oder
Es gibt da dieses ganz schreckliche Vorurteil, das lautet: Kinder, die viel fernsehen, verrohen, verdummen und haben keine Fantasie. Das mag heute im Zeitalter von Pokemon und Big Brother vielleicht sogar stimmen - aber haette ich damals, als die Welt noch in Ordnung war, also so in den fruehen 90ern, nicht entschieden viel vor der Glotze gehangen, haette ich mich niemals fuer die Franzoesische Revolution (Lady Oscar), Ballett (
Anna) und Computerchips als lebensrettende Massnahme (Die Sieben-Millionen-Dollar-Frau) interessiert.
Das Nachmittagsprogramm war damals voll mit den Perlen der Unterhaltungskultur, aus denen ich meine ganz persoenlichen Lehren zog: Da gab es die Teenager-Serien wie Parker Lewis("Uhrenvergleich!"), Beverly Hills und Willkommen im Leben mit Jared Leto als Superschnuckel Jordan Catalano. Die Lehre war: Aussenseiter sein ist cool, obwohl gute Freunde noch cooler sind, und am coolsten sind DocMartens.
Dann gab es die erste Generation der Animes, in denen die Charaktere zwar auch schon riesige, voellig unjapanische Augen hatten, aber normalere Sachen machen als heute, zum Beispiel in Sportclubs spielen, oder in Bands. Oder eben in der franzoesichen Revolution kaempfen. Grossaeugige Heldinnen wie Mila Superstar und Georgie befluegelten meine kindliche Fantasie eher als sie zu unterdruecken. Noch frueher, so mit sechs, hatten es mir seltsamerweise vor allem amerikanische Familien-Saga-Soaps angetan. Von Polyester, Foenfrisur und Intrigen hoerte ich zum ersten Mal in Reich und Schoen, California Clan und Springfield Story. Auch das hat mich nicht verdorben, glaube ich. Immerhin ist aus mir keine eiskalte Corporate Bitch geworden, sondern eine friedliche Mitbuergerin, und Polyester ist eh fiess.
Natuerlich war auch Stoff zum Verlieben im TV-Programm meiner Kindheit vertreten. Joel Dacks aus der kanadischen Variante von Der Kleine Vampir rief in mir den unstillbaren Faible fuer spitze Eckzaehne hervor. Und als ich zum ersten Mal 21 Jump Street und Johnny Depp mit Bandana und Kajalstift sah, war mir klar: Das muss Liebe sein. (Als ich Johnny zum zweiten Mal mit Bandana und Kajal sah, in Pirates, hielt diese Phase immer noch an.)
All dies versuchte ich kuerzlich, meinen Mitmenschen zu vermitteln - und stiess auf verstaendnislose Gesichter. Von Anna und dem kleinen Vampir, zwei Institutionen meiner Kindheit, hat man in Neuseeland selbstverstaendlich noch nie gehoert. Hier haben die Kids in den 90ern stattdessen
Alex angehimmelt, eine ambitionierte Jung-Schwimmerin und quasi die Silvia Seidel Neuseelands. Das Standard-Nachmittags-Programm fuer Kiwi-Schueler war After School, in dem unterhalten und spielerisch das Bewusstsein fuer Maori gefoerdert wurde. Den Slogan "Keep cool till after school" rufen sich heute noch Kinder der 80er zu. Sogar die Kiwi-Antwort auf Reich und Schoen gab es: In
Gloss ging es um ein Hochglanzmagazin, familiaere Verstrickungen und Affaeren made in NZ.
Gaebe es das gute Internet nicht, haette ich von alldem keinen Schimmer. Ein grosser Teil neuseelaendischen Kulturguts bliebe mir fuer immer verschlossen, und ich wuerde mich immer noch wundern, ob es nicht "too cool for school" heissen muesste. Ein typisches Immigranten-Phaenomen: All die Dinge, mit denen die Menschen um dich herum aufgewachsen sind, sagen dir nichts. Wenn deine Freunde ueber alte Coronation Street-Folgen plaudern, kannst du nur mit den Schultern zucken. Ueber das Bild auf der Salzdose mit einem Jungen, einem Huhn und dem Slogan "see how it runs" raetselst du monatelang, bis dir jemand erklaert, dass es sich um einen alten Kinderreim handelt. Auch beim Trivial Pursuit Spielen bin ich relativ verloren, weil mir fuer Infos wie "Wer ist Cuddlepies Gefaehrte?" (ein gewisser Snugglepot) oder "Welches australische TV-Tier wurde auf Fruehstuecksflocken-Packungen gefeiert?" (ein Kaenguru namens Skippy) schlicht der kulturelle Hintergrund fehlt. Einen kleinen Teil dieser Wissensluecke werde ich bestimmt noch aufholen koennen, wenn auch hier das Retrofieber ausbricht - aber ansonsten muss ich mich wohl daran gewoehnen, dass ich mit meinen neuseelaendischen Freunden niemals Erinnerungen ueber gemeinsame Kindheitshelden und -kulte austauschen kann.
Das macht aber nichts. Denn ein Held aus vergangenen Zeiten hat sich immerhin in das Kollektivwissen der Kiwis eingegraben: The Hoff. Wohin ich auch gehe in Neuseeland, ueberall spricht man mich mit breitem Grinsen auf David Hasselhoff an, und die angebliche Tatsache, dass "ihr Deutschen seine groessten Fans seid". Irgendjemand hat den Kiwis folgendes eingetrichtert: Dank Hasselhoffs grandioser Darbietung von "I've been looking for freedom" (!) und dem daraus folgenden Fall der Mauer (!!) sind wir als Volk ihm auf ewig in Dank verpflichtet und zutiefst ergeben (!!!). Jetzt wisst ihr's!
von Louisa von Reumont um 18:29
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...das ist ja echt lustig, 20 jahre lang haben wir deutschen geglaubt, daß die ostpolitik von willy brandt, die entspannungspolitik von michael gorbatschow, das einwirken von helmut kohl und natürlich die ddr-bürger selbst die mauer zum einsturz gebracht haben. jetzt wissen wir`s besser: vor zwei wochen noch hat peter maffey (deutscher schlagersänger) behauptet, er hätte das mit seinen konzerten in der ddr erreicht, und jetzt die sensation: nicht peter maffey, sondern david hasselhoff!!!
ich bin gespannt, ob er bei den 20-jahr-feiern zum fall der mauer den nötigen respekt für seinen grandiosen einsatz bekommt.
danke, david!
reggi am 1.05.09 21:25
Danke Lulu! Ich habe mich auch schwer darüber gewundert, wieso man als Deutsche von den Kiwis explizit auf David Hasselhoff angesprochen wird. Nun weiß ich, es ist nicht die erhöhte UV-Belastung...
Die drei ??? am 2.05.09 11:59
The Hoff glaubt das echt, erschreckend ... nur weil er damals "für uns" das Lied gesungen hat. Hab aus Protest meine auf Tele5 aufgenommenen Knight Rider VHS Kasetten weggeworfen als ich das gelesen habe.
Aber das Konzert 1990 in der Kölner Sporthalle damals (KITT war auch da) war cool :)
Freddi am 4.05.09 11:53
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