Neulich - es war auf einer Parkbank - fragte mich jemand: "Gibt es eigentlich noch einen Kaiser in Deutschland?" Wirklich?! fragte ich mich, nicht zum ersten Mal. Wissen die Menschen hier echt so wenig ueber Deutschland? Haben sie einen Funken Ahnung, welch geschichtstraechtige Dinge im letzten Jahrhundert in Deutschland passiert sind? Das galt es zu untersuchen. Ich rief ein Gremium aus (halbwegs) waschechten Kiwis zusammen und konfrontierte sie ueber Lammbraten und Kartoffelgratin mit dem knallharten Quiz
"Was wisst ihr ueber den Ost-Sektor?" Wieviel Ahnung wuerden die Neuseelaender von deutsch-deutscher Geschichte haben, und was fuer ein Bild haben sie von Deutschland?
Die Experten:
Brendan faehrt wahlweise kleine Kinder zur Schule oder Touristen in aller Welt zu Attraktionen. Er sieht aus wie ein sehr gemeiner Tuersteher, ist aber ganz lieb. Als weitgereister Globetrotter muesste er ein bisschen was mitbekommen haben von Deutschland. Oder?
Gareth organisiert Gourmet- und Weintouren in Hawkes Bay, weil er Weintrinken und Essen besser fand als seine eigentliche Profession, Anwalt. Seine Guertellinie hat darunter ein wenig gelitten, seine Reiselust nicht. Berlin ist eine seiner Lieblingsstaedte. Wie wird er beim Quiz abschneiden?
Jean ist, zugegeben, kein echter Kiwi. Fuenf exzessiv verbrachte Jahre in Neuseeland machen den franzoesischen Koch allerdings zu einem So-gut-wie-Kiwi. Das haben ihm auch seine neuseelaendischen Freunde bescheinigt, nachdem sie ihn fruehmorgens mit einer Bratpfanne behaengt einen enormen Berg hochscheuchten. Ob ihn seine Beziehung mit einer Deutschen zu einem Profi in Sachen Deutschland macht?
Zunaechst wollte geklaert werden, was unsere drei Jungs allgemein mit Deutschland verbinden - immerhin waren sie alle schon mal da, duerften also genug eigene Eindruecke gesammelt haben, um die ueblichen Klischees zu vermeiden. Glaubte ich zumindest, und fragte nach den ersten fuenf Dingen, die ihnen einfallen, wenn sie an Deutschland denken.
Brendan: "Bier, Lederhosen, Fraeuleins, Sauerkraut, der Rhein."
Gareth: "Hitler, Bier, Autos, Fussball, Pornographie."
Jean: "Sauerkraut, Bier, Kartoffeln, Bayern, Hitler."
Aha - von wegen Vermeidung von Klischees. Bier, Sauerkraut und Hitler, das sind wir fuer die Kiwis. Na prima. Was die Pornographie in der Aufzaehlung zu suchen hat, ist mir allerdings ein Raetsel. Aber ich kenne ja Gareths Filmgeschmack nicht. Nun auf zum Quiz! Mal sehen, was das Kiwi-Gremium in Sachen Geschichte drauf hat.
Erste Erkenntnis des Tests: Ueber die Eckdaten der DDR wissen unsere drei Neuseelaender schon mal bescheid. Immerhin war klar, was mit mit GDR ueberhaupt gemeint ist (das Quiz wurde aus einleuchtenden Gruenden auf englisch gefuehrt) und dass die Mauer nicht mehr steht, war auch bekannt. Puh! Auch bei der Frage nach dem Gruendungsjahr der DDR haute keiner so richtig daneben (wisst ihr's etwa aus dem Kopf?), und selbst die Symbole auf der Flagge konnten die Jungs aufzaehlen, obwohl Brendan den Bundesadler noch zu Hammer und Sichel mit drauf quetschte - ganz im Geiste der Wiedervereinigung vielleicht. Den Namen der nationalen Partei hatte er allerdings wesentlich musikalischer in Erinnerung als das Original - seiner Ansicht nach hiess die Partei POP - Peoples' Oppressive Party. Gareth und Jean spielten ein wenig mit den Begriffen "demokratisch" (hm?) und "kommunistisch" herum, bevor sie aufgaben.
