ja auch gar nicht in der Glosse bringen", sagte ich genervt. "Und was willst du bringen?" Meine Tochter lässt nie locker. "Jedenfalls nichts über den ESC", stöhnte ich. "Das ist keine Antwort." "Ja, was weiß denn ich!" rief ich aus: "Mir geht es eben wie seinerzeit schon Karl May. Immer fällt mir, wenn ich an den ESC denke - überhaupt nichts mehr ein."
Wobei Karl May ja alle Völker liebte und nicht nur (wie beim ESC) den unmittelbaren Nachbarn.....
Vorschlag fürs nächste Mal: Jedes Land darf abstimmen, aber nie mehr für ein Land, welches an seine eigenen Grenzen grenzt ;-)
Old Schlotterhemd am 15.05.11 12:31
..richtig - ich war gestern wirklich genervt - alle osteuropäischen Länder haben tatsächlich nur für ihre Nachbarn gevotet - und wenn ich mir letztendich das Ergebnis ansehe, finde ich das absolut frustierend: denn die Songs, die wirklich richtig gut waren - wie z.B. die Dänen - nein, nicht die Iren..., oder auch- obwohl osteuropäisch - Slovenien - waren nicht ganz ganz vorne. Was bzw. wer dann letztendlich gewonnen hat - eine 08/15-Nummer - finde ich..wozu dann das Ganze noch...da ist doch wohl doch keine Qualität gefragt...
Anonym am 15.05.11 14:41
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Ich bin immer noch ganz gerührt von der Erzählung meiner Tochter über den
Hochzeitstag in ihrer Studentinnen-WG. Extra früh aufgestanden sind sie, weil die Gäste schon um neun Uhr anrückten. Alle trugen T-Shirts mit den aufgedruckten Konterfeis des Brautpaares. Außerdem hatten sie sich kleine goldene Krönchen aufgesetzt. Die Wohnung war mit britischen Fähnchen geschmückt. Auf dem Tisch lagen der Stadtplan von London mit den Hochzeitswegen und der Stammbaum des Königshauses. Später, als der Fernseher lief, haben sie auch gekocht: Es gab Kaiserschmarrn und Königinnenpasteten. Und aufgelockert wurde das ganze durch
lustige Wetten, bei denen kleine Beträge auf Schleierlänge, Kleiderfarben und Kommentatoren-Versprecher gesetzt wurden.
Da soll noch mal jemand sagen, die jungen Leute wüssten nichts mit sich anzufangen! Jetzt ist das große Ereignis leider vorbei - aber das ist kein Grund zur Traurigkeit. Schließlich bleiben nur noch zwei Wochen, um die Lena-T-Shirts zu gestalten, "Taken by a Stranger" einzuproben und die Wohnung mit einem Düsseldorf-Transparent zu schmücken:
"Wielcome zum Aktionstag der Schwulen." So kann auch der Mai ein wahrer Wonne-Monat werden.
Aber dann? Welches die Seele erfüllende Ereignis lohnt ab dem 15. Mai die Vorfreude, fordert die Kreativität heraus, trägt uns hinweg über düstere Nachrichtenlage und grauen Alltag? "Die Frauenfußball-WM", schlägt mein Kollege Stephan Josef vor. Auf die Gefahr hin, als Chauvi missverstanden zu werden, muss ich gestehen: Das reißt mich nicht vom Hocker. Und Stephan Josef wahrscheinlich auch nur, weil da "sein" Mönchengladbacher Fohlen-Stadion endlich auch mal WM-Glanz erhält. Aber selbst wenn das Veranstaltungsmotto "20Elf von seiner schönsten Seite" sich bewahrheiten sollte: Noch vor den großen Ferien ist auch das vorbei und dann gähnt da nur noch ein riesiges, garstiges Sommerloch.
