2010 n.Chr. Ganz Deutschland versinkt in Fremdscham ob der
mangelnden Englisch-Kenntnisse seines EU-Kommissars. Ganz Deutschland? Nein! Eine kleine Splittergruppe von Emigranten arbeitet ueberall auf der Welt fleissig daran, Menschen in anderen Laendern ein positives Bild von Deutschland zu vermitteln. Ein Paradebeispiel sind etwa die mutigen Auswanderer aus Goodbye Deutschland, die ohne Ausnahme das Image des polyglotten (
"Sales is not so my fall"), wortgewandten und gut ausgebildeten Deutschen in die Welt tragen. Solche Menschen sind unsere wahren Botschafter: Sie sprechen super andere Sprachen,
waschen sich regelmaessig und schwaermen bescheiden, aber hartnaeckig von ihrem Heimatland (die Frage, warum zur Hoelle sie dann nicht mehr da leben, parieren sie gekonnt mit einem Hustenanfall oder dem Hinweis auf etwas Interessantes am Himmel).
Ich zum Beispiel. Ich will mich ja nicht selber loben - "Own praise does rarely good" - aber ich muss schon sagen, dass ich den Kiwis ein verdammt gutes Bild von Deutschland liefere (wenn ich sage "gut" meine ich natuerlich nicht "zutreffend", sondern vielmehr "gefaellig";
Dieter Bohlen verschweige ich grosszuegig, mit Heidi Klum und Goethe gebe ich dagegen staendig an). Ich baue subtile Komplimente an Deutschland in Gespraeche ein ("Daheim waere diese Baustelle mit Stacheldrahtzaun und 'Todesgefahr! Betreten verboten!'-Schildern abgesichert. Sind aber auch echt gefaehrlich, diese Schlagloecher"), hebe den einzigartigen deutschen Sinn fuer Mode hervor ("Nein Darling, das ist nicht von Balenciaga, sondern von einem total angesagten Laden in Berlin, 'Altkleidersammlung', kennt man hier nicht") und uebe mich im Namedropping ("Cascada sind uebrigens aus Bonn, da bin ich praktisch aufgewachsen"/"Die Beatles haben ja erst in Hamburg so richtig ihren Stil gefunden"/"Bruce Willis hat seinen Hang zur Action seinen deutschen Genen zu verdanken").
Auch was die Sprache angeht, bin ich ein tadelloses Vorbild. Ich spreche zwar mit Dialekt, aber offenbar nicht mit einem deutschen, sondern einem Kuddelmuddel aus englischen Akzenten. Viele Kiwis hoeren mir erst fasziniert zu, wenn ich was sage, und unterbrechen mich dann inmtten meines spannenden Monologs mit der Frage "Aus welchem Teil Irlands kommst du?" oder "Wann bist du aus Kanada weggezogen?" oder "Vermisst du Suedafrika?" Woraufhin ich meistens resigniert antworte "Killarney" oder "Schon als Baby" oder "Sehr, wenn bloss die Gewalt und AIDS nicht waeren". Fuer eine Neuseelaenderin haelt mich dagegen (noch) niemand, aber eben auch nie fuer deutsch. Und das, obwohl ich staendig deutsche Woerter in meine Saetze einbaue, fuer die mir keine gute Uebersetzung im Englischen einfaellt. "Ach so", "Quatsch", "genau", "eeecht?" - Ausdruecke dieser Art machen den Grossteil meines Wortschatzes aus, sind also schwierig zu ersetzen. Deshalb bringe ich sie mit missionarischem Eifer meinen neuseelaendischen Mitbuergern bei - mit maessigem Erfolg, "Prost" ist bisher das einzige Wort, das bei meinen bierseligen Freunden haengengeblieben ist.
Weil viele Kiwis deutsch fuer eine harsche, garstige Sprache halten, mache ich sie ausserdem gerne darauf aufmerksam, dass deutsch die englische Sprache laengst infiltriert hat, ohne dass es jemand gemerkt hat: "My doppelganger brought his angsty dachshund to kindergarten for a kaffeeklatsch and some foosball" ist ein voellig verstaendlicher englischer Satz, den wahrscheinlich Millionen Leute tagtaeglich genauso sagen.
Und was nun den Oettinger und sein Stammel-Englisch angeht: Can’t we all just get along? Es gibt doch nun wirklich Schlimmeres (
Gwyneth Paltrows Lifestyle-Tipps zum Beispiel). Jean-Paul Gaultier hat (falls moeglich) einen noch staerkeren Akzent als der EU-Kommissar, aber weil es bei ihm ein franzoesischer Akzent ist, finden wir es tres charmant und fantastique. Ist doch nicht fair! Das geht mir mit meinem Freund genauso: Wenn Jean anfaengt zu sprechen, und sei es ueber das Versagen der Kiwis beim Rugby (ein heikles Thema), schmelzen die Menschen in einem Umkreis von hundert Metern nur so dahin ("Ooooh, kannst du das nochmal sagen? Franzoesisch ist einfach die schoenste und romantischste Sprache der Welt. Willst du ein Bier? Tausend Dollar? Mich?").
Wenn ich dagegen in ausgefeiltem Englisch etwas beliebiges sage, etwa "Gott, ich liebe neuseelaendische Eiscreme, sie ist so sahnig und toll", kommt zu 90 Prozent die Antwort: "Yeah... So when are you going back to Ireland?"
von Louisa von Reumont um 6:17
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