Die armen Mode-Designer - derzeit koennen sie es uns aber auch einfach nicht rechtmachen. Erst zieht Karl Lagerfeld ueber
Chips essende Muttis her und damit den Hass der Welt auf sich, und jetzt beuten die Geier der Modeindustrie ausser krankenden Magermodels auch noch
arglose Obdachlose aus.
Natuerlich ist
"Homeless Chic" - also das wahllose Ueberwerfen von Schals, Parkas, ausgeleierten Pullis, Wollmuetzen und allem Loechrigen - an sich total kalter Kaffee. Ich mach das schon seit Jahren so (aus finanziellen Gruenden, aber darauf kommt es ja nicht an). Und auch die Designer selbst wissen natuerlich genau, das der "Clochard-Look" schon seit Jahren immer mal wieder die Runde macht (siehe Otto, Pete Doherty und die Vogelscheuche aus Der Zauberer von Oz). Das einzig Neue ist, dass sie diesmal die Leute, bei denen sie abgeguckt haben, gleich mit auf den Laufsteg schicken.
Kostentechnisch ist das natuerlich super-sinnvoll: Statt millionenschwerer Mannequins, die sich fuer weniger als 10.000 Tacken gar nicht erst vom Designer-Futon erheben, freuen sich diese Models schon, wenn man ihnen nach der Show einen Kaffee ausgibt (klingt uebrigens verdaechtig nach einer neuen Folge von
Mein neues Leben XXS). Und Aufsehen und Skandale - die besten Garanten fuer viel, viel Presse - sind gratis mit im Paket. Koennte doch gar nicht besser laufen! Es ist ja nicht so, als wuerden sich die Modeschoepfer nicht dringend wuenschen, dass wir uns ueber sie echauffieren - Provokation ist schliesslich das Einzige, was den Armen noch bleibt, jetzt wo jeder nur vorstellbare Trend mindestens zweimal neu interpretiert, revivalt, recycelt und wiederaufgelegt wurde. In Zeiten, in denen Jean Paul Gaultier Evian-Flaschen und Karl Lagerfeld Teddybaeren entwerfen muessen, um ueber die Runden zu kommen, macht man eben, was man kann, um im Gespraech zu bleiben. So ein Champs-Elysees-Palast will ja auch finanziert werden.
Und von Ausbeutung kann auch keine Rede sein: Schliesslich werden die wohnungslosen Models gar nicht erst bezahlt und haben somit keinen zwingenden Grund, beim Schaulaufen mitzumachen. Ausser natuerlich, um
"ein schoenes Erlebnis" zu haben. Und wer, der keinen Job und keine Bleibe hat, wuerde von 500 Champagner-trinkenden Menschen in Armani begutachtet zu werden nicht als schoenes Erlebnis empfinden? Ach, und die Klamotten im "Obdachlosen-Style", die sie auf dem Laufsteg praesentieren, kriegen die Obdachlosen auch geschenkt. Danach leben sie also immer noch auf der Strasse und tragen Lumpen - aber wenigstens sind es Designer-Lumpen. Wie authentisch!
Auch unsere Lieblings-Bademeisterin Pamela Anderson beging vor kurzem einen Fashion-Faux-Pas. Bevor ihr anfangt, zu gaehnen: Sie war diesmal als Designerin taetig, nicht als Traegerin unmoeglicher Stretch-Fummel. Das Beachbabe machte vor ein paar Wochen Neuseeland seine Aufwartung, um bei der New Zealand Fashion Week seine neue Modelinie A*Muse - weltexlusiv!!!!! - vorzustellen. Es handelte sich (Ueberraschung!) groesstenteils um Beachwear, ein paar durchscheinende Kleidchen, Bikinis, Tanktops und so Zeugs. Nichts, fuer das ich mein Taschengeld sparen wuerde.
Pam nun schickte zwar keine Obdachlosen auf den Laufsteg, machte aber ein aehnlich irregeleitetes politisches Statement: Die ueberzeugte Vegetarierin und PETA-Mitglied wetterte gegen die Benutzung von Pelz in der Modeindustrie und zeigte Sonnenbrillen, die mit dem Spruch "I love Possum" bedruckt waren. Offenbar hatte Pam in ihrem Eifer uebersehen, dass Possums in Neuseeland eine absolute Pest sind, die das Oekosystem bedroht, dass jeder patriotische Kiwi mit Freuden aufs Gas drueckt, wenn er ein Possum auf der Strasse sieht und dass mancherorts gar Possum-Burger auf der Speisekarte stehen. Insofern erinnerte ihre Sonnenbrillenaktion eher an eine McDonalds-Kampagne ("Ich liebe es") als ein Statement gegen Tiermisshandlung.
Ich persoenlich werde mich diesen Sommer allen Trends verweigern - ich werde weder den "Homeless Chic", noch Pam's Klamotten und auch kein Possum tragen. Stattdessen werde ich einen neuen Trend kreieren und in alten Petticoat-Unterkleidern meiner Mama flanieren gehen - ich nenne es den "Forgot-My-Clothes-Chic".
von Louisa von Reumont um 6:38
Permalink
ich habe ein entsetzlich schlechtes gewissen! jarelang dachte ich, daß das von mir gezahlte taschengeld auch für deine kleidung ausgereicht hätte; oder daß deine leger-gewagten stilmixes etwas mit deiner neigung, etwas ganz eigenes zu kreieren, zu tun hätte.
erst jetzt wurde mir klar, daß du jahrelang an deiner kleidung sparen mußtest. vermutlich haben dich auch alle mitschüler am gymnasium, die ja bekanntlich besonders versnobt sind, mitleidig von der seite angesehen.
aber ein gutes hat die sache; bezieher von hartz IV bekommen für ihre kinder bis 12 jahren 20 € im monat für kleidung und schuhe, damit könntest du dich fully fashioned anziehen.
ein hoch auf die sparsamkeit.
mama am 22.10.09 12:32
Guten Morgen Louisa,
alles Gute zum Geburtstag!
Gruß Jörg
Joerg am 23.10.09 7:48
Zum Anfang dieses Eintrags
Zum SeitenanfangPermanente URL dieser Seite: http://www.wdrblog.de/einslivereise/archives/2009/10/20/
Der WDR ist nicht für Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.