Die Erwartung an das moderne Leben gleicht inzwischen der an einen Ereigniskanal. Nur ist es mit dem Leben leider häufig so wie auf "Phoenix": Es läuft gar nichts. An diesen überhöhten Erwartungen sind - wie sowieso an fast allem - die Eltern schuld. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich meinen kleinen Kindern zu Beginn der unendlichen Sommerferien das geplante Programm schmackhaft zu machen suchte. "Dann fahren wir zur Oma, und dann grillen wir im Hof ..." Die Reihe konnte so lang fortgesetzt werden, wie ich wollte, am Ende echoten die Kleinen stets ein gedehntes: "Und da-han?"
Irgendwie fühle ich mich diesem Druck bis heute ausgesetzt. Deshalb werde ich mich bei den Fernsehkollegen für eine Liveübertragung des 27. August aus Potsdam einsetzen. Am besten parallel auf allen Fernsehkanälen, im Web-Livestream und auf Mittelwelle. Dann heiratet nämlich Prinz Georg Friedrich von Preußen – immerhin Ururenkel Kaiser Wilhelm II. – Prinzessin Sophie von Isenburg. Womit der Sommer gerettet wäre.
Und da-han? Dann ist Kate bestimmt schon
schwanger. Oder Lena.
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Zum SeitenanfangWenn ich die Lebensplanung meiner Kinder erlebe, wird mir schwindelig: Schüleraustauschjahr in den USA, Aupair in England und hoffentlich bald ein Auslandssemester in Indien. Natürlich fördere ich das nach Kräften. Für die Kinder der Globalisierung ist internationale Erfahrung schließlich das A und O. Aber fremd ist es mir doch.
Meine früheste Globalisierungserfahrung war die Gemeindereform. Sie machte aus Neunkirchen, dem Ort meiner Kindheit, Neunkirchen-Seelscheid. Alle in Neunkirchen waren dagegen - wegen Seelscheid. Ich vermute, dass alle in Seelscheid auch dagegen waren - wegen Neunkirchen. Nichts verband die beiden Orte, nicht einmal eine Buslinie. Außerdem waren die Seelscheider evangelisch.
Später habe ich einige Jahre in Meschede, Sauerland gelebt. (Westfalen, immerhin!) Dort hieß die ungeliebte Globalisierung: HSK. Der Hochsauerlandkreis fühlte sich für die Menschen in Warstein, Freienohl oder Eslohe kalt an, unförmig groß, anonym. Autofahrer hielten deshalb gern an ihren alten Rostlauben fest, nur um das gewohnte MES im Kennzeichen behalten zu können. Diese Sehnsucht nach dem Heimatgefühl am Pkw ist bis heute ungestillt - auch in den untergegangenen WAN, WAT und WIT, in BOH und BRI, in LÜD und LÜN. Und diese Sehnsucht ist so stark, dass jetzt sogar die
Landesverkehrsminister ihr nachgegeben haben und die alten Kennzeichen wieder freigeben wollen.
Warum man gegenüber drei Buchstaben im Autokennzeichen fremdeln oder mit ihnen kuscheln kann, ist meiner nach Indien strebenden Tochter völlig unverständlich. "Die spinnen, die Deutschen" sagt sie: "Das Auto aus Korea, aber die Heimatbuchstaben dran!" "Wart´s nur ab", entgegne ich: "Wenn Du tatsächlich mal länger in Indien lebst, werde ich dir vielleicht auch Päckchen mit rheinischem Schwarzbrot oder Spekulatius zu Weihnachten schicken müssen wie meiner italienischen Schwester." "Aber diese Lokalfetischisten sind doch gar nicht fern der Heimat", kontert meine Tochter.
