"Zeig mir deine
TV-Shows, und ich sag dir, wer du bist", sagte eine weise Person einmal. Wenn das stimmt, sieht es allerdings finster fuer Deutschland aus: Die hoechsten
Einschaltquoten letzte Woche hatte... na, wollt ihr mal raten? Eine Doku auf arte vielleicht? Die Tagesschau? Mitnichten, liebe Freunde! Rosamunde Pilcher hat das Rennen gemacht mit dem eindeutig herzzerreissenden Film Vermaechtnis der Liebe. Ich habe das Schmuckstueck nicht gesehen, aber der Titel klingt vielversprechend. Zweifellos ging es um englische Lords und rotwangige Hauslehrerinnen namens Melody. Auch die ARD-Serie Geld.Macht.Liebe, die als "das deutsche Dallas" angepriesen wurde, hat gut abgeschnitten. Vielleicht ist es den meisten entgangen, dass Dallas 1991 eingestellt wurde, und zwar aus guten Gruenden, naemlich: keiner wollte den Scheiss mehr sehen. Und obwohl ich schrecklich gerne noch All About Sex - Promis klaeren auf gesehen haette und
Giulia Siegels Gestaendnisse ueber ihre romantische Ader ("Blumen mag ich nicht. Und Rosen mag ich auch nicht") und Erfahrungen mit Maennern ("Ich hab alle schon gehabt") echt total faszinierend finde, drehte ich mich an dieser Stelle angeekelt weg und guckte stattdessen nach, was die Kiwis denn so am liebsten in der
Glotze sehen. Und, was sag ich: Hier bestaetigt sich die These, dass TV-Quoten einen tiefen Einblick in die Seele eines Landes gewaehren. Wir haben auf Platz 1:
Die Nachrichten. Sehr ordentlich. Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn sich die Bevoelkerung eines Landes fuer die neuesten Ereignisse in In- und Ausland interessiert (obwohl die Weltnachrichten meistens in einer 90-sekuendigen Zusammenfassung abgespeist werden). Ob der eifrige Konsum von One News allerdings wirklich an den Nachrichten oder eher an den hotten Nachrichtensprechern liegt, ist ungewiss. Wendy Petries blonder Bob ist aber auch wirklich bombe.
Am zweitbeliebtesten ist Fair Go, ein Magazin, bei dem empoerte Buerger (und Noergler) ordentlich Dampf ablassen und sich ueber saemtliche Unzulaenglichkeiten der skandaloesen Service-Welt beschweren koennen: delizioese Mikrowellen-Lasagne, die auf der Packung noch toll aussah, sich aber nach dem Oeffnen - total unvorhergesehen - als matschiger Schleim entpuppt; teuflische Banken, die ahnungs- und mittellose Schueler mit faustischer Heimtuecke in die Schuldenfalle locken wollen; gepeinigte Netzballspielerinnen, denen es untersagt ist, Shorts zu tragen - "obwohl wir sie schon gekauft haben!". Menno. Die Moral: Ungerechtigkeit lauert ueberall. Der heilige Zorn, der einen beim Ansehen dieser Sendung ueberkommt, ist zutiefst reinigend, und fast hat man Lust, den Nachbarn, der Zelda im Schuppen eingesperrt hat, beim Fernsehen anzuschwaerzen. Aber ich will mal nicht so sein.
Platz 3 belegt eine Doku-Serie, die kiwiger nicht sein koennte, und deren Bekanntschaft ich zum ersten Mal machte, als ich in Marlborough bei einem Mandel-Farmer-Paerchen wohnte, das keine Folge auslies: Country Calendar huldigt dem Leben, Lieben und Leiden des ordinaeren Landvolkes, und trifft damit ein geschaetztes Drittel der Bevoelkerung mitten ins Herz. Die taeglichen Huerden und Herausforderungen der Protagonisten sind direkt aus dem Leben gegriffen, am Puls der Zeit und geradezu Shakespeare-haft in ihren dramatischen Verwicklungen. Von der Homepage der Serie: "Diese Woche geht es bei Country Calendar um Familie Preston aus Ranfurly. Sie feiern 150 Jahre Farmen auf der Longland Station, haben sich aber auch dazu entschlossen, die Farm zu verkaufen und umzuziehen, um ihren Kindern bessere Chancen zu bieten." Wow - ich sehe den Film-Trailer schon vor mir.
Auch bei Close Up dreht sich alles um "real New Zealanders". Der walrosshafte Mark Sainsbury (dick, Glatze, Schnauzer) praesentiert in einem Spiegel TV-haften Format harte Faelle wie den vom fast zahnlosen Tony Jack, zwoelfmal verurteilt wegen betrunkenen Fahrens ("My family do it, so why can't I do it?"), aber auch heitere Themen wie die Geschichte von lonesome rider Barry Drummond, einziger Bewohner des Ortes Cass ("Things have changed. The permanent population is now one."), und faengt so die Essenz Neuseelands ein.
Platz 5 markiert den Abstieg in den TV-Morast. Coronation Street ist die britische Version von Lindenstrasse, bloss noch aelter und noch ueberfluessiger. The Politically Incorrect Parents Show soll ein lustiger sozialkritischer Kommentar zum Anti-Smacking-Law in Neuseeland sein, ist aber weder politisch inkorrekt noch lustig, sondern ein lahmerer Versuch an Comedy als 7 Tage 7 Koepfe. Wenn das noch geht. Es folgen: Mehr Soaps, mehr Doku-Serien, mehr Morast.
Aber zum Glueck habe ich mich vollkommen unter Kontrolle (yeah, right), so dass ich den Fernseher jederzeit ausschalten kann, wenn es zu schlimm wird (u-huh). Und zum Glueck wird von dieser Technik auch daheim manchmal Gebrauch gemacht: Bei Giulia In Love?! konnten zuletzt weniger als eine Millionen Leute hingucken, was die Sendung technisch gesehen zu einer bedrohten Art macht. Ich sage: Lasst sie aussterben.
von Louisa von Reumont um 9:52
Permalink
Boooooooombe! ;)
paul am 23.07.09 14:46
Und was ist mit Shortland Street????
Robbi am 14.08.09 19:17
diesen Blog wird doch sicherlich kaum mehr jemand lesen, da die Meisten eh schon in Neuseeland waren und sich selbst ein Bild gemacht haben. Neuseeland ist eben doch nicht mehr HIP, das ist doch nun Sued-Afrika, also auf-auf Koffer gepackt ;)
Jenny am 21.09.09 22:36
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