Ich stelle mir gerade eine Frage, die ich mir so vorher noch nie gestellt habe: Soll ich waehlen gehen? Bisher bin ich meiner buergerlichen Pflicht immer bereitwillig nachgekommen, wenn es darum ging, eine neue Regierung zu waehlen. Bin zum Altenstift Marienstrasse in Wuppertal gestapft, habe meine Kreuzchen gemacht und war froh, mitentschieden zu haben, obwohl ich dadurch Dawson's Creek verpasste.
Aber in diesem Jahr bin ich mir nicht mehr sicher. Nicht dass ich so politikverdrossen waere, dem ganzen Laden einfach den Ruecken zu kehren (wie die Leute, die nach jeder Tagesschau verkuenden "Politiker sind doch eh alle korrupt - wenn's nach mir ginge, wuerde schon lange Anarchie herrschen"). Aber: Ich lebe nunmal gar nicht mehr in dem Land, ueber dessen Zukunft ich da abstimmen soll. Wie soll ich wissen, was fuer die Menschen in Deutschland das Beste ist, wenn ich gar nicht mehr in derselben Gesellschaft lebe oder dieselben Probleme habe? Habe ich ueberhaupt das Recht dazu?
Juristisch gesehen: Ja. Ich kann immer noch per Briefwahl abstimmen, da ich deutsche Buergerin bin. Wenn ich mir allerdings das Wahlprogramm der Parteien angucke, faellt mir auf, dass das alles herzlich wenig mit meinem Leben zu tun hat. Zwei-Klassen-Gesundheitssystem? Hier in Neuseeland sind gerade mal 35 Prozent der Bevoelkerung krankenversichert, weil die meisten Verletzungen, Unfaelle und Aehnliches von der staatlich finanzierten Organisation ACC abgedeckt werden. Nicht so jedoch fuer Nicht-Einwohner Neuseelands wie mich, die zwar dort leben, aber keinen residency-Status haben. Wir werden nur in Spezialfaellen von ACC abgedeckt. Zum Beispiel, wenn man am Strand einschlaeft und mit einem Stachel in der Hand wieder aufwacht, und diese nach dem Herausziehen des Stachels auf die Groesse eines Luftballons anschwellt und infernalisch weh tut, wie es mir kuerzlich passiert ist. Die nette Dame in der Notaufnahme konnte mir zwar nicht sagen, welches Teufelsvieh mich da gestochen hatte, gab mir aber ein paar Antihistamine, Steroide und Schmerzmittel, und fuellte ausserdem einen ACC-Bogen aus, der mich vor weiteren Unkosten bewahrte. Sollte ich allerdings ernsthaft krank werden, habe ich leider Pech gehabt, denn auch normale Krankenversicherungen sind im Umgang mit Auslaendern vorsichtig. Ich koennte ja eine seuchenkontaminierte Virenschleuder aus der dritten Welt sein, die sich am neuseelaendischen Gesundheitssystem bereichern will. Insofern lassen mich die panischen Zwei-Klassen-Gesundheitssystem-Debatten in der Heimat ziemlich kalt. Wenigstens ist in Deutschland jeder versichert, ob nun erster oder zweiter Klasse.
Waehlen oder Nicht-waehlen? Ich bin immer noch ratlos. Vielleicht sollte ich einfach meine Familie und Freunde fragen, was sie fuer das beste Kreuzchen halten und dann dasselbe machen. So koennte ich wenigstens ihre Interessen unterstuetzen und gleichzeitig meine Pakete zu Weihnachten sichern.
In Neuseeland, zu dessen Politik ich einiges zu sagen haette, darf ich nicht waehlen. Es fuehlt sich schon komisch an, dem Wahlhelfer auf Stimmenfang in der Fussgaengerzohne zu erklaeren, dass man ja herzlich gerne ueber die Zukunft des Landes mitbestimmen wuerde, in dem man lebt, aber leider nicht dazu befugt ist. Ich weiss ja, es ist nur eine Stimme, aber wenn die einem vorenthalten wird, fuehlt man sich irgendwie machtlos. Vermutlich werde ich also doch einen Stimmzettel fuer die
Bundestagswahlen ausfuellen. Viva la Demokratie!
von Louisa von Reumont um 12:44
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danke, louisa, wir sind stolz auf dich; du beschäftigst dich mit den wahlprogrammen der parteien...!
bei einer kleinen straßenumfrage, wie kürzlich in der ard zu sehen, antworteten ca. 99% der befragten jugendlichen auf die frage, wer amtierender bundespräsident sei, mit "merkel"? auch die bedeutung der abkürzung "CDU" und "SPD" konnte maximal 1% der jungs und mädchen beantworten. aber was bedeutet "dsds"?
wir ahnten es bereits, das wußte wirklich jeder; na ja...
reggi am 29.03.09 17:01
Hm, ich stelle mir die gleiche Frage, aus den gleichen Gründen. Ich glaube, ich werde wählen gehen, weil ich kann und weil ich mit meinem Pass noch 'ne Weile 'rumlaufen muss.
Ultru am 30.03.09 8:40
*lach* ja, als Österreicher hatte ich in Deutschland auch immer das Problem, überhaupt nicht wählen gehen zu dürfen! Und jetzt wo ich in Holland wohne (wo alle Ausländer längst wahlberechtigt sind) ist mein Problem ein ganz anderes, wenn soll ich hier denn bloß wählen??? Zum Glück sind die holländischen Politiker und deren politische Entscheidungen den meisten anderen Nationen um Längen vorraus, so dass sie auf meine Stimme gut verzichten können!!! Aber in Deutschland denke ich, können die jede Stimme gebrauchen!? Viel Spaß beim Kopfzerbrechen!!! LG..
MadMatt am 30.03.09 16:52
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