Während sie weiter ihr Auslandssemester plant, denke ich noch lange unserem Gespräch nach. Was Bahnhofsbaustellen, irischen Banken oder Atommeilern nur zeitweise zugemutet wird, erleiden die Menschen permanent: Das moderne Leben ist ein dauerhafter Stresstest. Unsere Mietwohnung wird an US-Heuschrecken verkauft, unser Abwasser ist schon von ihnen
crossboarder geleast und unser Arbeitgeber fusioniert gerade mit seinem taiwanesischen Konkurrenten. Würde es da nicht die westfälische Seele streicheln, wenn das abends mit Schinken genossene
Pumpernickel endlich Weltkulturerbe wäre, geadelt und geschützt vor der Flut von Pseudo-Ciabattas, Donuts und Muffins? Und während er sein seinen? Pumpernickel verzehrt, schaut der Teutoburger Wäldler seine Lokalzeit OWL, die - der WDR hat es früh erkannt - ein erfreulicheres Weltbild vermittelt als die Tagesthemen. Deshalb kommen die neuen
Helden aus Niederhelden, dem einzigen Ort des Landes, der Gold gewonnen hat bei "Unser Dorf hat Zukunft." Dabei ist Niederhelden gar kein Ort, sondern nur noch ein Ortsteil von Attendorn. Kein-Ort heißt altgriechisch Utopia. Die Idylle ist unsere wahre Utopie, so wie ein freies Neunkirchen ohne Seelscheid.
WAN und WAT können wir aber wohl weiterhin vergessen.
Dirk Festerling am 10.04.11 21:20
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Zum SeitenanfangNach der gestohlenen Stunde der vergangenen Nacht fühle ich mich zwar nicht so: Aber tatsächlich werden die Tage länger. In der hellen Jahreszeit schlafen die Menschen nachweislich weniger. Mehr helle Stunden, mit denen man mehr anfangen kann. Fragt sich nur, was?
Der Umgang mit der Zeit ist bekanntlich so eine Sache: Wir alle glauben, wir hätten zu wenig davon. Deshalb ist ein Großteil unserer Technik darauf ausgerichtet, Zeit zu sparen: Telefone etwa und Computer. Die eingesparte Zeit verwenden wir dann dafür, am Telefon zu hängen und vor dem Computer zu sitzen. Man mag darin einen Teufelskreis sehen. Aber vielleicht ist der in Wahrheit eine göttliche Vorsichtsmaßnahme - gegen eine Menschheit, die wirklich mehr Zeit hätte.
Denn das Ergebnis hieße Langeweile - und die erkannte schon Søren Kierkegaard als Wurzel aller Übel. Weil Gott sich langweilte, schuf er den Menschen. Weil Adam sich langweilte, musste Eva hinzukommen, aber weil sie sich gemeinsam immer noch langweilten, mussten sie mitten im Paradies die Sache mit dem Apfel testen. Die Folgen sind bekannt.
Gott verfluchte daraufhin den Ackerboden und verfügte, der Mensch solle im Schweiße seines Angesichts schuften. Damit keine Langeweile aufkäme. Aber der Mensch erwies sich als clever, erfand Kunstdünger, Traktor und Mähdrescher. Jetzt können sich sogar Ackerbauern langweilen und im Fernsehen Frauen suchen. Der Fortschritt der Menschheit ist eine riesige Angesichtsschweißvermeidungs-Strategie und deren wohl großartigste Erfindung ist das Auto. Es spart Unmengen von Mühe und Zeit. Die verbringen wir dann - im Stau.
135.000 Kilometer Stau registrierte der ADAC im vergangenen Jahr allein in NRW. Die rheinisch-westfälische Autoschlange reicht also mehr als drei Mal um den Äquator herum. Und angefüllt ist sie mit lauter Leuten, die sich langweilen. Mehrmals rund um den Globus sitzen sie da, trommeln Rhythmen ins Lenkrad, erneuern ihren Lidschatten, bohren in der Nase. Dass es auch kreativeren Zeitvertreib am Steuer gibt, bewies kürzlich ein
Fernfahrer auf der A1: Er betrieb am Steuer sein Hanteltraining. Die Polizei brummte ihm deshalb ein Bußgeld auf. Das muss wohl so sein. Tiefer betrachtet jedoch ist das Muskeltraining dieses Brummifahrers ein Protest gegen die Folgen des Fortschritts, ein Schrei der gelangweilten Kreatur. Dafür spricht auch, dass der Mann nach Polizeiangaben Schlangenlinien fuhr. Sie erinnern unweigerlich an das Verführertier im Paradies. Dieser gelangweilte Lenker sehnte sich wohl nach dem ursprünglichen Adam - inklusive Schweiß im Angesicht.
