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Sie ist jung und in den Augen vieler sehr attraktiv. Sie stand häufig im Mittelpunkt ihrer Gruppe, doch sie hat auch einiges durchmachen müssen in letzter Zeit. Damit ist jetzt Schluss. Die Rede ist hier nicht von Micaela Schäfer aus dem
RTL-Dschungelcamp, sondern von
Marina Weisband. Die telegene Geschäftsführerin der Piratenpartei möchte sich auf ihr Psychologie-Studium konzentrieren und wird deshalb im Mai nicht wieder für den Job in der Führungsspitze der Partei kandidieren. "Sie wollten nur mich", klagte sie über zahlreiche Interview- und Talkshowanfragen der Medien an die Piratenpartei. Nun will sie nicht mehr.
Aufmerksamkeit ist halt nicht immer schön. Das habe ich schon zu Schulzeiten erfahren. Hatte ich mal die Hausaufgaben vergessen, gab ich meinem Gesicht einen möglichst neutralen Ausdruck, um vom Lehrer nicht drangenommen zu werden. Das war nicht immer erfolgreich. Deshalb träumte ich im Unterricht manchmal von einer Tarnkappe. Die hat nicht nur den Vorteil, dass man nicht gesehen wird. Sie ermöglicht auch, unerkannt dabei zu sein, wenn die Lehrer konferieren, wenn nervige Mitschüler über einen tuscheln oder wenn die Mädchen der Klasse kichernd beraten, wer wohl der netteste Junge ist. Dabei sein, ohne bemerkt zu werden - die Tarnkappe ist auch der Traum aller Schlapphüte. Doch bislang ist sie bloß ein Traum geblieben.
Eine
hoffnungsfrohe Nachricht kommt dieser Tage aus Texas. Dort ist es Physikern gelungen, erstmals einen dreidimensionalen Gegenstand unsichtbar zu machen. Geholfen hat ihnen dabei "plasmonisches Metamaterial", künstliche Stoffe, die das Licht so streuen, dass man den Gegenstand nicht mehr sieht. Das gelingt bislang nur mit winzig kleinen Objekten. Aber der Anfang ist gemacht. Macht die Wissenschaft hier Fortschritte, würden viele davon profitieren. Micaela Schäfer etwa – sie experimentiert ja angeblich gerne mit Kunststoffen – könnte in Erfahrung bringen, was die Macher des Dschungelcamps wirklich von ihr halten. Die Karnevalsjecken könnten am Aschermittwoch die Narren- gegen die Tarnkappe tauschen – so wären sie geschützt vor den Nachstellungen ihrer Karnevalflirts. Und Marina Weisband wäre dank Tarnkappe vor den Journalisten sicher.
Während in Texas noch fleißig geforscht wird, wie größere Objekte zum Verschwinden gebracht werden können, scheint die Physik in Berlin schon einen Schritt weiter zu sein. Oder genauer gesagt: die Physikerin im Kanzleramt. Zu Beginn der Eurokrise war sie selbst fast unsichtbar. Noch größeren Ehrgeiz verwendete sie darauf, andere unsichtbar zu machen: Friedrich Merz. Edmund Stoiber. Günther Oettinger. Derzeit sollten sich vor allem FDP-Politiker in Acht nehmen. Hat eigentlich jemand Herrn Rösler gesehen in letzter Zeit? Experimente mit Teflon waren gestern - Merkel arbeitet längst mit plasmonischem Metamaterial.
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Zum SeitenanfangBahnfahrten sollten in keinem Blog vorkommen. Das hat zumindest mal Sven Regener gefordert, der Sänger von Element of Crime und Schöpfer der "Lehmann"-Romane und "Logbücher". Regener hat sich an seine Forderung allerdings selbst nicht gehalten. Aus gutem Grund: In der Bahn lassen sich immer interessante Menschen kennen lernen. In der vergangenen Woche bin ich täglich S-Bahn gefahren, zwischen Köln und Düsseldorf. Ich liebe das leichte Ruckeln des Zuges, das raue, ursprüngliche Fahrgefühl. Nur auf das grelle Kreischen der Bremsen an jeder Haltestelle könnte ich verzichten. Die Strecke führt durch betonierte Vorstädte, kahle Gewerbegebiete und an Chemiefabriken vorbei. In der Ferne grüßen Dampfwolken von Braunkohle-Kraftwerken.