Von Walter Ulbricht hatte man weniger Ahnung, weshalb die Frage nach dem Mann hinter den Worten "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten" mit "Chruschtschow" (Jean), "Stalin" (Gareth) und "Roger Waters" (Brendan) beantwortet wurde. Ulbricht ist in Neuseeland halt nur "another brick in the wall". Die Freie Deutsche Jugend war ebenfalls kein Begriff, wobei "Children of the Corn", "Baby Commos" oder auch "Stalins Little Darlings" sehr annehmbare Alternativvorschlaege fuer die Jugendorganisation der DDR sind, finde ich. Noch mehr Fantasie setzte die Frage frei, wer oder was denn der beruehmte Trabi sei, auf dessen Lieferung fast jeder Buerger sehnlichst wartete: Brendan fragte unschuldig, ob es sich um eine AK47 handele, Gareth schlug, ganz Kiwi-Syle, ein Tier zum Braten vor - Kuh, Schaf etc. Erstaunliche Treffsicherheit bewiesen die Jungs bei der Beurteilung sozialistischer Mentalitaet, als die Frage nach dem Prozentsatz der arbeitenden Frauen in der DDR aufkam. Gareth und Jean lagen mit 85 und 95 Prozent ganz nah dran (richtig ist 90 Prozent), nur Brendan war mit fuenf Prozent etwas ab vom Schuss. Seine Rechtfertigung, "Frauen gehoeren in die Kueche", bitte ich zu entschuldigen und muss, wie alle boesen Dinge, dem Wein zugeschrieben werden, der an diesem Abend floss.
Als letzten Teil dieser kleinen Untersuchung bat ich die Mitglieder des Kiwi-Gremiums um ihren liebsten Satz auf deutsch. Das Ergebnis ist einigermassen verstoerend:
"Achtung, Achtung, Flakalarm!" (Jeans zaertliche Erinnerung an zahlreiche Kriegsfilme)
"Das ist verboten!" (Gareths zaertliche Erinnerung an Urlaub in Deutschland; oder einen seiner deutschen Pornofilme)
"Wo bist du denn, mein Schaetzele?" (Brendans zaertliche Erinnerung an seine deutsche Patentante)
Fazit: Unser Kiwi-Gremium beherrscht die Grundlagen, um Deutschland zu verstehen. Sie tun es dennoch nur begrenzt. Ein wenig Herumstoebern im Geschichtsbuch duerfte die Sache kitten. Das Wichtigste aber: Die Jungs scheinen Deutschland zu moegen, es sogar lustig zu finden. Und das passiert nun wirklich nicht so oft, oder? Daumen hoch, Kiwi-Gremium!
von Louisa von Reumont um 12:32
Permalink
Dem Pornographie-Klischee bin ich auch schon begegnet. Ich habe 3 Semester in Nordschweden studiert. Bei entsprechndem Alkoholpegel sprachen mir einige Schweden Anerkennung für "German-Nature-Movies" aus, die mir leider völlig unbekannt sind.
Einmal traf ich in Schweden einen Pakistani, der mich fragte, ob ich ihm nicht eine berühmte evtl. historische Person aus Deutschland nennen könnte. Er hoffte, vielleicht doch jemanden zu kennen. Ich dachte zuerst an die üblichen Verdächtigen, beschloss aber, dass Schiller und Goethe höchstwahrscheinlich nicht bis nach Pakistan vorgedrungen sind. Um das Gespräch in Gang zu halten schlug ich also resigniert vor:
"You know Hitler."
Der Pakistani überlegte angestrengt, aber hilflos. Doch dann plötzlich glänzten seine Augen und er antwortete:
"No, sorry, I don't. But do you know Gina Wild?"
"No, sorry, I don't."
True story
Markus am 29.07.09 15:25
Zum Anfang dieses Eintrags
Zum SeitenanfangPermanente URL dieser Seite: http://www.wdrblog.de/einslivereise/archives/2009/07/28/
Der WDR ist nicht für Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.