Voellig nichtsahnend schlenderte ich heute Morgen zur Arbeit. Es war ein sonniger Tag, die Voegel zwitscherten und das Meer glitzerte. Napier ist so ein Ort, in dem man sich immer fuehlt, als waere man im Urlaub: Die Innenstadt ist mit Palmen bepflanzt, das Wetter ist meistens toll, und der Strand ist nur 300 Meter vom Stadtkern entfernt. Ich schloss also wonnevoll die Tuer des Klamottenladens auf, in dem ich arbeite, als ploetzlich Noreen vom Schuhgeschaeft nebenan vor mir stand und mich mit aufgerissenen Augen und hektischen Flecken auf den Wangen fragte: "Bleibst du oder machst du dicht?!" "Hae?", fragte ich scharfsinnig. Noreen ist so jemand, der schon in normalem Zustand etwas gruselig aussieht: hager, fahle Haut, meistens mit Lippenstift auf den Zaehnen. Mit Panik im Blick sah sie definitiv noch gruseliger aus. "Na der
Tsunami!", rief sie, "Seebeben, Samoa, etliche Tote, eightpointsomething, Radio, Evakuierung, was tun, Geschaefte zu!"
Ich guckte mich um. Durch meine extragetoente Sonnenbrille hatte ich gar nicht gesehen, dass drei Viertel aller Geschaefte geschlossen und kaum ein Fussgaenger auf der Strasse war. Saemtliche Mitarbeiter der noch offenen Laeden standen auf dem Buergersteig herum, kratzten sich am Kopf und spaehten in Richtung Strandpromenade, wo orangefarbene Barrikaden und Saecke aufgeschichtet wurden. Von dem freundlichen Herren, der ein paar Haeuser weiter ein Fussmatten-Geschaeft betreibt, erfuhr ich mehr: Frueh am Morgen hatte ein Seebeben bei Samoa einen Tsunami verursacht, der kolossalen Schaden in dem kleinen Inselstaat anrichtete und bis zu hundert Menschen das Leben kostete. Seitdem breite sich die Welle immer weiter aus, komme geradewegs auf Neuseeland zu und werde um 10.40 Uhr in Napier erwartet. "Also in zehn Minuten."
Oh, dachte ich sinnigerweise. Kein Wunder, dass Noreen heute so zittert. Da ich noch nie in einer Tsunami-gefaehrdeten Region war, war mir nicht ganz klar, was ich tun sollte. Ich wog die Alternativen ab: alle Klamotten auf den Dachboden bringen (geschaeftssinnige Strategie)? Mich auf den naechsten Huegel retten (vorsorgliche Strategie)? So tun, als wenn nichts waere, bis die Gefahr vorbei ist (verdraengende Strategie)? Meine Familie anrufen und Abschied nehmen (emotionale Srategie)?
Ich beschloss, erstmal naehere Informationen einzuholen. Der schneidige Typ von Barkers Menswear hatte mit der Polizei gesprochen, die ungefaehr folgendes verlauten liess: "Bleibt, wo ihr seid. Die Welle ist eh nur einen Meter hoch, und obendrauf herrscht Ebbe. Risiko ist gering. Wir holen euch dann, wenn's doch brenzlig wird. Guten Tag." Na, wenn das kein Antiklimax ist. Es wurde 10.35 Uhr, 10.40 Uhr, 10.45 Uhr, und keine Welle kam.
Ich muss zugeben, ich fuehlte mich ein bisschen betrogen (und gleichzeitig sehr schaebig). Ebenso wie die dutzenden Surfer, die sich ganz Point-Break-maessig am Strand versammelt hatten, um "die perfekte Welle" zu reiten - die dann bloss selig glucksend ans Ufer wogte. Fuer Samoa allerdings wird die Katastrophe bittere Folgen haben: Aehnlich wie in Thailand, das 2004 von einem Tsunami getroffen wurde, ist der Inselstaat auf Touristen angewiesen. Die kommen ueberwiegend aus Neuseeland, das nur drei Flugstunden entfernt liegt - ob sich Samoa schnell von den Schaeden erholt, haengt also auch an den Kiwis und ihrer Bereitschaft, dort Urlaub zu machen. Auf der anderen Seite sind die Suedhalbkugler an Erdbeben, Tsunamis und anderen Katastrophen einiges gewohnt. Bei Geschaeftsschluss war jedenfalls wieder alles business as usual und die Innenstadt voll mit unbesorgten Menschen - "irgendwann wird's uns auch erwischen", versicherte mir der Fussmattenmann achselzuckend. Au backe. Das ist zu viel Fatalismus fuer einen Tag - ich brauche jetzt dringend einen Kakao.
von Louisa von Reumont um 10:05
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