Die meisten Pendler, die mit mir im Zug sitzen, haben keinen Blick übrig für die melancholische Schönheit der niederrheinischen Landschaft. Sie lesen, hören Musik oder beschäftigen sich mit ihrem Handy. Smartphone und MP3-Player sehe ich dabei öfter als Buch oder Zeitung. Die digitale Revolution ist anscheinend auch in der S-Bahn angekommen, zumindest bei den Fahrgästen. Ein Mann, der mit mir sowohl ein- als auch aussteigt, packt regelmäßig einen Tablet-PC aus. "Ich schaue mir morgens die Online-Seiten der wichtigsten deutschen Medien an, das bringt mehr als Zeitunglesen", erklärt er mir in einer kurzen Bildschirmpause, und dass er Frederick heißt. Während Frederick durch die deutsche Medienlandschaft surft, fahren wir an einer Großdruckerei vorbei – "ein Relikt der alten, analogen Welt", wie Frederick findet.
Frederick zählt sich zur digitalen Boheme, macht beruflich "was mit Medien". Wohnungen mit wandhohen Regalen voller Bücher sind für ihn gestrig, bei ihm zuhause gebe es dafür mehr Bildschirme, erzählt er. "Ich besitze kein einziges Buch aus Papier. Ich habe nur E-Books." Damit liegt er voll im Trend: Der Internethändler Amazon hat gerade gemeldet, erstmals mehr elektronische Bücher verkauft zu haben als Hardcover. Probleme bereitet diese Entwicklung romantischen Gemütern und natürlich Regalbauern und -verkäufern. Frederick gehört zu keiner der Gruppen, hat sich aber, wie er beteuert, den Sinn fürs Ursprüngliche, für das Einfache, für das Archaische bewahrt. Deshalb hat er erst kürzlich das
Neandertalmuseum besucht. Und deshalb gibt es Abend für Abend derzeit einen Pflichttermin für ihn - das "
Dschungelcamp".
Sehr nette und treffende Beschreibung :-) Bloß: Ich frage mich: Wieso S-Bahn nutzen zwischen Köln und Düsseldorf, wo dort mehrere RegionalExpress-Linien fahren :-)
Anonym am 22.01.12 14:09
Schöner Beitrag. Ich fahre als Berufspendler tãglich mit der S11 von Köln nach Düsseldorf, habe auch mein Smartphone, um Nachrichen zu lesen, aber trotzdem einen Blick für die Rübenfelder. Und im Ohr nicht den Knopf vom MP3-Player, sondern vom mobilen DAB+-Empfänger, um u.a. WDR2 zu hören. Warum ich nicht mit dem Regionalexpress fahre? Ich müsste 3x umsteigen, die 11 fährt praktisch bis vor die Bürotüre.
Anonym am 22.01.12 17:53
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Zum SeitenanfangAls ich letztens mal wieder meine Studienfreundin Elke zu einem Kaffee traf, erzählte ich ihr, was ich zur Zeit jedem erzähle, ob er’s hören will oder nicht: Wie meine Tochter ihr Auslandsjahr in Colorado verbringt, schon Solosaxophon in der Schulband spielt, nach Kansas und Florida reist. Kurz: Vater stolz wie Oskar. Leider war Elke nicht die Richtige fürs Teilen meiner Begeisterung. Aus ihrer studentenbewegten Zeit hat sie sich einen tief sitzenden Antiamerikanismus bewahrt. "Warum schickst du deine Tochter ausgerechnet zu dieser absteigenden Supermacht, in dieses Land mit Todesstrafe und ohne Krankenversicherung?"
"Soll ich meine Tochter lieber nach China schicken, in eine aufstrebende Supermacht mit Todesstrafe?", fragte ich gereizt zurück. Und erinnerte dann an den Spruch meines Vaters, nach dem alles aus den USA mit ein paar Jahren Verspätung auch bei uns ankomme. Fand Elke total veraltet - bis ich sie auf die Hillary-Strategie hinwies. Das fand sie dann sehr interessant, schließlich ist Elke auch frauenbewegt. Und dass Hillary Clinton erst die Präsidentschaft ihres Mannes unterstützt hat, durch alle peinlichen Skandale hindurch, um sich später selbst zu bewerben und schließlich mit dem Konkurrenten Obama ein Team zu bilden, fand Elke "extrem stark. Das kriegt so kaum ein Mann hin."
"Und das kommt jetzt erst bei uns richtig an", sagte ich: "Schröder hat in Berlin den Macker geben dürfen, aber jetzt, wo er dank Putin gut versorgt ist, startet seine
Doris richtig durch - via Landtag Hannover. Und Hannover ist bekanntlich eine Karriereschmiede." Das Beispiel war Elke schon bekannt. Nicht aber das von Michelle. Ich meinte nicht Michelle Obama, die bekanntlich einen starken Einfluss auf die Politik ihres Mannes haben soll, was aber eher ein traditionelles Modell ist. Ich meinte
Michelle Müntefering. Während ihr Mann Rente mit 67 gut und Opposition Mist findet, kandidiert sie nun für den Bundestag.
