Ich will euch ja nicht den Spass vermiesen. Ich weiss ja, dass ihr zur Zeit alle in Badehosen und Bikinis im Eissalon oder am Baggersee sitzt, schoen braun werdet, euch die Schweissperlen abtupft und euch des Lebens freut. Ich freue mich ja mit euch. Echt! So ein Charakterschwein, dass ich euch den heissesten Tag des Jahres neide, bloss weil ich hier in meinen langen Omma-Buxen und kratzigen Wollsocken auf dem Boden eines neuseelaender Miethauses hocke und den Heizkoerper umarme, bin ich nun wirklich nicht. Und dass nach langen Monaten des Winters meine Haut ausgetrocknet, meine Haare stumpf und mein Koerper weiss wie ein Gespenst ist - ach, da stehe ich doch voellig drueber.
Aber eines sollte euch klar sein, meine braungebrannten Freunde: Jetzt, da der Hoehepunkt des Sommers im Sektor erreicht ist, wird es bergab gehen. Das haben Hoehepunkte so an sich: Danach ist Schluss. Bald ist September, da werden die ersten Lebkuchen und Zimtsterne verkauft. Die Tage werden kuerzer, die Abende kaelter, und bald schon koennt ihr nicht mehr ohne Jacke und feste Schuhe vor die Tuer gehen. Freibad? Freiluftkino? Nix da. Die Stromrechungen werden in die Hoehe schnellen, das Fahrrad wird durch's Auto und das Spaghettitraegertop durch den Rolli ersetzt. Der Herbst - und somit der Winter! - ist nur noch ein paar Wochen davon entfernt, euch das Leben zur Hoelle zu machen. Hoert auf meine Worte!
Ich weiss, wovon ich rede, schliesslich habe ich das ganze Theater gerade erst hinter mich gebracht. Der Kiwi-Winter 2009 war aber auch ein gemeiner Drecksack - und hat mich einiges gekostet:
- Geld: Da Kiwis die abgehaertesten Leute der Welt sind, kommen sie gar nicht auf die Idee, ihre Haeuser mit Heizeinrichtungen auszustatten; warum auch? Wer so sehr in denial ist, dass er mitten im Winter immer noch barfuss und in Shorts unterwegs ist, zieht sich drinnen halt Socken an und gut ist. An uns verwoehnte Europaeer, die wir mit Zentral- und Fussbodenheizung aufgewachsen sind, denkt niemand. Und so geben wir ein Vermoegen fuer total ineffizienten Scheiss wie Oelheizer und stinkende Gaszylinder aus, die ausserhalb eines 1-m-Radius' keinen Schneemann zum Schmelzen bringen koennten. Auch Investitionen in vorsintflutlichen Krimskrams wie Thermal-Unterwaesche und Heizdecken helfen nur begrenzt, wenn man nicht den ganzen Tag im Bett verbringen und aussehen will wie die Oma, deren Lifestyle man sich angeeignet hat. Der gute alte Kamin (ihr erinnert euch: Holz? Feuer?) stirbt leider auch langsam aus, was mit Feuerschutz- und Gesundheitsrisiken zu tun hat, obwohl er noch vergleichsweise guenstig zu betreiben ist - vor allem, wenn man sein Holz am Strand zusammenklaubt oder einen Kettensaegenausflug in den Wald macht. Schande.
- Nerven: Oben genanntes Defizit an Waerme fuehrte nicht nur zu Geldmangel, sondern ruettelte auch an meiner Gesundheit: Eine qualvolle Blasenentzuendung (meine erste!) fuehrte zu einer qualvollen Nierenentzuengung, die wiederum in Kombination mit vorzeitigem Sonnenuntergang und saisonaler Untaetigkeit einen argen Fall von Winter-Blues nach sich zog. Dinge wie "Ich geh zurueck nach Europa", "Womit habe ich das verdient" und "Ich wuenschte, ich waere tot" musste sich mein Freund in dieser Zeit oefters von mir anhoeren. Er nahm mich dann mit ins Ocean Spa in Napier, wo wir im Whirlpool dampften, die Sterne anguckten und uns von den Strapazen des Winters erholten. Das half ein bisschen.
- Hirnzellen: Noch besser half allerdings Gluehwein. Von heimeligen Erinnerungen an letztes Weihnachten getrieben, das ich mit meiner Familie in Berlin verbracht hatte, brachte ich Jean dazu, mir einen Riesentopf mit Gluehwein zu kochen, den er in handliche Flaschen abfuellte. Dass es Mitte Juli war, machte nichts, denn es fuehlte sich original wie Dezember an. Zu diesen Flaschen griff ich immer dann, wenn es galt, dem Winter-Blues Einhalt zu gebieten. Oder wenn mir kalt war. Oder ich den Geist aller bisherigen Weihnachten heraufbeschwoeren wollte. Oder nichts anderes im Kuehlschrank war.
Es zeichnet sich mittlerweile zum Glueck, bevor ich noch Alkoholiker oder depressiv werde, ein Silberstreifen am Horizont ab: So langsam erbluehen hier in Neuseeland die Baeume, erwachen zaghaft die Fruehlingshormone und wird in Boutiquen Platz gemacht fuer Spring/Summer 09/10 (zarte Blumenmuster und Retro-Seidenkleidchen mit Spitze). Auch meine erste offizielle Fruehlingstat habe ich schon begangen: Das Aufstellen eines Badminton-Netzes im Garten. Leider hat es Jean nach der ersten Traingsstunde "versehentlich" mit dem Auto umgeknockt (da kann wohl jemand nicht verlieren). Aber das wird schon! Los, Fruehling, lass endlich dein bloedes Band flattern!
Geniesst euren heissen Tag, liebe schwitzende Sektorianer. Geniesst es, solange ihr noch koennt.
(Haemisches Gackern, Abgang)
von Louisa von Reumont um 8:34
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Würd ich den Herbst/Winter so wie du sehen, wäre mir jetzt "angst und bange".
Also, freu dich auf deinen Frühling/Sommer, ich mich auf unsere Kalte Jahreszeit, nur durch sie kann man sich doch so richtig auf die schöne Zeit freuen.
Vielleicht schaffe ich es ja mal dem Winter hier zu entfliehen und ins Sommerliche Neuseeland zu reisen
Markus am 24.08.09 16:42
Lieber Markus, das solltest du!
Louisa am 27.08.09 9:32
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