Neulich wollte ich mir eine Spuelmaschine kaufen. Ich hielt es nicht mehr aus: Berge von schmutzigen Tellern, verkrusteten Pfannen und verklebtem Besteck breiteten sich seuchenartig in meiner Kueche aus, und egal, wie oft ich schrubbte und wusch, der Berg war immer schneller wieder da als ich gucken konnte. Bitte: Haltet mich nicht fuer eine dieser Schnepfen, die keine echten Probleme haben. Ich weiss ja, dass es Wichtigeres auf der Welt gibt und dass manuelles Abwaschen viiieeel besser fuer die Umwelt ist und dass manche Paare beim gemeinsame Abwasch so richtig schoen bonden koennen. Aber: Zeit ist Geld. Und Spuelmittel ruiniert meinen Nagellack. Die Entscheidung war gefallen, eine Spuelmaschine musste her.
Doch als Jean und ich uns im Laden vom blitzeblanken Weiss der Apparaturen berieseln liessen, kam die Erkenntnis: Die paar mickrigen Kroeten, die unser Spuelmaschinen-Budget waren, wuerden es nicht tun. Es gab allerdings die Moeglichkeit, eines der $900-Dollar-Modelle ueber zwoelf Monate auf Raten abzuzahlen, mit ordentlichen Zinsen, versteht sich. Jean fand das super, aber bei mir schrillten die Alarmglocken. Das wuerde bedeuten, ich haette etwas zu Hause stehen, das mir noch nicht gehoert. Dem ich verpflichtet bin, auf Monate hin! Fuer das ich letztlich mehr bezahlen muss, als es wert ist!! Leider, leider stellte sich dann heraus, dass Jean und ich als Nicht-Einwohner Neuseelands keine gute Chance auf einen Kredit oder (in manchen Geschaeften) gar bloss eine Ratenzahlung haben - wir koennten ja mitsamt der Spuelmaschine nach Europa abhauen.
Wir kauften spaeter eine Second-Hand-Spuelmaschine bei TradeMe, fuer die wir cash bezahlten. Funktioniert 1a!
Zugegeben: In finanziellen Dingen bin ich ausgenommen spiessig. Impulsive Kaeufe ueber $30 liegen ausserhalb meines Aktionsradius', meine Kreditkarte kommt praktisch nur zum Einsatz, wenn ich bei iTunes 99-Cent-Songs kaufe, fuer riskante Investitionen ist mein Herz zu schwach und ich koennte nie, niemals Geld ausgeben, das ich nicht habe. Die groesstmoegliche sinnliche Befriedigung empfinde ich, wenn ich endlich meine ueber fuenf Wochen hin gesparten Dollars aus meiner Kiste krame, zum Schuh-Shop gehe und mit einem Paar entzueckender gruener Overknee-Lederstiefel zurueckkomme. Keine Schulden, keine Zinsen, kein schlechtes Gewissen. Offenbar bin ich jedoch die Einzige, fuer die Kaufen auf Pump ein unueberbrueckbares moralisches Problem darstellt. Da mittlerweile so ziemlich alle Konsumgueter des Universums auf Raten abzahlbar sind (man will dem Kunden ja nicht sein Objekt der Begierde vorenthalten, bloss weil er kein Geld hat), bin ich umgeben von Leuten mit feschen Jetskis, Flachbildschirmen, Luxuskarossen, Designerlampen und Designertoastern - die sie nach und nach abzahlen. Manchmal ueber Jahre hinweg. Ueber Jahre hinweg an einen Toaster gebunden sein - ich finde das schon bei Menschen schwierig! Was ist, wenn ich das Teil in sechs Wochen scheisse finde? Oder arbeitslos werde? Oder sterbe? WER ZAHLT DANN MEINEN TOASTER AB? Ihr seht, in welcher Misere ich mich befinde. Das Prinzip der instant gratification, dem die menschliche Natur ueblicherweise unterliegt, ist an mir verloren gegangen.