Wir würden heute in einem Paradies leben und nicht im Schweiße unseres Angesichtes arbeiten müssen, wenn Adam bei der Sache mit dem Apfel nicht versagt hätte.
Und ein Leben mit Gott kann niemals langweilig sein. Aber um sein langweiliges Leben ohne Gott besser zu ertragen, hat der Mensch sich tausende Dinge ausgedacht, sich von diesen abhängig gemacht und beschäftigt sich lieber mit diesen, weil er glaubt, ein Leben mit Gott wäre zu langweilig. Bis er dann erst an seinem Lebensende merkt, daß ihm die tausende Dinge, die er sich ausgedacht hatte, um damit sein langweiliges Leben erträglicher zu machen, nichts mehr nutzen, und ihm eine gähnende gottlose Langeweile erwartet.
Wolfgang A. am 27.03.11 12:58
Wer im Paradies versagt hat, das bedarf einer näheren Betrachtung. Die Schuld einfach dem guten Adam in die Schuhe (hatten die überhaupt schon Schuhe damals?) zu schieben, finde ich unfair. Hat Eva nicht zuerst vom Apfel gekostet? Und stand bzw. kringelte sich am Anfang des ganzen Schlamassels nicht die Schlange?
Heinz am 27.03.11 16:46
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Zum Seitenanfang "Du bekommst den ultimativen Spießerpokal", sagte meine Tochter, als sie aus ihrer Bonner Studentenbude zu Besuch kam. Sie hatte mich dabei erwischt, wie ich den
Frühjahrsputz im Kalender eintrug. Schließlich will ich bis Ostern mit allen Zimmern und Fenstern durch sein. "Frühlingssonne, die nur Schmier und Staub zum Vorschein bringt, kann ich nicht genießen", sagte ich.
Der März ist eine Zeit der Aufbruchsstimmung. Früher spannte der Bauer bekanntlich sein Rösslein an. Heute stutzt selbst der
Balkongärtner seine Kräuterstauden und die Rosen im Vorgarten. Aufgeräumt soll es in den Frühling gehen, auch innerlich. Dazu gibt die
Fastenzeit Gelegenheit. Ich habe mir vorgenommen, den Frühjahrsputz alkoholfrei über die Bühne zu bringen, nicht nur, was die Reinigungsmittel angeht. Die evangelische Kirche wirbt darüber hinaus für ihre Aktion "Sieben Wochen ohne Ausreden", ein Lügen-Fasten also. "Im Superwahljahr völlig undurchführbar", kommentierte meine Tochter. "Hast du seit Oktober Geografie studiert oder Zynismus?", fragte ich gereizt zurück.
Schließlich sollten wir uns im Frühjahr auch von unseren schlechten Gefühlen, von den Resten unserer Winterdepressionen trennen. Sich trennen ist überhaupt der tiefere Sinn des Putzens. Wenn ich die Schränke ausräume, kommt so manches zum Vorschein, das einfach nur weg muss. Solche Kehrwochen sind derzeit angesagt. Die Araber haben das Großreinemachen schon im Januar ausgerufen und ein Diktator nach dem anderen fällt dem Mopp zum Opfer.
"Das Blöde am Putzen ist nur, dass es so umsonst ist", sagt meine Tochter. "Wieso umsonst?" "Na, weil der Schmutz ständig wieder kommt. Hast du im Wohnzimmer aufgehört, kannst du in der Küche bald schon wieder anfangen." Da muss ich ihr allerdings seufzend zustimmen. Und diese Erfahrung gilt nicht nur für das Staubwischen. Das im Garten gejätete Unkraut sprießt schon nach dem nächsten Regen wieder. Auch korrupte Machthaber sprießen nach einer Präsidentenvertreibung gern wieder neu aus dem Boden.