"Da schimpft man darüber, dass sich die alten Säcke immer jüngere Frauen zulegen, übersieht aber, das diese Männer nur als Karrieresprungbretter dienen", staunt Elke. Und sie freut sich darüber, dass Politikerinnen nun nicht mehr nur als Kohls Mädchen oder Albrechts Tochter durchstarten können. Außerdem sind wir uns beide sicher, dass es bei den ersten Beispielen nicht bleiben wird. "Guttenbergs Comeback kommt doch nicht richtig vom Fleck. Aber seine Stephanie hat schon wieder eine Titelgeschichte in der Brigitte", sagt Elke (was ich natürlich nicht wissen konnte). Schließlich stellen wir sogar eine Verschwörungstheorie zum Fall Wulff auf: Woher erfährt die Presse immer wieder neue Details über ihn? Wie wenn seine Bettina dahinter steckt? Tauchte sie nicht kürzlich bei einem Empfang des Springerkonzerns in Hamburg auf, der ihren Mann mit einem Stahlgewitter überzieht? Könnte es nicht sein, dass Bettina nicht mehr länger warten will, bis ihr Christian zu Hause bleibt und sie ihre Karriere beginnen kann?
"Und welchen alternden Politiker wird deine Tochter heiraten, wenn sie in Amerika die Hillary-Strategie genügend kennen gelernt hat?", fragt Elke plötzlich. "Wie", schreie ich auf und schlage mit der flachen Hand auf den Tisch. "Meine kleine Tochter und heiraten?" Also, manchmal übertreibt Elke wirklich!
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Zum Seitenanfang"Der Klimawandel ist gut gegen den Klimawandel", sagt mein Sohn und lacht. "Ist das ein Koan?", frage ich. "Nein, das steht hier", entgegnet er und deutet auf eine
Meldung auf dem Bildschirm seines Laptops: Das stürmische Wetter beschert der Windkraft Rekordergebnisse. "Nun kommt doch der viele Sturm vom Klimawandel", sagt mein Sohn: "und die Windkraft wiederum vermindert die CO2-Emissionen. Also reduziert der Klimawandel sich selbst, das ist die Lösung." Nun schaue ich mir die Meldung auch an und komme darüber ins Grübeln. Sollte die Energiewirtschaft den Klimawandel schließlich mit viel Windkraft in den Griff bekommen, dann ließen auch die Stürme nach, dann geriete die Windkraft in eine Krise, es würde wieder mehr Kohle verfeuert, das Klima erwärmt sich ... ein ewiger Kreislauf.
Mein Sohn reißt mich aus dem Strudel meiner Gedanken. "Was ist ein Koan?", fragt er. "Ein paradoxer Sinnspruch im Zen-Buddhismus. Der Meister sagt dem Schüler einen Satz, der rätselhaft bleibt, paradox, rational nicht zu verstehen. Zum Beispiel: Ich klatsche mit einer Hand. Indem der Schüler darüber meditiert, muss er das normale Denken überschreiten. Und gelangt so unter Umständen zur Erleuchtung." Das findet mein Sohn sehr interessant und tippt gleich die Suchbegriffe Zen und Koan in seinen Rechner. Die erste Antwort lautet: "
Schlafkomfort durch viscoelastische Matratzen zu Top-Preisen."
Erst rätseln wir beide, was das nun mit dem Thema zu tun hat - bis uns klar wird, dass wir uns schon mitten in einer Koan-Meditation befinden. Wir zerbrechen uns den Kopf über etwas, was keinen Sinn zu ergeben scheint, und im Zerbrechen unseres Kopfes leuchtet eine Wahrheit jenseits des Denkens auf. Und mit einem Mal wird uns bewusst, dass wir derzeit von solchen erleuchtenden Koans geradezu umgeben sind. "
Wir müssen eine neue Erzählung entwerfen", sagt Peer Steinbrück. "Der Rubikon ist überschritten", sagt der Bundespräsident. "
Der Bambus wiegt sich im Sturm, aber er bricht nicht", sagt der FDP-Vorsitzende.
In stürmischen Zeiten sucht man eben nach Weisheit, die über den Tag hinaus gilt. Damit wandern meine Gedanken wieder zu der Windkraftmeldung und plötzlich fällt mir ein, welcher Koan sich wirklich in ihr versteckt. "Mit Windrädern den Sturm stillen!" rufe ich meinem Sohn zu. Der steht inzwischen am Fenster und schaut hinaus auf den Sturm, der kräftig an den Bäumen in unserem Hof rüttelt. Und er tut das, was sich auch unsere Kanzlerin für das neue Jahr vorgenommen zu haben scheint. Mein Sohn und Frau Merkel sind damit schon einen Schritt über den Koan hinaus. Wer weiß, vielleicht sind sie der Erleuchtung schon nahe. Wissen kann man es nicht. Denn sie schweigen.
