Wie bitte?
Keiner geht mehr zur Europawahl? Das geht so nicht. Das prangere ich an! Gut, Berlusconis hotte Schicksen machen die Veranstaltung nicht gerade serioeser, aber immerhin beeinflussen die Entscheidungen, die in Strassburg getroffen werden, auch den Alltag in Deutschland. Hier sind sechs Gruende, warum Europa super ist und also man an der Europawahl teilnehmen sollte. (Weit hergeholt? Aber nein.)
Europa ist sexy: Wir haben die tollsten Frauen von allen: Leinwand-Goettinnen wie Monica Bellucci (Italien), Eva Green (Frankreich), Penelope Cruz (Spanien) sind nicht nur ueber-huebsch, sondern ausserdem die pure Verkoerperung europaeischer Eleganz, Weiblichkeit und Stilsicherheit - und klug noch obendrauf! Verglichen mit diesen Aphroditen haben Neue-Welt-Babes à la Jessica Simpson und Delta Goodrem in etwa die gleiche Ausstrahlung wie eine Packung Hubba Bubba neben einem Dior-Lippenstift. Und wir wollen die Maenner nicht vergessen: Die schoenen Schweden von Mando Diao, der supersuesse daenische Dogma-Regisseur Thomas Vinterberg, der franzoesische Schauspieler Nicolas Cazalé und natuerlich Vampirschnuckel Robert Pattinson wuerden alle meine Stimme kriegen.
Europa ist trendy: Hier in Neuseeland (und mindestens ebenso in Australien) ist alles Europaeische tres, tres chic. Schon die Erklaerung, man sei "from Europe", zaubert einen weihnachtlichen Glanz in Kiwi-Augen. In der Vogue Australia wurde neulich H&M als eines der hipsten Fashionlabels Europas verkauft (weshalb ich sofort meine alten verwaschenen H&M-Shirts im Internet verscheuerte) - und Ikea ist nicht der Laden, in dem man seine Moebel kauft, weil man sich nichts Besseres leisten kann, sondern gilt als der trendy Moebelkonzern aus Uebersee, dessen stylistische Meisterwerke nur in ein paar ausgewaehlten Laeden in Auckland vertrieben werden.
Europa hat Geschichte: Schon die mythische Erklaerung des Namens Europa ist spitze; Der fleischeslustige Zeus. Die schockierte Europa. Die Verwandlung in einen Stier. Die Entfuehrung nach Kreta. Dramatisch! Abgesehen von sexbesessenen Goettern haben wir ausserdem mehr als 2000 Jahre abendlaendischer Aktivitaeten zu bieten, deren Spuren man heute noch sieht. Europaeer leben und atmen Geschichte automatisch, weil sie ueberall von ihr umgeben sind. Jahrhunderte alte Kirchen, Burgen, Stadtmauern und Wohnhaeuser erscheinen uns ganz selbstverstaendlich, waehrend Touristen aus Nordamerika und Australien sich die Finger wund knipsen und zu Hause aufgeregt von Pflastersteinen erzaehlen, auf denen wir jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit unsere Absaetze ruinieren. Das ist Geschichte!
Europa ist romantisch: Wir sagen "Liebe" in 23 Amtssprachen. Wir haben Paris. Wir haben die Gondeln in Venedig. Sonnenaufgaenge auf Capri. Romeo und Julia. Tristan und Isolde. Und: Julio Iglesias.
Europa ist royal: Jahrhunderte koeniglicher Macht und Tradition reihen sich hier aneinander. Nirgendwoanders wurde auf so kleinem Raum so vehement gekroent, geherrscht und gekoepft wie in den Monarchien Europas. Gegen die Opulenz einer Marie Antoinette wird keine New Yorker Society-Prinzessin jemals ankommen, und wenn sie noch so viele doppelstoeckige Upper-Eastside-Appartements mit ihren Louboutins vollstellt. Und neben Neuschwanstein wirkt jedes Disney-Schloss und jeder Prunkbau in Las Vegas genau wie das, was es ist: eine billige Kopie. Echten Adel kann man eben nicht faelschen, den muss man sich durch jahrelanges Koepfeabschlagen und Intrigieren verdienen. Zumindest war das frueher so. Der heutige feudale Nachwuchs zeichnet sich eher durch Partys, Koks und Mario-Testino-Fotostrecken als durch heroische Taten und hoefisches Treiben - was vermutlich daran liegt, dass die Koenigshaeuser eh nichts mehr zu sagen haben, womit sollen sich die Kleinen also sonst die Zeit vertreiben? Aber hey, dafuer sind die buergerlichen Steuern ja da.
