Mein Tag fing heute schlecht an. Ich bin totmuede aufgewacht, weil ich keine Heizung habe und vor Kaelte nicht schlafen konnte. In der Kueche begruesst mich eine Ameisenstrasse quer ueber die Spuelmaschine, ich bemerke, dass ich vergessen habe, Tee zu kaufen. Als ich mir ein Glas Leitungswasser eingiesse, faellt mir ein, dass die Stromrechnung heute faellig ist. Scheisstag.
Die Arbeit ist ebenfalls eine Qual, Einzelhandel macht noch weniger Spass in einer Rezession, wenn die Leute alles machen nur nicht Shoppen. Ich kippele gelangweilt auf meinen unbequemen Absatzschuhen herum und aergere mich ueber das Wetter. Warum sind es schon Mitte Maerz nur acht Grad?, frage ich mich. Dauert der neuseelaendische Sommer nicht normalerweise laenger? Und koennen die verdammten Kiwis keine Haeuser mit Waerme-Isolierung bauen? Von dem kleinen Heizluefter neben mir kriege ich Kopfschmerzen. This day sucks. My life sucks. The world sucks!
Gegen Mittag ruft mein Freund an. Ich habe endlich eine halbwegs interessierte Kundin und bin jetzt nicht in Plauderstimmung. "In Deutschland hat gestern ein Schueler 15 Menschen ermordet", faellt er mir ins Wort. Ich vergesse meine Kundin. Das Wetter. Die Stromrechnung. Nur meine Kopfschmerzen werden staerker. Jean liesst mir die Fakten aus einem Internet-Artikel vor. Winnenden muss er mir buchstabieren, weil ich von dem Ort noch nie gehoert habe. Ich gucke es spaeter auf einer Karte nach.
Fuer meine Mitmenschen ist dieses Detail bedeutungslos. Sie haben von der Tat gehoert. Wenn ein Halbwuechsiger Amok laeuft und seine eigenen Mitschueler plus eine Handvoll Passanten erschiesst, macht das auch am anderen Ende der Welt Schlagzeilen. Regionale Unterschiede sind den Neuseelaendern egal, fuer sie ist das eine deutsche Sache. Fast schon ein deutsches Phaenomen, sagen sogar ein paar, die sich noch dunkel an den Amoklauf im Gutenberg-Gymnasium in Erfurt erinnern. Damals war eine Schiesserei an einer Schule in Deutschland noch etwas nie Dagewesenes, Undenkbares. Mittlerweile also ein deutsches Phaenomen. Mir fallen die beruehmten "Amerikanischen Verhaeltnisse" ein, und tatsaechlich lief ja nur Stunden zuvor auch in Alabama ein Schuetze Amok und toetete mindestens zehn Menschen. Ein deutsches, amerikanisches, ein westliches Phaenomen?
Jedenfalls kein neuseelaendisches, und so rueckt die Meldung auf neuseelaendischen News-Websites weiter und weiter nach unten, unter die Rugby-News und den reichsten Kiwi-Milliardaer. Und ich gehe nach Hause, schlucke ein paar Panadol gegen die Kopfschmerzen, wickle mich in Decken und versuche, mir die Stimmung in Deutschland vorzustellen. Es will mir nicht gelingen.
von Louisa von Reumont um 5:41
Permalink
Damit, daß Du Winnenden nicht kanntest, warst Du nicht allein. Kanzlerin Merkel hat den Namen bei ihrer Pressekonferenz auch falsch ausgesprochen. (Bei der Wiederholung in den Nachrichten eine Stunde später war dieser "Verleser" herausgeschnitten, und nochmals eine Stunde später fehlte der komplette Satz. - Die Politikberater denken eben selbst in solchen Momenten nur daran, daß ihr Mann/Frau "gut" aussieht, obwohl jeder es für ganz menschlich hielt einen Namen, den man zum ersten Mal hört falsch aussprach. Die Menschen hatten in dem Moment wirklich andere Sorgen.)