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Zum SeitenanfangDas neue Jahr hat für mich einen ganz eigenen Reiz. Auch wenn Kopf und Augenlider noch schwer sind von der Silvesterfeier. Ein neues Jahr, das ist wie unberührter Schnee. Gut, so ganz unberührt ist das neue Jahr schon nicht mehr: In den neuen Kalender habe ich schon die – genehmigten – Urlaubstage eingetragen, außerdem die wichtigsten Geburtstage. Zudem stehen dort schon einige Feier- und Gedenktage, wobei sich die Kalendermacher bestimmt etwas gedacht haben. Wahrscheinlich wollen sie mich animieren, am Tag der gesunden Ernährung, dem 7. März, mal den Kantinenbesuch ausfallen zu lassen. Dafür soll ich dann am 6. Mai, dem internationalen Anti-Diät-Tag, auf jeden Fall dorthin.
Mit gemischten Gefühlen sehe ich dem Weltlachtag entgegen, am ersten Sonntag im Mai. Ich ahne, welche Themenvorschlägen dazu auf meinem Schreibtisch landen werden: Eine Reportage aus einem Lachseminar. Ein Interview mit einem Comedian über Humor. Oder eine Straßenumfrage zum Thema "Was finden Sie eigentlich lustig?". Es sind Vorschläge, die ich mit spitzen und mit gründlich gewaschenen Fingern anfassen werde. Schließlich ist 24 Stunden vorher der Internationale Tag der Handhygiene.
Die Erinnerungs- und Gedenktage sorgen für sinnvolle Impulse. Würden wir über Bären nachdenken und uns an Problembär Bruno erinnern, gäbe es keinen Bärengedenktag (26. Juni)? Oder würden wir über das Klo sinnieren, fehlte uns der Welttoilettentag (19. November)? Und wie zerrüttet wäre unser Verhältnis zu unseren Lebensgrundlagen, gäbe es nicht den Weltmilchtag (1. Juni)! Wobei die Milch ja leider von vielen Menschen nicht vertragen wird, wegen einer Laktoseunverträglichkeit. Diese können dann halt am gleichen Datum den Weltbauerntag feiern.
Ein bisschen schade finde ich, dass 2012 die UN-Literatur-Dekade "Bildung für alle" ausläuft. Dafür gibt es aber das ganze Jahr ein wenig Nachhilfe für die Manager von RWE, Eon, Vattenfall und EnBW: Die Vereinten Nationen haben 2012 zum "Internationalen Jahr der erneuerbaren Energie für alle" ausgerufen, außerdem zum "Internationalen Jahr der Genossenschaften". Wenn dahinter nicht die Grünen beziehungsweise die Sozialdemokraten stecken! Interessanterweise fehlt 2012 ein liberaler Gedenktag. Dafür gibt es am 19. September den "Sprich-wie-ein-Pirat-Tag". Bestimmt auch kein Zufall.
Ein neues Jahr ist wie unberührter Schnee? Das ist wahrscheinlich bloß eine romantische Wunschvorstellung von mir, wie mein eigener Kalender zeigt. In etwa so realistisch wie Schneefall an diesem frühlingshaften Neujahrstag. Realistischer ist da die EU. Sie hat 2012 zum Europäischen Jahr für aktives Altern ausgerufen. Da werde ich mitmachen – ob ich will oder nicht.
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Heiligabend hat mich in diesem Jahr recht nachdenklich gemacht. Wie gewünscht bekam ich viele Bücher geschenkt und habe aus lauter Begeisterung gleich in mehreren abwechselnd zu lesen begonnen. Zusammen mit dem Châteauneuf-du-Pape brachte das in meinem Kopf merkwürdige Synapsenverbindungen zustande. Das Stichwort Synapsen liegt nahe. Denn das erste Buch, zu dem ich griff, handelte von Hirnforschung. Erster Leseeindruck: Das mit der Freiheit kann ich mir abschminken. Spontane Entscheidungen treffe nicht ich, sondern mein Hirn. Ich denke nur im Nachhinein, ich hätte entschieden. Etwas verwirrt habe ich mich gefragt, ob ich das nun denke oder wiederum mein Hirn. Ich werde mir zum Geburtstag noch einen
Precht wünschen, der weiß das bestimmt.
