Ich muss mir jetzt mal selbst widersprechen. Vor kurzem noch fand ich das Wahl-Brimborium in Deutschland
herzlich irrelevant fuer meine persoenliche Situation in Neuseeland - zu weit weg etc. Dann habe ich aber doch mal einen Blick auf das Ergebnis des
1LIVE Kanzlerchecks geworfen, und, heureka! mir fiel auf, dass meine beiden Laender total praktische Sachen voneinander lernen koennen:
Stichwort Komasaufen zum Beispiel. Zu der Tatsache, dass offenbar immer noch zu viele junge Leute auf Partys an der Vodkaflasche nuckeln, als waere es Muttermilch, konnte Angela Merkel ausser
"Diskussionsrunden und Erlebnisberichten" keinen richtig dollen Loesungsvorschlag beitragen. Muss sie auch gar nicht. Man braucht einfach bloss nach Neuseeland zu schauen und sich ein Beispiel an den Kiwis nehmen. Nicht, dass die am Wochenende nichts trinken wuerden; binge drinking gehoert hier sowohl fuer Jugendliche als auch Erwachsene zu einer erfolgreichen Party fast schon dazu (nicht umsonst wandert halb Neuseeland jedes Jahr fuer die Dauer des Oktoberfests nach Muenchen aus). Aber man geht das Trinken schlauer an: Zunaechst mal faengt man so frueh wie moeglich damit an, so dass man um sieben Uhr abends so erledigt ist, dass man sich ein Taxi nach Hause ruft und schlafen geht. Ein typisches Kiwi-BBQ beginnt so gegen Mittag und endet spaetestens um neun, weil dann ganz einfach alle zu betrunken sind, um noch weiterzufeiern. Das ist vor allem dann praktisch, wenn man am naechsten Tag arbeiten muss: Man kriegt trozdem noch seine acht Stunden Schlaf und ist am Morgen danach huebsch aufgeraeumt und ausgeschlafen - trotz Komasaufen! Keine am Strassenrand verbrachte Nacht, kein Magenauspumpen im Krankenhaus, keine boesen Ueberraschungen. Das Zweite, das die Kiwis beim Trinken richtig machen: Sie essen zwischendurch was. Meine These ist, dass BBQs ueberhaupt nur erfunden wurden, um Alkoholkonsum 1. ertraeglicher und 2. sozial vertretbarer zu machen, weil man immerhin eine Basis im Magen schafft (bestehend aus leckeren Schweinerippchen etwa) und nebenbei noch Leute kennen lernt. Da kann doch keiner was dagegen haben! Also, liebe Komasaeufer: Statt erst Samstagabend im Club anzufangen, trinkt ruhig schon mittags beim Grillfest. Die Kiwis wissen, was sie tun.
Wovon sie jedoch noch nicht soviel Ahnung haben, ist Atomkraft. Bei diesem heissen Wahlkampfthema koennen die Neuseelaender wiederum von Deutschland lernen. Also, irgendwann mal. Wenn sie ein Atomkraftwerk ueberhaupt mal gebaut haben und es dann wieder loswerden wollen. Waehrend naemlich in Deutschland wie wild ueber den Ausstieg aus der Kernkraftenergie debattiert wird, ueberlegt man hier gerade, ob man nicht einsteigen sollte. Bisher wurden ueber 70 Prozent des Bedarfs durch erneuerbare Energien wie Wasserkraft gedeckt, und auch Solar- und Windenergie sind auf dem Vormarsch. Bloss etwa 20 Prozent des Elektrizitaetsbedarfs wird durch die Verbrennung von Erdgas gedeckt. Aber ach, wir duersten nach mehr und schluerfen Strom wie alle anderen auch, und so besteht der Vorschlag, einen netten, kleinen Reaktor fuer Neuseeland zu bauen. Die Tatsache, dass oefters mal Erdbeben die beiden Inseln zum Wackeln bringen, macht das Ganze vermutlich nicht leicht, aber irgendwomit muessen wir ja unsere Heimkinoanlage unterhalten. Fuer den Fall, dass sich Neuseeland also irgendwann ueber die Endlagerung von Atommuell Gedanken machen muss, kann es sich dann getrost was von Deutschland abgucken - bis dahin wird sich hoffentlich jemand was Tolles ausgedacht haben.
Und noch ein Wahlkampfthema ist interessant fuer Neuseeland. Als sich im Kanzlercheck ein Hoerer ueber die Situation in Ostdeutschland beschwerte - weniger Lohn, schlechter Personennahverkehr, mittelalterliche Internetverbindungen - da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Das klingt ja wie hier! (Nicht, dass ich Neuseeland nicht innig lieben wuerde - versteht mich nicht falsch.) "Wann bekommt ganz Ostdeutschland endlich DSL?", wollte jemand wissen. Die Frage habe ich mir fuer Neuseeland auch schon gestellt, als ich vor zwei Jahren in der oeffentlichen Bibliothek in Lawrence, Central Otago, an einem klapperigen Rechner sass und darauf wartete, dass sich das verfluchte Modem endlich erfolgreich ins Internet einwaehlte, damit ich einen Blogeintrag schreiben konnte. Auch von schlechter Bezahlung kann ich als ehemalige Rucksackreisende ein Liedchen singen: Der Mindestlohn in Neuseeland liegt umgerechnet bei 6,04 Euro, das liegt noch 80 Cent unter dem, was man im Osten bekommt, wenn man
Gebaeude reinigt. Und vom public transport habe ich genug, seit ich taeglich in einem Bus zur Arbeit fahren musste, der fuer 20 Kilometer mehr als eine Stunde brauchte. Ich werde also ganz genau aufpassen, was die neue (oder alte) Regierung diesbezueglich so verzapft. Vielleicht laesst sich da ein tolles Modell oder dergleichen nach Neuseeland exportieren.
Super: Wieder was fuer interkulturelle Verstaendigung getan!
von Louisa von Reumont um 10:30
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I love the first pic, they seems to have so much fun!!
JV am 7.10.09 3:04
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