Die uns innewohnende Gier, die bewirkt, das wir etwas jetzt haben wollen, SOFORT, stammt vermutlich aus der Steinzeit (behaupte ich jetzt mal, stammt ja alles aus der Steinzeit). Wennn wir Beeren und Wurzeln wollten, dann konnten wir Beeren und Wurzeln sammeln, sofort, und wenn wir die Neandertalerin von nebenan wollten... tja, wir haben ja alle Am Anfang war das Feuer gesehen. Auf Beeren und Wurzeln mussten wir damals allerdings noch keine Zinsen zahlen (von der Neandertalerin ganz zu schweigen) - ein klarer Beweis dafuer, dass uns die menschliche Natur heutzutage nur im Weg steht!
Um so enttaeuschender ist es, dass es Unser Aller Vorbild, Vater Staat, genauso macht. Hat denn die Regierung keine Vorbildfunktion? Zu wem sollen wir uns denn wenden, wenn wir nicht weiter wissen? Wer faengt uns auf, wer gibt uns Hilfe? Wer zahlt unsere Rente? Jedenfalls nicht der Bund, denn der ist zu sehr beschaeftigt damit, sich Geld fuer krankende Banken zu leihen. So viel, dass die Staatsschulden in Deutschland bei mittlerweile
1,5 Billionen Euro liegen und um huebsche 4.400 Euro pro Sekunde ansteigen, wegen der Zinsen. Das entspricht derzeit 19.000 Euro pro Kopf, ist also ungefaehr so, als haette jeder Buerger ein Chanel-Haute-Couture-Kleid im Schrank, das er abzuzahlen hat (bloss nicht ganz so glamouroes, leider). Vielleicht sollten wir genau das fordern - wer braucht schon stabile Banken, wenn er Chanel tragen kann?
In Neuseeland ist die Lage sogar noch finsterer: Zwar besteht die Staatsverschuldung hier nur in
etwas ueber 100 Millionen Euro - das ist aber mehr als 130 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, verglichen mit 60 Prozent, die Deutschland im letzten Jahr an Schulden hatte (
laut Wikipedia). Na, dann bin ich ja doch froh, deutsche Staatsbuergerin zu sein - auch wenn mir dadurch eine brandneue Spuelmaschine verwehrt bleibt.
von Louisa von Reumont um 8:52
Permalink
Herrlich! Mir wurde schon lange nicht mehr so aus der Seele gesprochen. :D Das Debakel mit der Spülmaschine kann ich verstehen. Aber ist es nicht sowieso schöner ein neues Chanelkleid zu tragen und ne second-hand Spülmaschine inner Küche, wenn die gebrauchte auch fuktioniert? (btw Spülmaschinen sind gar nicht mal so schlecht für die Umwelt, spart mehr Wasser als per Hand abzuwaschen. Da fällt mir ein, ICH WILL AUCH NE SPÜLMASCHINE!)
E.L.I.S.A. am 26.06.09 16:56
spülen mit der Hand ist nicht umweltschondender!!!
laura am 26.06.09 18:45
Ist es denn wenigstens ein "scary dish washer" ? Wenn nicht, kannst Du ihn ja später als solchen mit viel Gewinn verkaufen - und hast dann mehr Geld für iTunes und Schuhe :-)
Bei einer Waschmaschine hat es ja auch funktoniert: 5,160.00 NZD für eine ausgeleierte Fisher & Paykel, Wahnsinn !!
http://www.trademe.co.nz/Home-living/Laundry/Washing-machines/Top-loader-6kg-under/auction-223309871.htm
Robbi am 1.07.09 0:07
Zum Anfang dieses Eintrags
Zum SeitenanfangPermanente URL dieser Seite: http://www.wdrblog.de/einslivereise/archives/2009/06/26/
Der WDR ist nicht für Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.