Nach der Hirnforschung gab es Herrencreme. Wir machen immer eine Pause zwischen dem Puter und dem Nachtisch. Und danach machte ich eine Pause von der Hirnforschung und versuchte mich mit einem Roman zu entspannen.
"Sturz der Tage in die Nacht" hatte ich mir gewünscht, weil Denis Scheck es für eins der besten Bücher des Jahres hält und der bekanntlich weiß was er tut. Und weil mich skandinavische Inseln als Ort der Handlung reizen. Aber dann verliebt sich da ein Sohn in seine Mutter und ein alter Stasispitzel schaut zu und mit jeder weiteren Seite hatte ich den Eindruck, dass Rotwein und Herrencreme in meinem Magen unbekannte chemische Reaktionen erzeugten. Vielleicht war es aber auch nur mein Hirn.
An Heiligabend soll man sich mit den lieben Kleinen befassen. Also bot ich meinem Jüngsten an, aus den neuen Kinderbüchern vorzulesen. Aber wer zum Teufel hat ihm
"Freddy" geschenkt? Das Buch handelt, reichhaltig illustriert, von einem Ganzkörpertätowierten. Wir kamen über Seite zwei nicht hinaus, weil man Sohn sehr genau wissen wollte, wie das funktioniert mit den Tattoos. Also erklärte ich, so gut ich vermochte, die schmerzhafte Kunstform und stopfte mit zwischendrin immer neue Spekulatius und Dominosteine in den Mund. Ich war zwar längst satt, aber mein Hirn wollte das wohl so. "Wo kommt eigentlich dieses absonderliche Buch her?", fragte ich meine Frau. "Das hast du doch ausgesucht, weil der Autor aus Norwegen ist. Du magst doch alles aus Skandinavien." Das hatte ich tatsächlich verdrängt. Aber was heißt schon ich ...
Ich bin an diesem Abend ungewöhnlich früh zu Bett gegangen. Zu vieles drehte sich in Kopf und Magen. Im Wegdämmern sah ich lauter tätowierte Männer an einem skandinavisch kühlen Strand herumtollen. Dazu sangen sie: "Oh Tannenbaum oh Tannenbaum, du bist nur unser schöner Traum. Und das nicht nuuuur in meinem Hirn, nein, hinter jeeeeder krausen Stirn." Ich versuchte, mich nach Bullerbü wegzuträumen, aber mein Unbewusstes wehrte sich. "Wann stehen wir morgen auf?", fragte mich meine Liebste, als ich fast schon eingeschlafen war. "Weiß ich noch nicht", sagte ich mit letzter Kraft: "Ich bleib morgen liegen und lasse einfach mein Hirn entscheiden."
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Früher glaubte ich ans Christkind. In der Nacht vor
Heiligabend gelangte es auf geheimnisvolle Weise in unser Wohnzimmer und legte dort Geschenke für meine Geschwister und mich unter dem Weihnachtsbaum ab. So erklärten es unsere Eltern. Gesehen habe ich das Christkind nie, nie gelang es mir, die ganze Nacht wach zu bleiben. Mein jüngerer Bruder behauptet, das Christkind einmal gesehen zu haben, als er in der fraglichen Nacht aufs Klo musste. Aber seiner Erzählung habe ich schon damals nicht geglaubt. Ohne seine Brille, die er nachts bestimmt nicht aufsetzte, konnte mein Bruder nämlich so gut wie nichts sehen.
Als ich nicht mehr ans Christkind glaubte, musste ich am Abend vor Heiligabend beim Baumschmücken helfen. Meine Schwester Hildegard, ein christkindhaftes Wesen mit langen blonden Haaren, sinnierte über das künstlerische Gesamtkonzept des Baumes, während ich die schon mal die Dekoration aus dem Keller ins Wohnzimmer schleppte, jedes Jahr wurden es mehr Kisten. Versonnen hängte Hildegard anschließend die von mir entstaubten Engel, Kugeln und Sterne in den Baum, korrigierte die Position des einen oder anderen, und stellte sich bald hierhin, bald dorthin, um den geschmückten Baum von allen Seiten zu begutachten. Manchmal entschied sie sich dann noch für eine andere Grundfarbe der Dekoration, und ich musste vorsichtig das silberne Lametta gegen rotes austauschen oder die gelben Kerzen durch weiße ersetzen. Es wurden stets lange Abende, und anstrengende dazu.