Europa ist vielfaeltig: Das glaubt man vielleicht nicht, wenn man bei der Klassenfahrt nach Bruessel die gleiche Fussgaengerzone mit den gleichen Fastfoodketten und Geschaeften entlangschlendert wie zu Hause - aber wer ein bisschen tiefer graebt, stellt schnell fest, dass jedes Land ein sehr eigenes Flair hat. Ein Frikandel vom Buedchen nachts um drei in Amsterdams Rotlicht-Milieu ist eine Erfahrung, die man nirgends anders machen kann; ein Schoko-Croissant vom Kamps um die Ecke ist einfach nicht dasselbe wie ein pain chocolat von einer Pariser Boulangerie. Im Grunde ist nur weniges austauschbar in Europa. Und landschaftlich gesehen ist unser kleiner Kontinent der reinste Themenpark: Wo sonst findet man Metropolen und Inseln, Skifelder und Straende, Kuhwiesen und Wolkenkratzer so nah beieinander (ausser in Neuseeland, versteht sich)? Das Reizvolle ist: Alles ist Teil eines grossen Ganzen, aber wenn man will, kann man in kuerzester Zeit (und ohne Passkontrolle) an einem fremden Ort mit fremder Sprache und fremden Sitten sein - und sich ueberraschen, begeistern und erfrischen lassen. Only in Europe.
Und ja, ihr duerft mich von jetzt an The Patriot nennen.
von Louisa von Reumont um 9:02
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Das gute Essen darf nicht vergessen werden! Nach 11 1/2 Monaten im Ausland freue ich mich auf das deutsche Brot, mit RICHTIGER Kruste und frueh einsetzendem Saettigungsgefuehl. Von leckeren Kuchen und Torten ganz zu schweigen...
Lotta am 5.06.09 10:44
"...wie eine Packung Hubba Bubba neben einem Dior-Lippenstift!"
Louisa, danke, danke, danke - du lieferst einfach die geilsten Vergleiche. Ich geh Wählen, versprochen! LG Tine
Tine am 5.06.09 11:00
So so, das meinst Du also *lach* und warum bist Du dann noch in Neuseeland??? Kiwis gibts auch hier, im Spar-Markt um die Ecke! ;-) LG.. Mad
MadMatt am 5.06.09 11:27
hi patriot,
ich bin superfroh, daß eine junge frau die gleiche meinung zu ihrem heimatkontinent hat, wie eine alte schachtel von 55.
kurzfristig könnte ich wohl auch überall in der welt leben, aber auf dauer käme tatsächlich nur europa in frage.
wo wäre denn die mode ohne antwerpen (belgien), london (uk), mailand, rom (italien), paris (frankreich); die krimi-autoren ohne ystad und stockholm (schweden); die glasbläser- und kristallkunst ohne venedig und böhmen( italien, tschechoslowakei); das design ohne dessau (deutschland), mailand (italien),rotterdam (niederlande); ....
wahrscheinlich begebe ich mich auf ethnisches glatteis, aber dennoch glaube ich, daß gleiche kulturelle wurzeln die identifikation deutlich erleichtern.
in diesem sinne, vielen dank für deinen beitrag.
roma berlina am 10.06.09 0:45
Euro-pride! Wenn doch nur alle so über Europa denken würden. Hierzulande wird der Tag der Europawahl ja lieber genutzt, um mal wieder der alten D-Mark hinterher zu weinen anstatt wählen zu gehen.
Dabei wurde es sogar den Nachtschwärmern unter uns sehr leicht gemacht an der Wahl teilzunehmen ohne auf das sonntägliche Ausschlafen verzichten zu müssen. Die Wahllokale waren nämlich bis 18.00 geöffnet. Aber da des Deutschen liebstes Kind ja die Unzufriedenheit ist, hat wohl auch dieses Entgegenkommen nicht gereicht, um die Menschen aus ihrem liebgewonnenen Jammertal zu holen.
dean am 11.06.09 12:39
Super..
Auch ich fühle mich als Europäerin! War lange in Neuseeland, Australien und den USA. Und habe es geliebt..
aber je älter ich wurde (bin jetzt mitte 30) umso mehr stellte ich fest das ich eine wahre Europaerin bin.
Die Geschichte die einen so selbstverständlich umgibt, die Kultur und das ganze Drumherum. Das hat mir in Übersee immer gefehlt.
(Neuseeland ist da extrem..da ist ja ein Butterbrot das der Governeur 1967 angebissen hat schon ein antikes Stück der Zeitgeschichte ;-)
Ich ziehe gerade von Deutschland nach Italien. Bleibe also Europa treu!
Ex-Kiwigirl am 1.07.09 14:04
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