Schau an - um immer huebsch auf dem neuesten musikalischen Stand zu bleiben, habe ich mir soeben die deutschen
Charts angesehen - und bin erstaunt! Musik aus der Heimat scheint so populaer zu sein wie lange nicht mehr. Neben jeder Menge Michael Jackson haben es immerhin sechs deutsche Kuenstler in die Top 20 geschafft. Ich wusste ja gar nicht, wie sehr ihr am nationalen Musikgut haengt.
Hier in Neuseeland sieht die Sache anders aus - nichts als internationaler Brei in den hiesigen Singlecharts: Da sind die Black Eyed Peas und Lady Gaga und natuerlich wieder Jacko - aber gerade mal ein einziger neuseelaendischer Song hat es in die Top 20 geschafft. Dabei sind Kiwis doch sonst immer so patriotisch. Hm, dachte ich mir, das muss anders werden. Und weil ich doch so gerne Mixtapes mache und es immer gut ist, seinen musikalischen Horizont auf Trapp zu halten, praesentiere ich hiermit meine derzeitige Kiwi-Top-10, die ich allen sehr dringend empfehle. All diese Lieder koennten - und sollten - morgen schon weltberuehmt sein! Also ladet sie euch runter oder klaut sie von Freunden oder schickt einen frankierten Rueckumschlag an mich...
Ladyhawke: "Paris Is Burning"
Ladyhawke heisst eigentlich Pip Brown und sieht so aus wie Peaches Geldof. Wie passend, dass sie jetzt in London wohnt und nicht mehr im schoenen Wellington, wo Pip ihre Musikkarriere begann inmitten von "Rock, Pleitesein und stinkigen Jungs". "Paris Is Burning" ist ihre erste Single und klingt nach 80er-Jahre-Synthie-Pop, nur irgendwie frischer und maedchenhafter. Gut zum Haare blondieren und Schweissband sortieren.
Fat Freddy's Drop: "Hope"
Das erste Album der Band, "Based On A True Story", steht in Neuseeland in praktisch jedem CD-Regal - jawohl, CD-Regal, denn zum schnoeden Runterladen ist die Tim-und-Struppi-Comic-hafte Gestaltung des Covers viel zu niedlich: Die Bandmitglieder sitzen in einem Boot auf hoher See, das von einem finster guckenden Tintenfisch umschlungen wird. Ihr Ikonenstatus ist so gross, dass es Fat-Freddy's-Drop-Fans (also der ganzen Bevoelkerung) gar nichts ausmachte, dass nach dieser Platte erstmal sehr lange gar nichts kam. Inzwischen spielte man einfach die samtigen Soul- und Reggae-Klaenge von "True Story" zum 250.000 Mal und fing nach "Hope", dem letzten, sehnsuchtsvoll stillen Song der Platte, einfach wieder bei Track 1 an. Sehr schoen fuer nebenbei, da manche der Songs instrumental sind.
Kids Of 88: "My House"
Dass ein Kuenstler der neueste heisse Scheiss ist, weiss man immer dann, wenn alle nach ihm gieren, obwohl er noch gar nichts grossartig veroeffentlicht hat. Der Hype um die zwei Jungs von Kids Of 88 aus Auckland begruendet sich auf genau einem Song, der, wie das eben so ist, von einem Musiksender entdeckt wurde. "My House" ist eine immens tanzbare Disco-New-Wave-Elektro-Nummer oder, in den Worten von Jordan und Sam selbst, "eine Kreuzung aus einem Spaet-80er-Polizeidrama-Intro und einem kultivierten Super-Luder". Als Bonus gibt's im
Video hotte Babes, die in ganz schlimmen 90er-Jahre-Fummeln vor sich hintanzen und mit jeder Menge Farbe besudelt werden. Das Ganze ist so cool, dass ich hoellisch neidisch bin, dass diese Jungs vier Jahre juenger sind als ich. Sollten die jetzt nicht Zivildienst machen oder so?
Dave Dobbyn: "Be Mine Tonight"
Ein Spitzenlied aus dem Jahr 1979 von Kiwi-Rock-Urgestein Dave Dobbyn. Dave produziert seit Jahrzehnten in regelmaessigen Abstaenden annehmbare Popsongs zum Mitsingen, die in den Kanon neuseelaendischer Musikgeschichte eingehen, aber kein Song ist so eingaengig, frisch und funky wie "Be Mine Tonight". Als ich ihn zum ersten Mal hoerte, dachte ich "Oh, die neue Silverchair", was dann doch etwas weit hergeholt war, aber beweist, wie aktuell alter Kram klingen kann.
Opensouls: "Hold You Close"
Dieser Song hingegen ist brandneu, klingt aber wie aus dem Jahr 1963, und zwar gesungen von einer gewissen Diana Ross. Die neunkoepfige Kombo macht sonst viel HipHop, aber in diesem zuckersuessen Soul-Knall-Bonbon channelt Saengerin Tyra Hammond ihr gesamtes Potenzial an Motown-Divas. Ihr Arme-schwingender blaubekleideter Auftritt im
Videoclip ist gar zauberhaft. Gut geeignet zum Putzen und Staubsaugen, habe es ausprobiert. Je lauter desto besser.