Seit einigen Jahren bin ich am 23. Dezember abends bei Heinz und Rieke. Heinz ist sparsam veranlagt, besonders beim Kauf des Weihnachtsbaums. Um einen zu erwerben, geht er erst kurz vor unserer Verabredung los. Dann sind die Händler durchgefroren und ihre unansehnlichen Restbäumchen runtergesetzt. "Außerdem kann ich noch prima mit den Jungs feilschen", erklärt Heinz. Einen Ständer für den Christbaum spart er sich komplett, dazu reicht ihm ein Putzeimer mit Sand. Den Sand organisiert er, im Schutz der Dunkelheit, auf einer nahe gelegenen Baustelle. Das hat noch nie zu Problemen geführt. Die fangen aber an, wenn seine Freundin Rieke den Baum erblickt. Klein, mickrig, verkrüppelt, altersschwach – hart und harsch geht Rieke mit dem Baum ins Gericht, und natürlich mit seinem Käufer. Aufgefordert, den Schiedsrichter zu spielen, verhaspele ich mich in diplomatischen Floskeln. Der Abend vor Heiligabend ist bislang einfach nicht mein Glücksabend.
In diesem Jahr soll das anders werden. Am Tag vor Heiligabend bin ich,
ganz im Trend, zum Christbaum-Schlagen verabredet, mit einigen Freunden. Heinz ist nicht dabei, er will lieber nach Geschäftsschluss in die Schonung. Dafür geht Hildegard mit. Ihr habe ich versprochen, beim Schlagen und Sägen ihres Baumes behilflich zu sein. Sie möchte wahrscheinlich eine Nordmanntanne. Oder eine Blautanne. Allerdings will sie sich auch in Ruhe mal die einfachen Fichten und die Douglasien anschauen, hat sie angekündigt. Dabei wird sie sehr gewissenhaft sein, denn sie weiß: Weihnachten wird durch den Baum entschieden.
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Zum SeitenanfangEigentlich hatte ich nur meinen Sohn, den begeisterten Jungpfadfinder, begleitet. Aber als ich dann im Dom stand, unter 2.500 Pfadfindern, die sangen und feierten, ergriff mich die Rührung. Es ist ja auch eine wunderschöne Idee: In der Geburtsgrotte Jesu in Bethlehem wird eine Flamme entzündet, die Pfadfinder dann vor Weihnachten in alle Welt verbreiten. Das kleine Feuer, das jetzt vor uns im Kölner Dom brannte, war per Flugzeug nach Wien gekommen. Von dort hatte es eine Delegation im ICE nach Köln gebracht und die windgeschützte Laterne über den zugigen Bahnhofvorplatz hinein in die Kirche. Die wimmelte nun von Menschen mit Stalllaternen und Windlichtern, in denen die Flamme aus Bethlehem nach Hause geholt werden sollte.
"Licht verbindet Völker" heißt das Motto, und deshalb sangen und sprachen im Dom auch Gäste aus Mexiko, Brasilien und Afrika.
Die kleine Pfadfindergruppe meines Sohnes wollte das Licht in unsere Kirche im Viertel bringen, von wo aus es jeder mit nach Hause nehmen könnte, um damit etwa den Adventskranz anzuzünden. Aber das war leichter gesagt als getan. Sie mussten nämlich eine Erfahrung machen, die Profis der Strom- und Telekommunikationsbranche in den Satz kleiden: Die letzen Meter zum Verbraucher sind die schwierigsten. Zwar brachten sie die Kerze bis zur U-Bahn, ohne dass sie ausgelöscht wurde. Aber sie hatten nicht mit den Ordnungskräften der Kölner Verkehrsbetriebe gerechnet. Die regeln sonst heldenmütig das Gedränge in der Vorweihnachtszeit. Aber an diesem ruhigen Abend nahmen sie Anstoß an unserer Laterne. Offenes Feuer in der Bahn ist nicht erlaubt.
Die Pfadfinder versuchten zu erklären, erzählten von Bethlehem, vom ICE, in dem es offensichtlich kein Problem gab, und natürlich vom Frieden. Aber ihre Gesprächspartner ließen sich nicht erweichen. Mich erinnert das an den berühmten Romantitel von Carlo Levi: "Christus kam nur bis Eboli". Diesmal kam Jesus nur bis zum Hauptbahnhof. Das Licht aus Bethlehem hatte die Mauer zwischen Palästina und Israel übersprungen, es wird am Ground Zero in New York leuchten und im Europaparlament empfangen. Aber im Kölner Nahverkehr ereilte es die harte Alternative: Auslöschen oder Aussteigen.
