Selbstgemachtes ist mir suspekt. Ich verstehe einfach nicht, wieso man wertvolle Zeit und Muehe in etwas investieren sollte, das man auch fertig kaufen kann. Tocotronic-Saenger Dirk von Lotzow hat Recht:
"Ich bin sehr fuers Professionelle und gegen das Amateurhafte." Deshalb bastele ich nicht, handarbeite nicht, handwerkele eher selten und repariere nur, wenn es sich wirklich lohnt. Einerseits liegt das an meiner sagenhaften Tollpatschigkeit (ich stolpere auch staendig und stosse mit der Schulter gegen Tuerrahmen, wann immer sich die Moeglichkeit bietet); aber in Zeiten, da die meisten muehsamen Dinge von Professionellen besser gemacht werden (
Pornos zum Beispiel), frage ich mich: Ist "Do it yourself" nichts als eine moderne Beschaeftigungstherapie?
Nahrungsmittel zum Beispiel: Haben unsere Vorfahren nicht Jahrhunderte lang dafuer geschuftet, dass wir die Vorteile und Bequemlichkeiten handlicher, maschinell gefertigter Produkte geniessen koennen? Wir muessen keine acht Stunden lang mehr den Herd anlassen, um einen riesigen Topf voller Knochen und Essensreste zu einer brauchbaren Portion Bruehe zu reduzieren; wir muessen keinen Teig fabrizieren, ihn glaetten, schneiden und einen halben Tag lang trocknen, um uns Nudeln zu basteln. Aber trotzdem tun es einige. Obwohl es irre lange dauert und auch noch mehr Geld kostet. Seltsam.
Auch Puzzles sind mir ein Raetsel. Sie existieren ausschliesslich um der Taetigkeit des Zusammensetzens willen. Stunden, Tage verbringt man damit, Tausende von klitzekleinen Teilchen zu einem Ganzen zu fuegen, bis man endlich in das fertige Antlitz Schloss Neuschwansteins starrt - und was macht man dann damit? An die Wand haengen? ("Nein" lautet selbstverstaendich die Antwort auf diese Frage, denn wer sich Puzzles an die Wand haengt, kann auch gleich Raufasertapete anbringen, Plastikgeranien in die Fensterbank stellen und "Feste der Volksmusik" einschalten, das liegt ungefaehr auf einer Linie.)
Bei Kleidungsstuecken hat der DIY-Wahn ebenfalls zugeschagen: Immer wieder wollen uns Frauenmagazine dazu noetigen, unsere Klamotten durch customising dem aktuellen Look anzupassen (meistens involviert das Loecher an Orten, wo keine Loecher hingehoeren). Und anstatt uns an verheerende Stonewash- und Batikunfaelle zu erinnern, hantieren wir froehlich mit Scheren, Reissverschluessen, Schleifen und T-Shirt-Farbe, um hinterher festzustellen, dass wir vielleicht doch einfach ein neues Top haetten kaufen sollen. Auch ich hatte meine
"Ich druck mir was Tolles aufs Shirt"-Phase, ich gebe es ja zu. Meine halbe Garderobe habe ich mit applizierten Flamingos und Songtexten dezimiert. Aber ich habe daraus gelernt! Wenn mich jetzt der kreative Wahn packt, nehme ich mir eine Axt und schlage auf Baeume ein, bis das Gefuehl vorbei ist. Klappt super.
Meine Mitmenschen koennen meine Abneigung gegen Eigenfabrikationen nicht nachvollziehen. Neuseelaender sind die Koenige der DIY-Kultur. Wenn es irgend moeglich ist, etwas selbst zu reparieren, zu verbessern oder herzustellen, dann machen sie das. Koste es noch so viel Zeit und Rumgefrickelei. Meistens geht es nicht mal darum, Kosten zu sparen, sondern bloss um den Spass am Experimentieren, Improvisieren und Konstruieren.
Es gibt da diesen Draht, den Number 8 Wire. Traditionell wurde er von Farmern dazu benutzt, Zaeune zu bauen, ist aber mittlerweile ein beruehmtes Stueck Kiwiana. Der Legende nach brauch ein Kiwi bloss ein Stueck Number 8 Wire, und er kann alles reparieren oder bauen, was das Herz begehrt. Macgyverismus scheint Neuseelaendern im Blut zu stecken. Ich kenne jemanden, der beim Kanufahren in einem wilden Fluss sein Paddel verlor und sich innerhalb weniger Sekunden aus einem Ast und seinem Turnschuh ein neues bastelte, das ihn nicht nur vor dem sicheren Tod rettete, sondern das er heute noch benutzt, weil es so toll funktioniert hat. Bei fast jedem Kiwi steht etwas im Haus rum, das man unmoeglich identifizieren kann, weil es etwa aus einem Waeschestaender, Kleiderbuegeln und Tesafilm zu bestehen scheint, bis der Eigentuemer sagt "Ach das, das ist meine selbstgebaute Weltraumantenne". Die Herausforderung scheint darin zu liegen, moeglichst nichts zu benutzen, das man erst noch kaufen muss, sondern sich nur mit dem Schrott zu behelfen, den man zu Hause rumstehen hat.
