Die Zeit : Rosenmontag 2007. Der Ort : Das 1LIVE-Buero im Mediapark in Koeln. Mein erster und einziger Koelner Karneval. Ich war fest davon ueberzeugt, es sei ein ganz normaler Arbeitstag – ich wusste ja nicht, dass den Koelnern ihr Karneval heiliger ist als Weihnachten. Dementsprechend geschockt war ich, als noch vor Mittag die meisten Mitarbeiter aufsprangen und mit Berlinern und Papphuetchen bewaffnet in die Innenstadt eilten, um sich heidnischen Ritualen und infernalischen Trinkgelagen hinzugeben.
Gegen die Allmacht dieser Bewegung kam ich nicht an, und so wurde ich von meinen Kollegen mitten ins bunte Treiben geschleift. Vorher musste ich noch auf der Domplatte eine ziemlich schlechte Uma-Thurman-Pulp-Fiction-aber-in-blond-Peruecke kaufen, denn “ohne Verkleidung geht nix.” Den Rest des Tages verbrachte ich eingezwaengt zwischen tausenden Feierwuetigen mit Billig-Bier, schrecklichen Schlagern und mehr Billig-Bier. Abends dann sass ich benommen in der Bahn nach Wuppertal und betete dafuer, mich erst zu Hause und nicht schon im Zug zu uebergeben. Ein voellig normaler Koelner Karneval also.
Die Zeit: Karneval 2009. Der Ort: Eine Bar in Napier, Neuseeland.Das Schicksal wollte es so, dass just zu der Zeit, wenn im Sektor die Nacht der lebenden Jecken herrscht, das kleine Staedtchen Napier Art Deco Weekend feiert. Einmal im Jahr kommen Tausende Besucher, bestuecken sich mit Kostuemen aus den 20ern und 30ern und tanzen Charleston, halten Champagner-Picknicks und fahren mit Oldtimern durch die Strassen. Das Spektakel ist sehr gediegen und stilvoll, verhaelt sich zum Koelner Karneval also ungefaehr wie Miss Daisy zu Mutter Flodder.
Tief gepraegt von meinen karnevalistischen Erlebnissen vor zwei Jahren, beschloss ich kurzerhand, ein wenig Koelsche Raubeinigkeit ins Art Deco Weekend einzufuehren und das Event auf seine Karnevalstauglichkeit hin abzuklopfen.
So setzte ich einmal mehr meine schlechte blonde Peruecke auf, warf mir ein Faltenkleidchen ueber und schickte mich an, zu buetzen, schunkeln, fummeln und kamellen. Die Art Deco Party fand in einer kleinen Bar statt und war bestueckt mit trinkwilligen Verkleideten. Beste Voraussetzungen also: Im
1LIVE Karnevals-ABC von Olli Briesch und Micha Imhof steht, dass Alkohol eine Grundvoraussetzung ist. Ich kam dieser Auflage mit zwei hastig verzehrten Gin Tonics nach. Punkt Eins war demnach schonmal erledigt.
Als naechstes machte ich mich ans Butzen. Meine ausgelassenen Kussversuche wurden allerdings nicht nur von den Wildfremden, die ich abschmatzen wollte, sondern auch von meinem Freund kritisch beaeugt. Als ich Jean anschliessend erklaerte, ich muesse ausserdem jemandem zum Fummeln finden, weil das zum Koelner Karneval unbedingt dazu gehoere, bekam ich eine Kontaktsperre mit saemtlichen maennlichen Partygaesten auferlegt. Zum Glueck erklaerte sich aber meine Bekannte Hayley grosszuegig dazu bereit, meinen Hintern zu betatschen, was Jean seltsamerweise nicht nur guthiess, sondern auch sehr bereitwillig in Fotos festhielt – vielleicht lag es daran, dass sie definitiv in die Kategorie „Lecker Maedche“ faellt.
Mit dem Schunkeln hatte ich weniger Glueck. Schunkel-Unerfahrene neigen offenbar dazu, das freundschaftliche Gewackel als taetlichen Angriff zu interpretieren, und so stand ich bald ganz alleine da, nachdem sich alle anderen genervt von mir abgewandt hatten. Auch meine zaghaften „Alaaf“-Rufe wurden gnadenlos ignoriert oder gar mutwillig missverstanden („You love what?“). Es galt, Sympathien wiederzugewinnen. Hoechste Zeit fuer Kamelle. Aber komisch: Obwohl ich extra die leckeren Zitronenbonbons ausgewaehlt hatte, wurde mein Geschenk an die Menge ueberhaupt nicht zu schaetzen gewusst. Als dann ein ungluecklich gezieltes Bonbon einen befrackten Gentleman am Kopf traf, brach ich das Projekt „Karnivalize Art Deco Weekend“ notgedrungen ab. Offenbar ist Napier noch nicht reif fuer solcherlei rustikales Treiben. Dann trinkt halt weiter eure Sekt-Schorlen. Es gibt immer noch naechstes Jahr!
von Louisa von Reumont um 8:12
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jawoll, et funkemariesche ist zurück am schreibtisch!!! herrlich. bitte mehr peinliche inter-kulturelle szenarien heraufbeschwören!dicker kuss aus berlin
dean am 23.02.09 19:09
Helau und Alaaf,
Neuseeland ist einfach nicht so weit.
Aber die habe nja shcon ihre eigene "Loveparade" wie du im vergangenen Jahr schon geschrieben hast.
Bald sind die Kiwis bereit für den Karneval.
Michael aus Osnabrück am 23.02.09 21:17
hans leyendecker, bekannter journalist und bekennender jeck ließ just zum rosenmontag verlauten, daß es den einzigen und wahren karneval nur in köln gibt. da seine frau wegen einer verletzung den arm in einer schlinge tragen mußte, verkleidete er sich zum rosenmontagszug aus solidarität als arzt, wie er zugab nicht sehr originell, aber effektiv. denn tatsächlich wurde er mehrmals um medikamente gebeten; sein lapidares statement: "tut mir leid, damit kann ich nicht helfen, ich bin pathologe".tja, der humor der journalisten....
dachte, das würde dich interessieren; kölle alaaf!!!
reggi
regina von reumont am 23.02.09 21:18
Näää, wat schön! Et Louisa is wigger am Bloggen! Bitte bitte mehr davon. "Karnivalize Art Deco Weekend" - seehr geil.
Bützje,
Kollegin Angie am 25.02.09 19:36
Oooooh wie geil! :-)
Louisa ist wieder Online. *Froi*
Ich hab in den letzten Monaten unregelmäßig hier rein geschaut und
die Hoffnung nie aufgegeben. Und heute
schau ich und es gibt neue Einträge.
Wie schön das es wieder weiter geht und
schön dich wieder zu lesen. :-)
Liebe Grüße
Klaus
Klaus am 27.02.09 9:58
Klasse, dass Du wieder online bist und das Kiwi-Leben zu uns bringst.
Da kann man ja nun wieder in Napier vorbeischauen :-)
Mach weiter so - ich weiss gar nicht, wie man die ganzen Monate ohne Deinen Blog leben konnte...
Robbi am 1.03.09 20:51
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