Das Licht aus Bethlehem ist schließlich doch bei uns angekommen. Wie, möchte ich hier nicht verraten, um keinen engagierten Pfadfinder einer Ordnungsstrafe auszusetzen. Die nächste harte Hürde ist nun meine Frau. Sie will keinesfalls eine Kerze in der Wohnung brennen lassen, wenn niemand zu Hause ist. Mein Sohn ist ungehalten, aber ich muss ihr natürlich Recht geben. So brennt die Flamme jetzt in der Laterne auf dem Balkon. Immer wenn wir nach Hause kommen, schauen wir erst nach, ob sie noch brennt und ob wir sie auf eine neue Kerze verpflanzen müssen. Immer wenn wir unterwegs sind, haben wir Angst, dass ein Nachbar die Feuerwehr ruft. Aber wir hoffen darauf, an Heiligabend mit der Flamme aus Bethlehem die Kerzen an unseren Weihnachtsbaum zu entzünden. Dann werden wir selig davor sitzen und wissen: Der Friede ist ein schwer zu hütendes Licht.
... und dies ist kein Einzelfall!
Die Delegation unseres Stammes machte dieselbe Erfahrung. Auch unserer Lichtträgerin wurde der Einstieg in die Bahn verwehrt. Seit Jahren bringen wir das Licht in unsere Gemeinde, und jedes Jahr mit der Bahn. Nur dieses Jahr stellten sich die Ordner quer. Eine seltsame, schwer nachzuvollziehende Wandlung der KVB, zumal die Kluft der Pfadfinder deutlich die Seriosität und Ernsthaftigkeit dieser friedlichen Aktion unterstreicht.
Letztendlich fand sich ein freundlich-friedenliebender Taxifahrer, der uns das Licht wohlbehalten bis an die Kirche transportierte. Ob wohl die Beförderung eines offenen Lichts im Taxi erlaubt ist? Manchmal braucht ein Zeichen des Friedens Menschen, die helfen, Hürden zu überwinden und das Notwendige tun.
Anonym am 15.12.11 21:53
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Angefixt wurde ich von meinem Vater, im zarten Alter von elf oder zwölf Jahren, während eines Urlaubs im
Sauerland. Tag für Tag regnete es, die meiste Zeit verbrachten meine Eltern, meine Geschwister und ich deshalb in der düsteren Ferienwohnung. Die Bücher, die ich mitgenommen hatte, waren längst gelesen, und zum Quartett-Spielen mit meinem kleinen Bruder hatte ich keine Lust mehr. "Mir ist langweilig", erklärte ich regelmäßig und wahrheitsgemäß – bis mein Vater mir zwei Taschenbücher in die Hand drückte. Es waren
Krimis, mit rotem Einband drumrum und Leichen drin, also keine blöden Kinder-Detektivgeschichten. Ich war begeistert von den beiden
Agatha Christie-Romanen.
Der Urlaub blieb nicht ohne Folgen: Im Sauerland habe ich meine Ferien seither nicht mehr verbracht. Den Kriminal- und Detektivgeschichten bin ich treu geblieben. Anfangs faszinierten mich besonders Geschichten aus England. Die spielten gerne auf eingeschneiten Landsitzen, auf einem Schiff oder in einem Zug, also überall dort, wo Menschen mehr oder weniger zwangsweise eine Zeitlang miteinander auskommen müssen. Das ging selten gut, meist nutzte ein harmlos anmutender Bösewicht die Situation, um alte Rechnungen zu begleichen und reihenweise Leute ins Jenseits zu befördern. Eigentlich ein Wunder, dachte ich manchmal, dass damals während des Sauerland-Urlaubs in unserer Ferienwohnung nichts Schlimmes passiert ist.
Was Krimis angeht, habe ich jede Mode mitgemacht: habe mich durch den sozialkritisch ambitionierten neuen deutschen Kriminalroman gequält. Ich habe die desillusionierten Ermittler der amerikanischen Detektivgeschichten bewundert. Habe skurrile Aufklärer wie den Österreicher
Brenner kennengelernt und brave Kommissare aus Bonn, Köln, vom Niederrhein und aus der Eifel.
Skandinavische Kriminalromane waren natürlich auch dabei. Nach dem fünften Krimi von Henning Mankell musste ich allerdings eine Pause einlegen, weil ich die gleichen Magenprobleme bekam wie Mankells Kommissar Wallander. Vielleicht lag es an den fiesen Mordmethoden, mit denen wir beide konfrontiert wurden, vielleicht aber auch an unserer gemeinsamen Vorliebe für Schnellgerichte, Pizza und Kaffee.
Auf meinem Wunschzettel für
Weihnachten stehen in diesem Jahr wieder etliche Krimis. Ich freue mich auf unbeschwerte Lesetage nach dem Fest. Ein Büchlein für den Kurztrip zum Jahreswechsel habe ich mir schon selbst geschenkt. Es heißt "Tot überm Zaun" und spielt, unter anderem, im Sauerland. Da wo meine Freundin und ich den Jahreswechsel feiern wollen. Zuschneien werden wir ja hoffentlich nicht.