"Leider nützt es nichts, die Vergeblichkeit des menschlichen Bemühens zu beklagen", gab ich mich betont altväterlich. Der Kampf gegen Schmutz und Schmarotzer muss ausgefochten werden, auch wenn uns dabei nur das Glück von Sisyphos winkt. Das ist allerdings manchmal zum Aus-der Haut-Fahren, gebe ich zu. Und plötzlich steigt ein Erinnerungsbild aus der Kindheit in mir auf. Ich sehe meine Großmutter, wie sie auf ihrem großen Grundstück im Bergischen ein Frühlingsfeuer entzündet. Alle dürren Äste, Unkraut und Laub wurden darin verbrannt. Das war zwar damals schon verboten. Aber für meine Oma gehörte das Frühjahrsfeuer zum Neustart im Garten, und wir Kinder liebten dieses Ritual. Alle Altlasten einfach in Flammen aufgehen zu lassen, das machte ein richtig wonniges Gefühl. Wahrscheinlich hat sich deshalb Freiherr zu Guttenberg zum großen Zapfensstreich auch Deep Purple gewünscht, obgleich er doch bekennender AC/DC-Fan ist.
"Smoke on the water", das Lied über ein abgefackeltes Casino. In so einem Frühjahrsfeuer kann man dann auch manche eigene Altlast einfach in Rauch aufgehen lassen.
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Zum SeitenanfangWenn die erwachsen gewordenen Kinder ihre eigenen Urlaubspläne hegen, ist das - für die Erziehungsberechtigten - ähnlich hart wie der Auszug der Kleinen von zu Hause. Zum Schock wird es, wenn der Sohn in aller Ruhe sagt: "Ich will im Sommer nach Marokko." Mir geschehen, gestern Abend. "Willst du Revolutionär spielen? Mal ins Fernsehen kommen? Abenteuerurlaub, oder was?" In der Region wird zur Zeit
Umsturz-Domino gespielt, aber mein Herr Sohn denkt nur an die reizvolle Mischung von mediterranem Klima und faszinierender Kultur.
Nachdem ich mich genug aufgeregt hatte, sagte mein Sohn: "O.K. Ich will aber ans Mittelmeer. Also mach mal einen Vorschlag!" Wir sind es systematisch angegangen, mit dem Atlas. Die arabische Welt erklärte ich für tabu, einschließlich
Israel, das sich wieder mit Gaza beschießt. Damit war schon eine erhebliche Menge Küste weg. Mein Sohn lief sie mit dem Finger ab und setzte bei Gibraltar über. Spanien? "Da war mein Kollege Stephan Josef zuletzt zwei mal. Und zwei Mal war Generalstreik." Portugal? "Kurz vor dem Staatsbankrott." Monaco und die französische Riviera fand mein Sohn zu mondän und teuer. Italien? Da regiert noch ein alter Intimus von Gaddafi - der gerne an die Zeit anknüpft, als Libyen italienische Kolonie war. Gegen ihn könnte der nächste Aufstand fällig sein, entweder durch die afrikanischen Flüchtlinge oder die italienischen Frauen. Und über Griechenland mussten wir nach den
jüngsten Ausschreitungsszenen aus Athen gar nicht erst diskutieren ...
Trübsinnig blickten wir aus dem Fenster ins trübe Grau. "Was ist bloß mit unserem guten alten Mittelmeer los?", sinnierte ich. Unserem Naherholungsgebiet, der größten Badewanne der Deutschen - unentbehrlich für das seelische Gleichgewicht der Nation. Es müsste dringend eine Tourismusministerkonferenz geben. Es müsste jemand den Potentaten dort klar machen, dass die tarifrechtlich abgesicherten Urlaubsansprüche der deutschen Arbeitnehmer nichts wert sind, wenn wir nicht gefahrlos die Mittelmeerstrände erreichen können. Alle reden immer von der Abhängigkeit vom Öl. Die von der Sonne ist wesentlich existenzieller.
Sollten sich die Südländer uneinsichtig zeigen, könnte eine alte Idee wieder in Erwägung gezogen werden: Der Anschluss Mallorcas als 17. Bundesland. Alternativ könnte man auch die dem Sicherheitsfond für Griechenland in den Rachen geworfenen Steuermilliarden durch die vorläufige Annexion einiger griechischer Inseln absichern. Wir würden sie dann "Inseln der Stabilität" nennen, so wie es unter Kaiser Wilhelm im Pazifik schon mal die Freundschaftsinseln gab. Beide Lösungen zusammen genommen könnten wenigstens eine gewisse Urlaubsgrundversorgung in Krisenzeiten gewährleisten.
