1995. ich bin elf, noch ein paar Jaehrchen von der Zielgruppe entfernt, aber ein neuer Sender ist in der Stadt und ich will wissen, worum es geht. Den Namen 1LIVE finde ich schon mal bescheuert. Wer heisst denn so? Die Musik passt schon besser, die Spice Girls und Tic Tac Toe habe ich auch zu Hause stehen. Es ist das erste Mal ueberhaupt, dass ich gezielt Radio hoere, das Einzige, das ich vorher kannte, war das WDR-Kriminalhoerspiel. Ohne dass ich es merke, wird sich 1LIVE in meinen Alltag einschleichen und mir den Soundtrack zu meinem Leben spielen, waehrend ich aelter werde, tanzen gehe, autofahren lerne und in meine eigene Wohnung ziehe. Es ist da, wenn ich fuer die Schule lerne (und spaeter fuer die Uni), wenn ich koche (und esse), wenn ich jogge (und dusche). 1LIVE ist immer da, im Hintergrund.
Sommer 2005. Umgeben von 10.000 schmachtenden Fans stehe ich vor einer Open-Air-Buehne und gucke Bjoern Dixgard von
Mando Diao dabei zu, wie er sich seine Lederjacke von seinem nackten Oberkoerper schaelt. Die Plastikschale mit Chop Suey in meiner Hand ist vergessen. Ich glaube, ich bin verliebt. Ich bin ja eigentlich zum Arbeiten hier: Als Praktikantin der Internetredaktion bin ich (gratis) vor Ort des 1LIVE Koenigstreffens, um die Fotos, die unsere Fotografen schiessen, auf der Homepage einzubauen. Zum Glueck bleibt aber genuegend Zeit, in der Menge zu baden und sich die Bands des Festivals anzugucken. Das Line-Up ist fantastisch: Bloc Party, Fettes Brot, Mando Diao und Franz Ferdinand sorgen fuer einen Gluecksmoment nach dem naechsten. Bloc Party sind grossartig, obwohl Kele Okereke Herzogenrath mit Koeln verwechselt, und Fettes Brot liefern mit einem Mash-Up von Nordish By Nature und dem Ghost Buster-Titelsong den lustigsten Live-Auftritt des Tages. Und dann kommen Mando Diao auf die Buehne, und ich und alle anderen schmelzen dahin. Ich habe versucht, dieses Gefuehl bei drei nachfolgenden Konzerten der Jungs zu rekreieren, aber es war nie mehr so gut wie bei diesem Koenigstreffen 2005, dem besten Konzerterlebnis, das ich bisher hatte.
Dezember 2006. Draussen ist es arschkalt und dunkel, aber hoch oben in einem Penthouse im Mediapark sind die Fenster beschlagen und die Menschen erhitzt, denn es wird gefeiert. Ich glaube, es ist die Internetredaktion-zieht-ins-Penthouse-Einweihungsparty, aber so genau weiss das keiner. Ist auch egal, hauptsache alle haben Spass. Die Studentenjob-Studenten tanzen zu Muse, die Raucher draengen sich auf dem winzigen Balkon zusammen, Tine und ich besiegen die Jungs beim Kickern,
Olli singt Karaoke,
Angie erzaehlt von ihrem neuen Shampoo - und ich frage mich, ob ich einen riesigen Fehler mache, all das hinter mir zu lassen und einfach ans Ende der Welt abzuhauen. Soeben ist mein Work-and-travel-Visum fuer ein halbes Jahr in Neuseeland genehmigt worden und ich plane im Geiste schon ein Dasein als heimatloser Backpacker ohne Verantwortung und Sicherheit. Am naechsten Morgen holt mich meine Chefin Schiwa auf dem Gang ein: Ob ich nicht Lust haette, aus Neuseeland zu bloggen, "wo du schon mal da bist". Hell yeah! Mein
erster Eintrag handelt von Vorfreude und fehlender Nervositaet. Vor mir liegt das Unbekannte.
Ein Jahr spaeter bin ich nicht nur immer noch in Neuseeland, sondern habe mich obendrauf dazu entschlossen, auf unbestimmte Zeit zu bleiben, was hauptsaechlich mit einem franzoesischen Koch zu tun hat. Die Entscheidung ist mir erstaunlich leicht gefallen - obwohl das Radioprogramm eine Katastrophe ist. Es wimmelt von Spartensendern mit schrecklichen Slogans wie "Classic rock that rocks" oder "Easy Mix feels good" und grenzdebilen Moderatoren mit Namen wie Muzza und Macca, die eine Zote nach der anderen reissen. Sehr seltsam finde ich auch die Zwischeneinspieler mit hilfreichen Tipps zu allen Lebenslagen, zum Beispiel "Kinder brauchen Energie - geben Sie ihren Kleinen immer viel Obst zu essen" oder "Kreuzungen koennen gefaehrlich sein - immer schoen nach nach links und rechts gucken". Nach zwoelf Monaten Abstinenz schalte ich endlich den Webstream fuer 1LIVE an und werde sofort ueberstroemt mit einem Gefuehl von Glueck, Sehnsucht nach der Heimat und Euphorie, als ich Ollis und Michas Stimmen hoere. Wie habe ich es nur so lange ohne meinen Sender ausgehalten?! Als spaeter Thorsten Schorn irgendeine geile Nummer von Mia ankuendigt, muss ich mich schwer zusammenreissen, um nicht in daemliche Jubelei auszubrechen. Die Sache ist klar: Nie wieder klassischen Rock, der rockt.