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Zum SeitenanfangKaum wird es endlich kälter, geht wieder das Mützendrama los. Jeden Morgen gibt es Krach mit meinem Jüngsten um die richtige Kopfbedeckung. Offensichtlich gehen auf Grundschulhöfen nur solche Kappen als cool durch, die eher für den Sommerurlaub taugen. "Da ist die Mittelohrentzündung programmiert", schimpfe ich. Meine Frau fischt aus einer Schublade ein weiteres wollenes Angebot. Am Ende setzt er es auf, schließlich drängt die Zeit. Aber ich wette, schon auf dem Weg zum Schulbus wandert das Teil in den Ranzen.
Einerseits nervt dieses Theater, andererseits kann ich meinen Sohn irgendwie auch verstehen. Schließlich erinnere ich mich noch an den Widerwillen, mit dem ich als Kind die berüchtigte Schalmütze trug, die meine Eltern "sooo praktisch" fanden. Ich sah darin aus wie ein Frosch mit Sturmhaube und außerdem kratzte das Ding am Hals. Polizisten müssen wohl ähnliche Kindheitstraumata mit sich herumschleppen. Anders ist der Mützenstreit in NRW kaum zu erklären. Da sollten die Polizisten sooo praktische Fellmützen in russischem Stil bekommen, aber ihre Gewerkschaft protestierte und brachte sogar eine illegale Polizeiwollmütze in den Umlauf.
Die Russenmütze mache die Beamten lächerlich, hieß es. Außerdem wollen deutsche Ordnungshüter den Bürger ungern an die sowjetische Obrigkeit erinnern oder gar an Oberst Gaddafis letzte Auftritte. Dass die
Uschanka inzwischen durchaus als modisch gilt, zählt bei solchen politischen Argumenten wohl nicht. Falls bei Kopfbedeckungen überhaupt Argumente zählen. Ich jedenfalls habe Mitleid mit den Innenministerialreferenten, welche die Verhandlungen im Mützenstreit mit der Gewerkschaft führen mussten. Ihre Rolle wird etwa so undankbar gewesen sein wie die von Mama und Papa morgens vor Schulbeginn.
Aber Chapeau! Das Schlichtungsverfahren hat nun zu einem
offiziellen Mützenfrieden geführt. Das Ergebnis: In diesem Winter müssen die Polizisten aufsetzen, was da ist. Für die Zukunft soll aber ein Alternativmodell entwickelt werden, und zwar eine Fleece-Mütze. Das wundert mich nun wieder. Ist der Gewerkschaft der Polizei unbekannt, dass Fleece überwiegend aus alten Plastikflaschen hergestellt wird? Und dass dieses Wunder der Recyclingindustrie überwiegend in China vollbracht wird? Ich befürchte, die Beamten könnten zukünftig bei Demonstrationen beschimpft werden, weil sie Flaschenmüll auf dem Kopf tragen. Und die Chinaplaste eignet sich auch nicht unbedingt als lupenrein demokratisches Symbol. Aber öffentlich werde ich solche Zweifel keinesfalls äußern. Schließlich weiß ich als Vater, wie zerbrechlich so ein Mützenfrieden ist.
Im Gegenteil: Vom Russenmützenstreit lernen heißt siegen lernen! Ich werde künftig das Schlichtungsergebnis auf die Auseinandersetzung mit meinem Jüngsten übertragen. Heißt: Fürs erste wird die Wollmütze getragen. Und im kommenden Winterschlussverkauf können wir dann gemeinsam eine neue aussuchen. Und wenn alles nichts nützt, zeige ich ihm demnächst, wenn’s mal richtig frostig ist, einen Polizisten. Noch sind das nämlich Vorbilder, wie die Feuerwehrleute. Und dann sage ich: "Schau mal, was der Polizist trägt: mit Ohrenklappen und Bändchen. Cool, oder?"
Sollen sich doch ihre Mütze selber kaufen,die bekommen alles vom Staat,und nichts ist gut genug.
In den Schuhen können sie nicht laufen,die Bekleidung ist im Sommer zu warm,im Winter zu kalt,und sogar aus den Pistolen lösen sich von alleine Schüsse...
Na dann man weiter so...
KHS am 10.12.11 11:35
Ich glaube Doktor Gregor sollte sich mal aus den Redaktionsräumen nach draußen bewegen und mit den Polizisten für einen Tag tauschen. Vielleicht ändert sich dann seine überhebliche Sichtweise.
Tom Gerhards am 10.12.11 21:22
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