Es ist wieder soweit. Der unangenehmste Teil meines "verlaengerten Urlaubs" in Neuseeland steht mir zum zweiten Mal bevor: Die Verlaengerung meines Visums, damit ich zwei weitere Jahre hierbleiben darf. Damit ich dieses Visum ausgestellt bekomme, muessen vorgelegt werden:
1. Eine 15-seitige Application for a work permit
2. Eine vierseitige Form for Partners Supporting Partnership-Based Temporary Entry Application
3. Ein 16-seitiges Medical and Chest X-Ray Certificate
4. Ausreichend Beweise, dass ich eine reale und stabile Beziehung mit meinem Freund habe
5. Ein polizeiliches Fuehrungszeugnis aus Deutschland.
Punkt vier und fuenf bereiten mir derzeit Kopfzerbrechen. Das polizeiliche Fuehrungszeugnis - also im Wesentlichen ein leeres Blatt Papier, schliesslich bin ich noch nie deliktig geworden - brauchte ich so schnell wie moeglich vom Bundesamt fuer Justiz. Also ueberwies ich noch am selben Tag die 13 Euro Bearbeitungsgebuehr, liess von einem entnervten Polizisten zwischen zwei Vermisstenanzeigen schnell meinen Personalausweis beglaubigen, und faxte alles an die zustaendige Behoerde. Aber die Muehlen der deutschen Buerokratie mahlen eben im Schneckentempo, und so konnte mir die gelangweilte Dame am Telefon nicht sagen, ob mein Fax ueberhaupt angekommen sei, und der Kollege M bis Z sei auch erst wieder am naechsten Tag da. Die Bearbeitung eines Fuehrungszeugnisses dauere ein bis zwei Wochen. Zwei Wochen! Fuer ein leeres Blatt Papier! Wahrscheinlich hat Kollege M bis Z nur eine halbe Stelle oder ist im Vaterschaftsschutz oder so. Anders kann ich mir sowas nicht erklaeren.
Die Tatsache, dass ich - schon wieder - glaubhaft beweisen muss, dass ich und Jean in einer echten Beziehung und nicht bloss im selben Sonnenstudio sind, nervt noch mehr. Da mein Visum aber von seinem abhaengig ist, fuehrt da kein Weg dran vorbei, das ist wie bei Green Card, nur dass ich Gerard Depardieu bin und Jean Andie MacDowell sein darf. Als Beweise gelten zum Beispiel eine Heiratsurkunde, die Geburtsurkunde eines gemeinsamen Kindes, Urkunden ueber gemeinsamen Grundbesitz oder gemeinsame Konten. Leider sind wir aber bloss ein unverheiratetes, kinderloses Paar, das in einem Mietshaus wohnt und seine Finanzen lieber seperat haelt (muss schliesslich niemand wissen, wenn ich mir ein 300-Dollar-Kleid leiste) - wie Millionen anderer Mittzwanziger auch.
Der Einwanderungsbehoerde reicht das aber nicht, sie will mehr als nur ein paar alte Fotos vom vorletzten Jahr. Also warf ich meinen Sinn fuer Privatsphaere ueber Bord und kopierte saemtliche Fotos mit uns beiden drauf, die ich in zwei Jahren gemacht habe (ausser denen mit zu vielen Flaschen Wein drauf - was erstaunlich oft der Fall war): die vom Ponyreiten; die von meinem Geburtstag; die beim Planschen im Pool; und auch die im Bademantel vorm Badezimmerspiegel im Hotel. Insgesamt etwa 60 Momente des Gluecks, die ich selbstverstaendlich schrecklich gerne mit irgendeinem wildfremden Beamten teile - der soll ja schliesslich auch Spass an seinem Job haben. Zusaetzlich waren ein paar Freunde und Bekannte so nett, schwelgerische Briefe ueber die Tiefe und Wahrhaftigkeit unserer Beziehung zu schreiben ("I have watched their romance blossom and had the pleasure to see them set up home together" - Rosamunde Pilcher haette es nicht besser formulieren koennnen). Das ist jedoch auch schon alles, was ich an Beweisen aufbringen kann, sorry. Bin ja schliesslich nicht Sherlock Holmes. Naechstes Mal weise ich dann wohl besser ein Baby vor, sonst fragt sich die neuseelaendische Einwanderungsbehoerde noch, wann aus der bluehenden Romanze denn endlich mal was Konkretes wird. Es ist schon komisch, wenn man in dem Land, in dem man lebt, nur ein geduldeter Gast ist, der im Zweifelsfall rausgeschmissen werden kann.
