Wenn ich etwas ueber die Lage der deutschen Nation erfahren will, die ich vor zwei Jahren hinter mir gelassen habe, lese ich keine Nachrichten. Ich hoere mir keine Politiker-Reden an und studiere nicht den Gesellschaftsteil der Zeitung. Stattdessen heore ich mir die
1Live-O-Ton-Charts an. Saemtliche Tragoedien und gesellschaftlichen Abgruende des banalen Alltags in Deutschland werden hier in zehn kurzen Ton-Schnipseln zusammengetragen und auf den Punkt gebracht. (Grobe Verallgemeinerung wird vorausgesetzt und bitte entschuldigt.) Und sagen wir mal so: Es steht nicht allzu gut. Trotz des blinden Optimismus, der offenbar vorherrscht - hier repraesentiert durch einen waschmittel-erwerbenden Vati ("Das Waschmittel kostet heute nur 1.99!" Interviewer: "Und sonst?" "Sonst alles gut!") - scheint die Heimat an verschiedenen Missstaenden zu kranken. Was zur Hoelle ist beispielsweise mit den Beziehungen der Deutschen los? Was im Ausland als Land starker, maskuliner und erfolgreicher Maenner wie Ralf Moeller, Michael Schumacher und Til Schweiger gilt, scheint zu einer Nation der Schlaffis zusammenzuschrumpfen. Das folgende schockierende Paar-Gespraech bei Britt observiert deutlich, wie sehr die Dinge im Argen liegen. Er (in weinerlicher Fluesterstimme): "Schatz, ich bin halt hierher gekommen, um zu beweisen, damit ich dich liebe." Sie (kreischend): "Ja, natuerlich! Was bist du fuer'n Schlappschwanz?" "Ich weiss wirklich nicht, woran das liegt..." "Nimm deine dreckigen Finger von mir!" "Schatz..." "Du sollst weggehen!" "Schatz... bitte..."
Au weia. Wenn so die Moderne Mitteleuropaeische Beziehung aussieht, dann gute Nacht. Natuerlich duerfen wir nicht vergessen, es handelt sich um eine Talkshow, da geht sowieso nur der Abschaum der Gesellschaft hin. Andererseits fuellen nun bereits seit Jahren Dutzende dieser Talkshows ihre Podien mit solchen Menschen, und das taeglich. Irgendwo muessen die ja herkommen. An emotional und geistig Debilen herscht offenbar keinerlei Notstand. Und tatsaechlich findet man sie nicht nur in Talkshows, sondern auch in wahnsinnig serioesen Magazinen wie Taff und Mitten im Leben. Ob es sich um geographische Kenntnisse handelt ("Hauptstadt von Sachsen?" "Thueringen! Nee. Doch.") oder die Finessen des Diaethaltens ("Du wiegst also jetzt 135 Kg. Ist das da dein Standard-Getraenk?" "Noe, manchmal trink ich auch Saft." "Was fuer Saft?" "Fanta, Sprite, Mezzo-Mix..."): Mental Herausgefordete scheinen fest im sozialen Gefuege des Landes verankert zu sein.
Doch auch Gutes fuehrt die Studie O-Ton-Charts zu Tage: Zumindest ein typisch deutsches Attribut, die gute alte Melancholie, ist dem Land der Dichter und Denker noch nicht floeten gegangen, wie deser Herr veranschaulicht: "Wenn man jetzt so nachmittags hier liegt, dann guckt man 'n bisschen aus dem Fenster, guckt man 'n bisschen die Tapete an, und dann merkt man so: Mensch, morgen ist Sonntag. Und bei mir ist das ja jeden Tag so, nich?"
Also: Vergesst den Tagesspiegel, fuer die wahre Diagnose Deutschlands hoert die O-Ton-Charts!
von Louisa von Reumont um 1:59
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ja, so mache ich das auch schon seit langem, kann dir nur zustimmen, Louisa!
Sabine am 23.03.09 14:27
"Roberto, du warst besoffen"
Dieser O-Ton ist mir immer noch im Kopf...
Schöne Grüße nach Neuseeland!
Lara am 25.03.09 6:14
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