Weil das kurzfristig nicht zu erwarten ist, habe ich meinem Sohn schließlich zu Malta geraten. Das kleinste EU-Mitglied hat seinem Namen schon immer alle Ehre gemacht: Der bedeutet "Zufluchtsort" und wurde der Insel von punischen Flüchtlingen gegeben, die vor der römischen Zerstörung Karthagos - im heutigen Tunesien - flohen. Später flohen von den Muslimen vertriebene Kreuzritter hier hin. Das sind gute historische Argumente. Und außerdem finde ich es sehr beruhigend, meinen Sohn inmitten einer Bevölkerung aus lauter Rettungsfahrern und Krankenpflegern zu wissen.
Malta ist auch keine Lösung. Da werden unter Artenschutz gestellte Vögel gejagt!!!
Anonym am 28.02.11 11:45
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"Verdammt noch mal, ich wollte so gern über das Wetter schreiben – und dann das!", fluchte ich. Erstmals ist es morgens hell, wenn ich das Haus verlasse. Die Vögel zwitschern deutlich lauter, hin und wieder blendet die Sonne im Büro. Vorfrühlingsahnungen liegen in der Luft. Wie poetisch hätte diese Glosse werden können. Aber mein Sohn hatte Recht. Da half auch mein Einwand nicht, ich habe doch
schon einmal über zu Guttenbergs Fähigkeiten geschrieben. "Wenn du schon Doktor Gregor heißt und
öffentlich darüber meckerst, dass ich deine Dissertation als Regalstütze verwendet habe, dann kannst du jetzt nicht schweigen!" Da gehöre sich ein Wort akademischer Solidarität.
Also mal grundsätzlich: Johannes zum Gutenberg erfand Mitte des 15. Jahrhunderts den Buchdruck mittels beweglicher Lettern. Die Verwendung von beweglichen Lettern revolutionierte die herkömmlichen Methoden der Buchproduktion und löste in Europa eine Medienrevolution aus. (Diesen Satz habe ich aus Wikipedia kopiert.) Mit dem Buchdruck fand jedoch auch eine alte, wunderschöne Kulturtechnik ihr allmähliches Ende: das Abschreiben. Seit Erfindung der Schrift konnte Literatur nur erhalten bleiben, wenn man sie wieder und wieder abschrieb. Von der Bibel etwa besitzen wir keinen einzigen Originaltext eines ihrer Autoren. Abschreiben war die Grundlage allen Wissens. Gutenberg machte dem ein Ende.
Mitte des 20. Jahrhundert erfand Edmund Callis Berkeley den Heimcomputer. Der verdrängte bald, in Verbindung mit dem Internet, den Buchdruck und löste eine Medienrevolution aus. Drucken wurde ersetzt durch Ausdrucken. Dafür kehrte quasi durch die Hintertür die schöne alte Kunst des Abschreibens wieder zurück. Sie hieß nun "copy and paste". Durch sie ließen sich Texte mühelos von einem Autor zum anderen weitergeben. Bald hatten moderne Texte wieder biblischen Charakter: keine Originale, sondern stets neu redigierte Kopien. Kopieren wurde zur Grundlage allen Wissens.
So wie es zu Gutenbergs Zeiten konservative Klosterschreibstuben gab, die an der guten alten Handschrift festhielten, so gibt es heute in den Universitäten altbackene Wissenschaftler, die einem überholten Originalitätsdenken verhaftet bleiben. Für sie muss jedes Fetzchen kopierten Textes kenntlich gemacht werden, Anführungszeichen unten, Anführungszeichen oben, Fußnote mit Fundstelle. Eine unsinnige Mühe, die
"bei 475 Seiten und über 1.200 Fußnoten" schon mal zu Fehlern führen kann, wie jetzt der des "copy and paste" beschuldigte
Karl-Theodor zu Guttenberg erklärte. Ich weiß, wovon er redet. Möchte ich doch in aller Bescheidenheit anmerken, dass meine Doktorarbeit 540 Seiten mit 2.278 Fußnoten umfasst. Leider erhielt sie dennoch kein "summa cum laude" wie die zu Guttenbergs. Woran mag es gelegen haben? Nun, sie wurde 1993 verfasst. Komplett offline. Ich konnte Zitate also nicht kopieren, nur - abschreiben.