Winnenden liegt von mir (Fellbach) ca. 15-20 Autominuten über die B14 entfernt. Die meisten Kinder meiner Verwandschaft gehen dort zur Schule. Und da es sich um einen Schulkomplex handelt liegen alle Schularten unmittelbar beieinander. Der Sohn vom Freund meiner Schwester (Bittenfeld) geht dort zur Schule. Eine Verwandte wohnt direkt an der Schule. Glücklicherweise befindet sich niemand unter den Opfern. Fünfzehn andere Familien hatten weniger Glück. (Es fällt mir schwer die Familie des Täters, der ja auch noch eine Schwester hat, mit einzuschließen.)
Als uns die Nachricht von dem Amokläufer um 10 Uhr erreichte (ich arbeite im Stammwerk von Daimler in Stuttgart/Bad Cannstatt), war es eine unwirkliche Situation, weil niemand natürlich etwas genauers wußte. Ein Arbeitskollege ließ alles stehen und liegen und fuhr nach Winnenden, weil seine beiden Töchter dort ebenfalls auf das Gymnasium gehen. Daß es die Realschule nebenan war, die der Verrückte heimsuchte, wußte da noch niemand. Später donnerten die Hubschrauber übers Werk, als er dann plötzlich in Wendlingen auftauchte und dort im Autohaus Hahn einen Verkäufer und dessen Kunden tötete. Zwei weitere Menschen im Haus übersah er glücklicherweise und die konnten dann, als er nachladen mußte durch die Hintertür in das gegenüberliegende Gebäude (glaube es ist ein Paketdienst oder so was. Ich bin nicht so oft in Wendlingen. Ist noch kleiner als Winnenden) fliehen und verbarrikadierten sich dort.
Im Hinterhof dieses Autohauses wurde er ja dann auch von der nachrückenden Polizei, vermutlich die aus dem/den Hubschrauber/n festgesetzt.(Die ersten beiden hat er noch im Wagen schwer verwundet, Hals- und Beindurchschuß. Aber sie sind mittlerweile außer Lebensgefahr.) Und dort hat er sich auch selbst erschoßen.
Am schlimmsten war diese Ungewißheit, der wie ein lähmender Nebel über allem lag, während man nur am Radio hing und verfolgen konnte wo er gerade gesehen wurde. Dann hieß es er sei in der Winnender Innenstadt, wohin er nach dem Schulmassaker geflüchtet war, von einer Polizistin gefaßt worden. Dann, als die Hubschrauber nicht Richtung Winnenden sondern entgegengesetzt übers Werk rasten war uns sofort klar, daß dies nicht stimmen konnte. Und dann wurde auch schon durchgegeben, daß er in Wendlingen aufgetaucht sei (ca. 40 km von Winnenden entfernt) und dort weitermordet.
Wie gesagt, am schlimmsten war die Ungewissheit wen es als nächstes trifft, weil er ja völlig wahllos mordete - und diese Hilflosigkeit nichts, aber auch gar nichts tun zu können, als abzuwarten bis die Einsatzkräfte diesen Wahnsinnigen gestoppt hatten. Die erschoßenen Kinder in den Klassen hatten teilweise die Schreibstifte noch in den Händen, so ohne jede Vorwarnung ist das Unheil über sie hereingebrochen.
Als die Nachricht von seinem Tod kam, war das wie eine Erlösung, aber ich denke, daß der eigentliche Schock bei den meisten erst noch kommen wird, wenn die Menschen bewußt realisieren was eigentlich geschehen ist. Und weil es so völlig sinnlos war.
Schöner Gruß ans andere Ende der Welt
Frank am 13.03.09 1:01
Zum Anfang dieses Eintrags
Zum SeitenanfangPermanente URL dieser Seite: http://www.wdrblog.de/einslivereise/archives/2009/03/12/
Der WDR ist nicht für Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.