Puenktlich zum
60. Geburtstag des deutschen Grundgesetzes hat sich eine
Studie damit befasst, wie es denn um die Liebe zur Heimat des deutschen Volkes steht - und Verblueffendes herausgefunden: Fast 80 Prozent sagen, sie sind stolz darauf, Deutsche zu sein, und noch mehr benutzen sogar das L-Wort und deklarieren, sie lieben ihr Land.
Bisher hatte ich immer den Eindruck, dass wir Deutschen (ob wegen unserer problematischen Vergangenheit oder aus anderen Gruenden) extrem verhalten sind mit der Vaterlandsliebe, so verhalten, dass es manchmal fast grotesk wird: Welches andere Land haette sich zu Beginn einer Fussball-WM darueber Gedanken gemacht, ob es politisch korrekt ist, die eigene Nationalflagge zu schwenken? Keines, genau.
Meine eigene Verbundenheit mit meinem Heimatland war ebenfalls nie besonders ausgepraegt, und das gar nicht mal aufgrund unserer Geschichte. Fuer mich war Deutschland einfach langweilig und prollig, ein Land der "Rasen betreten verboten"-Schilder, "Big Brother"-Promis pedantischen Buerokraten, in dem die Menschen nie bei rot ueber die Strasse gehen, dafuer aber bei Britt ueber "ey, diese Schlampe, die hat mich betrogen, ey" tratschen. Vor etwa zweieinhalb Jahren liess ich mir beim Einwohnermeldeamt Wuppertal einen neuen Reisepass anfertigen, fuer einen sechsmonatigen Trip nach Neuseeland (so war's jedenfalls geplant). Nach halbstuendiger Warterei wurde mein Nuemmerlein endlich aufgerufen. Die Beamtin betrachtete eingehend mein biometrisch akkurates Foto, kramte dann ein Lineal hervor und begann, an dem Bild herumzumessen. "Der Kopf ist zu klein", befand sie nach ihrer Inspektion. Ich seufzte. Dieser Moment fasste fuer mich all das zusammen, was mir bis dahin an Deutschland auf die Nerven gegangen war, und alles, was denken konnte, war "Gott sei Dank muss ich dieses Land fuer ein halbes Jahr nicht ertragen". Nachdem die Beamtin den fachmaennischen Rat ihrer Kollegin eingeholt hatte (offenbar eine Kopf-Spezialistin) konnte ich sie schliesslich davon ueberzeugen, dass ich an der Groesse meines Kopfes nunmal nichts aendern kann, ausser vielleicht durch eine Mega-Dauerwelle, die sie kaum von mir verlangen koenne, weil das sozialem Selbstmord gleiche, was sie dann zu verantworten haette. Zu guter Letzt konnte ich also nach Neuseeland einreisen, trotz zu kleinen Kopfes.
Zum Glueck, denn: Die Frustration mit Deutschland, die mich damals in die Arme der Kiwis trieb, hat sich inzwischen gelegt. Ich merke sogar, dass mir Deutschland besser und besser gefaellt je laenger ich im Ausland lebe - weshalb ich ein wenig Missionsarbeit leiste, indem ich Koenigsberger Klopse fuer meine Freunde koche und staendig "ach so", "genau" und "Quatsch!" sage (hauptsaechlich, weil es dafuer keine gute Uebersetzung gibt).
Das geht aber nicht allen so: Mein Lieblings-Aucklander Dominik wurde waehrend seines ersten Heimatbesuches in NRW ganz deprimiert, weil ihn ploetzlich keiner mehr im Supermarkt anlaechelte und fragte, wie sein Tag gewesen sei, und er war von der allgemeinen Unfreundlichkeit so angekotzt, dass er schnellstens zurueck nach Neuseeland wollte. Auch die Tatsache, dass viele Traveller in Neuseeland auf die Frage nach ihrer Herkunft nicht Deutschland, sondern "from Berlin" sagen - selbst wenn sie aus der entferntesten Ecke Brandenburgs kommen - spricht nicht gerade fuer eine selbstbewusste Identifizierung mit der Heimat. Berlin klingt wenigstens nach internationaler Metropole.
An dem Bild, das man andernorts von Deutschland hat, kann es nicht liegen, denn das ist haeufig sehr positiv. Hier in Neuseeland gilt Deutschland als aufgeschlossene, gut ausgebildete und effiziente Nation, die verantwortungsvoll mit Energie und Umwelt umgeht und guten Fussball spielt (manchmal).
Viele Vorteile, die Deutschland hat, fallen einem ueberhaupt erst auf, wenn man das Land mal mit den Augen anderer sieht: Die Lage im Herzen Europas ermoeglicht es uns, ungehemmt und in kurzer Zeit in ein beliebiges unserer neun Nachbarlaender zu reisen. Von Koeln aus sind es mit dem Thalys bloss vier Stunden nach Paris, in drei Autostunden ist man in Bruessel, in zwei in Holland. Auch das Transportsystem ist ausgezeichnet, Bahnskandale und -preise hin oder her. Und vom reichen kulturellen Angebot im Land der Dichter und Denker will ich gar nicht erst anfangen (vor allem, weil ich sonst frustriere: In meiner Umbegung gibt es nicht mal einen vernuenftigen Buchladen).
Seltsamerweise waren es die Kiwis und Reisende anderer Nationen, die mir all das klarmachten. Der Rest der Welt findet es offenbar schon laenger etwas bizarr, dass wir Deutschen uns selbst oft so runtermachen und nicht das noetige Selbstvertrauen zu haben scheinen, eine eigene, neue Identitaet aufzubauen. Das scheint jetzt auch nach Deutschland durchgedrungen zu sein. Ich sage: hoechste Zeit.
von Louisa von Reumont um 10:22
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liebe louisa, danke für deine sehr persönliche sicht auf dein herkunftsland (oder soll ich ganz gewagt "heimatland" sagen). sehr interessant, natürlich auch hinlänglich psychologisch ausgedeutet, ist ja die tatsache, daß die heimat umso mehr affin, je größer die distanz zu ihr ist. aber tatsächlich muß man schon feststellen, daß dieses land sehr, sehr viel bietet; gut, an der supermarktkasse wäre ein gespräch über das tägliche wohlbefinden natürlich wünschenswert, aber, neuseeland hat 3,5 mio. einwohner, soviel wie allein berlin. und die relaxness endet wahrscheinlich spätestens hier, wenn jeder kunde im durchschnitt 20 min. mit der kassiererin darüber plaudert, wie es um die momentane emotionale lage bestellt ist...
na ja, aber was wirklich richtig falsch läuft in diesem land, ist die mangelnde investition in ausbildung und naturschutz mit allen konsequenzen.
reggi am 29.05.09 1:10
Achso für das nette erste Foto, nehme ich übrigens Provision! Auch wenns mit deiner Kamera gemacht wurde:-)
Die drei ??? am 1.06.09 10:03
au weia, wieviel nimmst'n dafuer?
louisa am 2.06.09 10:27
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