"2.278 Fußnoten, entsetzlich", stöhnte mein Sohn. "Keine zehn Pferde könnten mich zu so einer Arbeit bringen." "Das war auch hart damals", sagte ich. "Den lieben langen Tag bis in den späten Abend klebte ich am Schreibtisch. Da weiß man bald nicht mehr, ob draußen Sommer oder Winter ist." Welch ein Segen sind da die Guttenbergschen beweglichen Lettern: Texte entstehen flugs aus Texten. Und der Autor kann aufleben. Er hört die Vögel lauter zwitschern, die blendende Sonne lockt ihn aus dem Büro. Vorfrühlingsahnungen liegen in der Luft ...
Keiner spricht über die Universität, die eine solche Arbeit in Empfang genommen und bewertet hat. Hier sitzen die Schuldigen, die auch noch "summa cum laude" daruntergeschrieben haben. Frhr. von Gutenberg soll wohl demontiert werden, sonst würde man nicht eine solche Hetzjagd auf ihn machen; denn die wahren Täter sitzen irgendwoanders.
H. Breidenbach am 21.02.11 15:58
Wenn man sich jetzt an der allgemeinen Diskusion beteiligt. Der Doktor. Doktor zu Guttenberg Jurist und so. Also wenn mein Hausarzt der Dr. Med. E. als Abkupferer erweisen sollte, von Sauerbruch nicht, Hauptsache von einem Mediziner der Ahnung hatte, da hätte ich auch etwas davon. Na bei Dr. Jura mit den vergessenen Gänsfüßchen. Da fühlte sich Frau Merkel gleich angesprochen. Hat die Gänsefüße ? möglich. Und in Anbetracht der bayerischen Mauschelei hat hat sich Seehofer auch gleich als Förderer des Doktors gezeigt. Da ist ja alles wieder im Lot. Die Krähenkolonie, keine Krähe hackt der anderen ein Auge aus. Und der Wähler im Superwahljahr ? Vergiss es. Was soll er denn wählen. Na die Krähen.kra, kra, kra...
Manfred G am 21.02.11 19:19
Wie kann es sein, dass der CDU-Kommunalpolitiker KASPER alle Konsequenzen, selbst der Stantanwaltschaft zu spüren bekam, verurteilt wurde, der Verteidigungsminister aber offensichtlich trotz ganz ähnlicher Verfehlung weiter guten Mutes ist, nicht belangt wird?
AUSZUG AUS EINEM TAZ ARTIKEL:
Gestern Kasper,heute Guttenberg
Der junge, aufstrebende Unions-Politiker muss sich verteidigen, seit Wochen schon. Ein Wissenschaftler ist darauf aufmerksam geworden, dass der Mann abgekupfert hat. Die Universität untersucht, es beginnt ein Streit. "Nach bestem Wissen und Gewissen" habe er die Promotion angefertigt, verteidigt sich der Unions-Politiker.
Doch es reicht nicht. Am Ende muss Andreas Kasper gehen. Er verliert seinen Doktortitel, er verliert seinen Job, er verliert seine Existenz. Absätzeweise hatte er aus Texten abgekupfert, ohne die Quellen korrekt zu zitieren.
Kasper spürt das Strafrecht: Im Januar 2010 verhängt die Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl mit 90 Tagessätzen à 100 Euro wegen des Verstoßes gegen das Urheberrecht. Kasper zahlt.
Der Fall trug sich zwischen 2008 und 2010 in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen zu, und er zeigt Parallelen zur Plagiatsaffäre von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU).
Manfred Wenzel am 24.02.11 15:21
Nur um Verwechslungen auszuschließen:
Gutenberg erfand den Buchdruck mit beweglichen Lettern,
zu Guttenberg erfand die beweglichen Absätze ..
Anonym am 27.02.11 12:28
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