Aber was nuetzt das Jammern? Es koennte ja viel schlimmer sein. Wenigstens werde ich als Auslaenderin herzlich von den Kiwis aufgenommen und immer mehr als eine der ihren akzeptiert, waehrend sie gleichzeitig sehr neugierig und aufgeschlossen gegenueber Europa sind - die freundliche Frage, was mich nach Neuseeland verschlagen hat, bekomme ich immer noch fast taeglich gestellt. Das Groebste, was ich mir in Hinsicht auf meine fremde Herkunft jemals anhoeren musste, war die Frage, aus welchem Teil Irlands ich bin (abgesehen von dem sporadischen Hitlerwitz, aber das ist eher als Initiationsritus zu verstehen, bei dem man seinen Humor unter Beweis stellen muss). Ich werde nicht benachteiligt, ich werde nicht beschimpft, ich werde nicht vergrault. Auch eine neue Studie des englischen Instituts Legatum (ach, ich liebe Studien!) sagt, dass
ueber 90 Prozent der Kiwis finden, ihr Land sei ein guter Ort fuer Migranten und ethnische Minderheiten.
In Deutschland sagen das immerhin noch fast 80 Prozent (
laut der Studie). Da fragt man sich, ob die ueber sieben Millionen Auslaender in Deutschland auch gefragt wurden. Wenn ich mir die Rezension der Doku
"Schwarz auf Weiss" durchlese, die gerade im Kino laeuft, ueberkommt mich eher das Grausen (und nicht nur wegen der schlechten afrikanischen Verkleidung des Undercover-Journalisten Guenter Wallraff). Von Toleranz, Hilfsbereitschaft oder gar Neugierde auf die Herkunft anderer scheint da ueberhaupt keine Spur zu sein. Es sieht eher so aus, als seien, wenn sie sich unbeobachtet fuehlen, immer noch viel zu viele Menschen engstirnig, vorurteilsbehaftet, und schlicht - fremdenfeindlich.
Auch Xavier Naidoo kann davon ein Liedchen singen, und hat das auch gemacht: Im Video zu
"Alles kann anders werden" sieht man, wie Skinheads einen Mann verpruegeln - Aehnliches ist Xavier, der als Kind wegen seiner Herkunft geschlagen und beschimpft wurde, ebenfalls schon passiert.
Bleibt nur zu hoffen, dass die 80 Prozent der Bevoelkerung, die Deutschland fuer einen super Ort fuer Einwanderer halten, dafuer sorgen, dass das auch tatsaechlich so wird. Schliesslich weiss man nie, ob man nicht selber mal irgendwo zum Einwanderer wird - geht manchmal schneller, als man denkt.
von Louisa von Reumont um 8:03
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...aber schatzi, ich denke, du bist verlobt. zeig denen einfach deinen verlobungsring; bei dem prachtstück müssen selbst behörden glauben, das es ernst ist.
reggi am 28.10.09 15:41
starker beitrag!
peter enis am 29.10.09 0:45
Oh je, Papierkrieg für Fortgeschrittene ... Hoffentlich wird's irgendwann mal Permanent Residency, dann seid ihr's ein für allemal los.
Ultru am 29.10.09 7:55
Ich drücke jedenfalls die Daumen und die Fotos kannst du mir auch mal schicken:-)Ach und den prachtvollen Ring durfte ich auch noch nciht bewundern...
Drei??? am 2.11.09 15:28
Ich habe den Ring auch noch nicht gesehen :-(
Ach und was war das mit Pony reiten?! Liesel auf'm Pferd, ich kanns nicht glauben....
koorki am 7.11.09 17:52
Wie bitte, ich habe bereits mit fuenf auf einem Dressurpony Kunststuecke vollbracht! Unverschaemtheit.
Louisa am 9.11.09 5:49
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