Eingfallsreichtum und die Liebe zum Frickeln zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten: Es gibt Modedesigner, die ihre teuren Stuecke als Naehset zum Selbermachen anbieten, fuer die Dame, die blossen Konsum einfach zu langweilig findet (die Chancen stehen gut, dass sie auf dem Weg nach Hause auch noch den Reifen wechseln kann). Im Baumarkt muss ich haeufig auf Horcrux-Suche gehen, denn vieles, das ich in Deutschland gerne als fertiges Stueck kaufe, ist hier auf fuenf verschiedene Gaenge verteilt, damit einem der Spass am Zusammensetzen nicht entgeht.
Sogar in meinem eigenen Haus macht sich der "Do it yourself"-Wahn bemerkbar: Zeldas Hundehuette haette ein schoenes, neues Haeuschen sein koennen, haette Jean nicht darauf bestanden, to do it himself; kein Wunder, dass der Hund keinen Fuss in die armselige Bretterbude mit Wellblechdach setzt - wahrscheinlich hat sie Angst, sie koennte ueber ihr zusammenbrechen. Als vor einiger Zeit die Idee aufkam, eine Bar in die Kueche einzubauen, war ich begeistert - bis ich das Ergebnis sah: die Tuer meines Kleiderschranks in der Horizontale, gestuetzt von einem Weinfass. "Wenn wir jetzt noch die Loecher von der Tuerklinke mit Moltoplast ausfuellen und das Ganze lackieren, sieht das toll rustikal aus!" Ich hatte zwei Moeglichkeiten: 1. Hysterischer Lachanfall. 2. Stummes Nicken. Ich entschied mich fuer Moeglichkeit 2.
"Do it yourself": Kreatives Ventil fuer Sparsamkeit und Genialitaet a la MacGyver, oder sinnloses Herumgewerke an Dingen, die andere besser koennen?
von Louisa von Reumont um 0:13
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Also ich denke, Zelda findet die Hundehütte ja ganz okay, da sie aber schon ein großes Hundehaus bewohnt, fragt sie sich jetzt bestimmt: "Wann wird es endlich soweit sein, wann ziehen die zwei denn endlich mal dort ein?" Quasi ein weiteres Missverständnis zwischen den Lebewesen dieser Zeit. Wie auch bei Toco-Dirk: ("Der Kapitalismus will, dass wir uns permanent selbst einbringen") häää?.. völliger Blädsinn! Der Kapitalismus will das wir das Gehirn abschalten, uns zurück legen und dann jeden Scheiß kaufen der uns über die Werbung sugariert wird. Kapitalismus heißt nicht selber machen, Kapitalismus heißt kaufen was das Zeug hält, wegwerfen wenn's nicht mehr gefällt um dann wieder zu kaufen was das Zeug hält! Ewiger kreislauf, hört nie auf, nur diesmal geht dabei die Erde drauf! :-( Denn der Kapitalismus wird auf Dauer diese Erde verschmutzen! Und alle do it yourself Freaks zusammen, werden es nicht schaffen sie wieder sauber zu putzen!!!
He, aber Dank Dir hab ich da jetzt eine sehr gute Idee! Gib allen Kiwis 100 Meter Nr. 8 Draht und die können dann die Erde ja wieder gerade biegen!? *grins*
LG.. Patrick
PS: Grüße an Jean, wenn er Deine Schranktür in die Hundehütte einbaut und das Weinfaß darauf stellt, dann habt Ihr für die nächste Garten-Party ein Pool-Haus (wenn er noch einen Pool baut)!? ;-)
MadMatt am 15.03.10 16:18
warum gibt es kein photo von der besagten "bar"; man könnte sich doch anregungen abholen...
und mit der do-it-yourself-idee verbindet sich, glaube ich, die illusion, etwas ganz eigenes, individuelles eben, zu realisieren. etwas, was außer dir niemand hat.
mir geht das immer so beim renovieren oder ausgestalten meiner wohnung oder beim nähen eines teiles meiner kleidung. frustrierend nur, dann in irgendwelchen gossip- oder lifestyle-blättchen etwas sehr ähnliches als "new look" oder "hot entry"" oder so zu sehen. schließlich ist niemand eine insel, das meiste fand vor umsetzung schon eingang ins erinnerungsvermögen.
trotz alledem: mach selbst, wenn du kannst und freu dich daran.
baumarkt queen am 16.03.10 22:16
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