The Checks: "Tired From Sleeping"
Noch mehr Knabenwunder aus Auckland. Die Jungs von The Checks rocken, sie haben schrammelige Gitarren und dreckige Sounds und sehen aus wie nerdige Chemie-Laboranten, bloss mit Sonnenbrillen. Vielleicht sind sie Neuseelands Antwort auf die Arctic Monkeys, vielleicht aber auch nicht. Tatsache ist, The Checks sind live ein Kracher und eine der coolsten jungen Kiwi-Bands. Leider sind auch sie ins sagenumwobene England entfluppt, beehren ihre Heimat aber immerhin mit regelmaessigen Konzerten. Ich sah sie letztes Jahr auf einem Brauerei-Festival, wo sie als einzige nicht-lokale Band spielten. Man muss ja demuetig bleiben. Sehr geeigent zum Headbangen, Autofahren und auch Joggen.
Fly My Pretties: "Bag Of Money / Singing In My Soul"
Fly My Pretties ist eine spontane Verschmelzung kuenstlerischen Talents aus Wellington. Die Zutaten: diverse Mitglieder renommierter Bands (u.a. Fat Feddy's Drop), die sich zum Spass zu einer Jam-Session in einem Theater trafen, das Ganze auf Bild und Ton aufnahmen und als Platte verkauften. Geniales Konzept eigentlich, denn was dabei entstand, ist eine Verknuepfung so vieler Musikrichtungen, dass ich gar nicht erst mit dem Aufzaehlen anfangen will. Aber: "Bag Of Money" ist schicker Reggae fuer Leute wie mich, die eigentlich keinen Reggae hoeren, und "Singing In My Soul" ist ein Lovesong-Duett fuer Leute, die Lovesongs hassen.
John Goudge: "Threw Love Down The Drain"
Ein soeben von mir entdeckter Geheimtipp! Na ja - angeblich macht der Aucklander Singer/Songwriter schon seit 20 Jahren Musik, aber ich hoere ihn gerade zum ersten Mal. Der Song koennte der Soundtrack zu einem 60er Jahre Londoner Agentenfilm sein - man hat ploetzlich das Verlangen, Emma Peel tanzen zu sehen, oder noch besser mit Emma Peel zu tanzen. Sehr funkig und irgendwie mysterioes. Ich werde das im Auge behalten...
Hello Sailor: "Gutter Black"
Traditionell ist "Hello, sailor" angeblich eine Aufforderung sexueller Art von Prostituierten oder promiskuitiven Frauen an Segler (Danke, Wikipedia!). Es ist auch der Name einer alteingessenen Kiwi-Band. Das ist aber voellig egal, denn es geht hier nur um den Knallersong "Gutter Black", der der Titelsong zur fantastischen TV-Serie "
Outrageous Fortune" ist. Wer auf schnellstmoeglichste und maximal unterhaltendste Weise etwas ueber Neuseeland lernen will, muss sich diese Serie angucken. Die Eskapaden einer White-Trash-Familie in West-Auckland sind lustiger und suechtig machender als alles, was ich kenne. Und "Gutter Black" ist untrennbar damit verschmolzen. Wie ich hoere, hat man das Konzept von "Outrageous Fortune" an den internationalen Markt verkauft. Vielleicht also demnaechst auch in Deutschland, oder gibt es da schon genug White Trash im Fernsehen?
Hollie Smith: "Long Player"
Zum Schluss moechte ich jedem dieses soulige Jazz-Album empfehlen, aus dem ich gar kein einzelnes Stueck herauspicken kann, weil es foermlich ineinander fliesst. Ich hoerte diese Platte zum ersten Mal an einem kalten Abend beim Feuer eines knisternde,n offenen Kamins in Dunedin, und das ist auch die beste Situation, um sich der intensiven, vollen Stimme von Hollie hinzugeben. Sie klingt fast wie India Arie, ist aber weiss, hat viele Tattoos und hat hollaendische Vorfahren. Meine Mama mag sie nicht, aber die mag vieles nicht. Falls wer Interesse an Hollie hat, kann er sich also gerne die CD bei meiner Mama abholen.
von Louisa von Reumont um 13:15
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Hallo, erstmal dickes Lob für Deinen Blog den ich immer noch sehr gerne lese. Toll das Du Fat Freddys erwähnst, aber hast Du die neue "DR. Boondigga and the Big BW" noch nicht gehört? Die war doch auch 3 oder 4 Wochen auf Platz eins bei Euch! ...und ist ma echt Hammer (bes. Shiverman und Pull The Catch). Schade auch, das The Black Seeds keine Erwähnung finden, nicht weil sie es langsam über NZ heraus schaffen sondern der großteil ihrer Musik einfach absolut tanzbar ist. Von der ruhigeren Fraktion entdeckte ich neulich The Kingsland Boom Society, auch nicht schlecht. Naja, ist echt schade das viel der guten Musik aus NZ leider nicht so weit kommt....
Dir noch viel Spaß
Hendrik
hendrik am 15.07.09 14:52
Hourra pour fly my pretty!!!!!!!!!!
jv am 16.07.09 10:14
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