September 2008. Mit klopfendem Herzen und roten Baeckchen druecke ich auf die Klingel, auf der EINSLIVE steht. Es ist mein erster Heimatbesuch, seit ich vor anderthalb Jahren meine Zelte abgebrochen habe, und ich habe mich fuer eine Stippvisite im Penthouse angekuendigt. Im Auto von Berlin nach Koeln habe ich mich halb irre gefreut, als ploetzlich der Sektor und somit das 1LIVE-Sendegebiet erreicht war. Ich glaube, ich habe sogar zu den Black Eyed Peas mitgesungen. Endlich wieder zu Hause! Irgendwie fuehlt es sich sogar heimeliger an als bei meiner Mama in Berlin, weil hier alles vertraut ist, waehrend ich die Wohnung meiner Mutter noch nicht kannte; und meine eigene Wohnung gibt es nicht mehr. Bevor ich beschliessen kann, im 1LIVE Salon zu campen und mich von den Kollegen durchfuettern zu lassen, reisst mich mein Freund aus meiner Nostalgie und erinnert mich daran, dass wir weiter muessen, denn die Zeit ist knapp. Bis bald, 1LIVE!
Uebrigens habe ich diese Woche ebenfalls ein Jubilaeum gefeiert: Vor genau drei Jahren bin ich damals mit einem unhandlichen Koffer, einem Laptop und tausend Ideen in Neuseeland angekommen. Es leben die Jahrestage!
von Louisa von Reumont um 14:48
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könnte auch eine werbetext sein, ist aber wahrhaftig die realtität.
danke 1Live!
david am 4.04.10 1:08
1990 als ich in Moers aufschlug, gab es da etwa 300 Meter von meinem damaligen Arbeitgeber einen neuen kleinen Lokal-Sender namens Radio K.W. (Kreis Wesel) mit stetig steigendem Kultfaktor! Von Wesel bis Moers gab es glaube ich keinen, der nicht bald schon täglich Radio K.W. lauschte (außer die WDR4 Hörer natürlich)? Dann einge Jahre später kam ein alt bekannter Sender namens WDR1 daher, nannte sich um in 1live, sendete.. und siegte!!! Ja, so erging es uns allen, 1live schlich sich heimlich über den Gehörgang in das Unterbewußtsein ein und eroberte die Herzen im Sturm! 15 Jahre ist das jetzt her, whow.. wie die Zeit vergeht! Weißt Du eigentlich wie sehr ich Dich beneide, daß Du Olli, Micha, Schorn & Co persönlich kennst? In Venlo habe ich gerade noch Glück und bekomme 1live über 106,7 ohne Probleme, auf der Arbeit habe ich leider kein Radio und nutze dann einfach den Web-Stream! Wann merkt man eigentlich das man 1live süchtig ist? Und gibt es eine Therapie? ;-)
PS: Glückwunsch zum Dreijährigen! Und ja.. ein Blog aus Neuseeland wäre keine schlechte Idee, wo Du ja schon mal da bist!? *lach* Das kenne ich, glaube das nennt man Reisefieber, Fernweh oder so???
MadMatt am 4.04.10 3:21
Ich bin immer noch sauer, das mit der Umstellung von WDR1 zu 1live und der damit erhofften Zielgruppenänderung, Schwingungen aus dem Programm flog.
Doofer WDR ...
Spip am 8.04.10 8:29
Hey,
dein Blog ist echt so fast der einzige den ich regelmässig lese, und dadurch bin ich ja sogar bei 1Live im Radio erwähnt worden *g* als du über dünne Menschen geschrieben hast.
Aber irgendwie macht mich dieser Eintrag stutzig: Meine Freundin macht(vermutlich) auch ein halbes Jahr Work and Travel in Neuseeland... nicht das sie auch noch einen französischen Koch findet und da bleibt... Das wäre echt blöd. Naja mal schauen ;-)
Liebe Grüße nach Neuseeland! Freu mich auf den nächsten Eintrag
Ciao
Severin
Severin am 8.04.10 15:15
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